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Donnerstag, 8. Dezember 2016, Ausgabe Nr. 49

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Tragbare Elektronik

Von der Logistik bis zum Krankenhaus: Wearables erobern die Wirtschaft

Von Frank Erdle | 8. Mai 2015 | Ausgabe 19

Datenbrillen und smarte Uhren gelten als vielversprechende Wachstumstreiber für die IT-Branche. Experten sehen nicht nur bei technikaffinen Konsumenten Potenzial, sondern auch bei Geschäftskunden.

x - wearables BU BMW
Foto: BMW

Mit der Brille ins Detail: Ob wie hier bei BMW oder beim Logistikunternehmen DHL – Datenbrillen dürften in den nächsten Jahren in vielen Firmen Einzug halten.

Elektronik zum Anziehen gibt es fast schon so lange wie Computer: Vor 30 Jahren brachten Hersteller wie Casio oder Timex Armbanduhren mit Digitalanzeige und integriertem Taschenrechner auf den Markt. Doch vom Zeitalter der Vernetzung ahnte man damals noch nichts. Wearables von heute kommunizieren mit Smartphones, Cyberbrillen oder Maschinen, kontrollieren den Herzschlag oder entführen in Entertainmentwelten.

Neue Mensch-Maschine-Schnittstellen werden aber bald auch den Businessbereich erobern. Dort sorgen sie nicht nur für schnelleres und fehlerreduziertes Arbeiten in Industrie und Handel, sondern revolutionieren auch den Gesundheitssektor: Wearables werden bei der Patientenbetreuung künftig ebenso zum Alltag gehören wie Datenbrillen im OP.

Der digitale Durchblick wird immer wichtiger – doch viele Firmen scheuen den Einstieg: Nach einer internationalen Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) investieren aktuell lediglich 3 % in intelligente Elektronik, die am Körper getragen wird.

Effizienzgewinn bei der Kommissionierung

Zu den Vorreitern zählt der deutsche Logistikanbieter DHL: Im Rahmen eines Pilotprojekts erprobte der Konzern 2014 in einem holländischen Verteilzentrum „Smart Glasses“ mit Augmented-Reality-Software. Dazu wurden die Mitarbeiter mit Datenbrillen ausgerüstet, die bei der Kommissionierung alle erforderlichen Arbeitsschritte ins Sichtfeld der Lageristen einblendeten. Das Ergebnis war eine Effizienzsteigerung von 25 %.

Auch bei Volkswagen soll die neue Technik helfen, die Arbeitsabläufe im Wolfsburger Zentrallager zu vereinfachen. Statt des bisher eingesetzten Handscanners sollen die Beschäftigten dann eine Datenbrille benutzen. Ähnliche Lösungen können bei komplexen Montagearbeiten zum Einsatz kommen – und in Krankenhäusern, wenn es um komplizierte Eingriffe im OP geht, für die ein Spezialist zugeschaltet werden soll.

Deutsche Anwendungen für Google Glass

Die deutsche Firma Ubimax entwickelt seit mehr als zehn Jahren Lösungen für tragbare Computer. Die Bremer arbeiten für Konzerne wie BMW, Daimler und DHL, aber auch für mehrere Mittelständler. Als einer von weltweit zehn zertifizierten Google-Glass-Partnern treibt Ubimax die Entwicklung innovativer Softwareprogramme für die Computerbrille voran, die viele IT-Experten schon zum Auslaufmodell erklärt haben. In Wahrheit hat man bei Google nur den Reset-Knopf gedrückt und fokussiert sich mit dem Brillenkonzept auf das B2B-Geschäft.

