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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Umwelt

Tickende Zeitbombe: Gift im Schacht

Von Cordelia Chaton | 25. Oktober 2013 | Ausgabe 43

Der Bergbaukonzern RAG hat jahrelang giftige Filterstäube aus Müllverbrennungsanlagen in seinen stillgelegten Flözen gelagert und dafür Millionen kassiert. Jetzt fürchten Bewohner eine Vergiftung des Grundwassers. Denn spätestens 2018 stellt die Ruhrkohle AG das Abpumpen des Grundwassers in den ausgekohlten Flözen ein. Im Umwelt- und Wirtschaftsministerium NRW herrscht Nervosität.

A43 S9 A

Anfang Oktober fanden im NRW-Wirtschafts- und Umweltministerium Gespräche wegen der Grundwassergefährdung durch Giftmüll statt. Denn die RAG hatte in den 1990er-Jahren ca. 700 000 t toxische Filterstäube aus Müllverbrennungsanlagen in stillgelegten Zechen gelagert. An den Gesprächen nahm auch Biochemiker und Abfallexperte Harald Friedrich aus Meschede teil. Im Auftrag des Landwirts Hermann Schulze-Bergcamen hat er ein Gutachten erstellt und kommt zu erschreckenden Resultaten.

"Nach Abfallrecht wären diese Sonderabfälle in die Hochsicherheitsdeponie im Steinsalz nach Herfa-Neurode gebracht worden, aber auf keinen Fall in eine Zeche, die nach der Beendigung des Bergbaus mit Wasser geflutet wird", kommentiert Gutachter Friedrich die Fakten. "Der Unterschied der Lagerstätten Bergwerk und Hochsicherheitsdeponie entspricht in etwa dem eines Kartenhauses im Vergleich zu einem Bundesbank-Tresor."

Laut Friedrich geht es um "das Giftigste vom Giftigen": Schwermetalle wie Cadmium und Blei, krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe sowie Dioxine und Furane sind in den Filterstäuben enthalten.

"Es gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit dazu, ein konzentriertes Gift-Abfall-Gemisch wieder großräumig in der Umwelt zu verteilen und möglicherweise riesigen Grundwasserleitern zugänglich zu machen", meint Friedrichs. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) spricht von einer "gigantischen tickenden Zeitbombe".

Gutachter Friedrich hat selbst lange Jahre im Düsseldorfer Umweltministerium als Abteilungsleiter für Abfall und Wasser gearbeitet. Er erinnert sich noch gut an die Zeiten, als die RAG eine heilige Kuh war. "Aber heute ist sie nicht mehr sakrosankt", stellt er fest. Friedrich hat das Gutachten im Auftrag des Landwirts Schulze-Bergcamen durchgeführt, dessen Familie seit 500 Jahren Gemüse anbaut und dessen Äcker um bis zu 30 m abgesackt und unfruchtbar geworden sind. Er liegt seit Jahren im Streit mit der RAG.

Für den Biochemiker Friedrich ist klar, dass die Bergwerke "trickreich und geräuschlos" von der RAG und der damals regierenden SPD für die Sondermüllentsorgung genutzt wurden. Frei nach dem Motto: Wer geht schon hin und schaut in 1000 m Tiefe nach?

Für die Politik, die in den 80er-Jahren zahlreiche Müllverbrennungsanlagen gebaut hatte, war die Entsorgung praktisch. Die RAG erhielt bis zu 500 DM/t – und hatte die Verantwortung. Der Wirtschaftsminister war kohlefreundlich, die Bergbaubehörden beflissen. Erst unter Jürgen Trittin (Die Grünen) als Wirtschaftsminister wurde diese Praktik 2002 eingestellt.

Jetzt tauchen Fragen auf. Die stellt oft genug Josef Hoveljürgen (CDU), der in dem für Bergbausicherheit zuständigen Landtagsausschuss sitzt. Hoveljürgens Wahlkreis liegt in Haltern, an einem großen Grundwasserreservoir. "2018 will die RAG die Grubenwasserspiegel auf 500 m anheben. Dann ist der Giftmüll im Wasser", sorgt er sich. Durch das Abstellen der Pumpen will die RAG jährlich rund 200 Mio. € an sogenannten Ewigkeitskosten sparen.

Zwar gibt es in Haltern keine Zechen. Die betroffenen Schachtanlagen befinden sich in Gelsenkirchen, Bergkamen und am Niederrhein. Konkret geht es um die Zechen Consolidation und Haus Aden sowie Walsum, die ursprünglich ihren Anfang in Duisburg hatte und sich mittlerweile unterirdisch auf die Stadtgebiete von Dinslaken, Voerde und Kamp-Lintfort ausgedehnt hat. "Aber es gibt Veränderungen in der Bodenstruktur, da kann man Risse nicht ausschließen. Was passiert, wenn die gewässert werden? Und das Ganze Richtung Rhein entwässert wird?", fragt Hoveljürgen.

Mehrere Anfragen hat er im Landtag an die Regierung gestellt, die er "intensiv gefordert" sieht – beispielsweise zum Fracking. Den CDU-Fraktionsvorsitzenden interessiert auch, ob sich die Landesregierung nur auf Urteile der RAG gestützt hat. Dieser attestiert er ein "ganz eigenes Selbstverständnis". Und was als Bergaufsicht bezeichnet werde, "findet mit Verlaub nicht wirklich statt".

Gutachter Friedrich sieht noch weitere Probleme durch die Emscher-Sanierung nach dem Grundwasseranstieg. "Die größte Frage ist, ob das Geld der Ruhrkohlestiftung reicht, um die Ewigkeitsfolgen zu tragen. Die RAG hat zwar gut über 1 Mrd. DM verdient – aber wenn man die Abfälle hochholt, sind die Kosten höher als der frühere Gewinn." CORDELIA CHATON

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