Hier sieht Ubimax-Geschäftsführer Percy Stocker riesige Chancen: „In den nächsten Jahren wird eine Fülle von Wearables auf den Markt kommen. Dabei wird es zunehmend um Anwendungsfälle mit mehreren dieser Produkte gehen – z. B. eine Datenbrille für die primäre Visualisierung und Umgebungserfassung sowie eine Uhr zur Gestensteuerung.“ Darüber hinaus müssten externe Sensoren eingebunden werden. „Damit werden Wearables zum Bindeglied zwischen dem Menschen und dem Internet der Dinge.“

Entsprechend hoch sind die Umsatzerwartungen an die Technologietrendsetter: Marktanalysten von IDC rechnen für dieses Jahr mit der Auslieferung von 45,7 Mio. Wearables; 2019 sollen es 126,1 Mio. Geräte sein. Für den Löwenanteil des Wachstums soll das sogenannte Wristwear-Segment sorgen. Dazu zählt die neue Apple Watch, aber auch Uhren von LG, Samsung oder Sony mit dem Google-Betriebssystem Android Wear, das der Konzern jetzt mit WLAN-Support und Handgelenksgesten aufgewertet hat.

Wearables wirken auch auf Hacker anziehend

Weniger gern spricht man bei Google & Co. über Themen wie Sicherheit und Datenschutz der neuen Gerätegattung. Wer z. B. seine Datenbrille über ein WLAN-Netz mit dem Internet verbindet, wird relativ leicht zum Opfer einer Man-in-the-Middle-Attacke: Potenzielle Angreifer können den Datenverkehr abhören. „Die Schwachstelle ist zwar nicht dramatisch“, erklärt IT-Security-Spezialist Roberto Martinez von Kaspersky Lab. „Das Profiling mithilfe der Metadaten aus dem Internetverkehr kann aber der erste Schritt sein für einen umfassenderen Angriff.“ Die Nutzung einer Smartwatch birgt ebenfalls Risiken. Hier könnten Kriminelle über Apps Schädlinge einschleusen.

Ausdauer wie bei Smartphones unbefriedigend

Ein weiteres Manko ist die geringe Akkuleistung der Smartwear: Viele der permanent mit dem Handy oder Internet verbundenen Minicomputer müssen jeden Abend zum Nachladen an die Steckdose. Dennoch sehen Experten wie Werner Ballhaus, Partner und Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC, in Unternehmen ein großes Potenzial für Datenbrillen, intelligente Uhren und vernetzte Elektronik zum Anziehen. „In Fabriken könnte man mit den Uhren die Arbeitsbelastung der Beschäftigten reduzieren und ihre Sicherheit optimieren. Krankenhäuser könnten sie für die Echtzeitkommunikation zwischen Ärzten und Krankenschwestern nutzen, Flughäfen oder Hotels für den Check-in“, schwärmt Ballhaus. „Diese Anwendungen stehen zwar noch am Anfang, aber in den nächsten Jahren werden wir eine rasche Ausweitung solcher Einsatzmöglichkeiten sehen.“

Drei weitere Beispiele zeigen, was heute möglich ist. So bringt der von Ex-BMW-Mitarbeitern und Ideo-Designern entwickelte Sensorikhandschuh Proglove in der Produktion klare Geschwindigkeits- und Qualitätszuwächse. Das Arbeitswerkzeug lässt sich in verschiedene Applikationen einbinden, um es mit anderen Prozessen in Firmen zu vernetzen. Viele Szenarien sind denkbar: vom Alarm auf dem Smartphone bei einem Fertigungsfehler bis zum Zutrittsmanagement.

Noch auf Vermarktungspartner wartet ein Projekt von Informatikern der Universität Saarbrücken: Die Forscher haben auf der Cebit elastische Silikonsticker vorgestellt, die wie Tattoos aussehen. Die eingebetteten Sensoren machen die Haut zur berührungsempfindlichen Eingabefläche für Smartphones und Tablets.

Foto: Uni Saarbrücken

Sensible Haut: Elastische Silikonsticker mit Sensorik machen aus der Haut eine Art Touchpad – Industrieanwendung wird noch gesucht.

Ebenso aufhorchen ließ unlängst die Meldung, dass sich der Schweizer Pharma-Multi Novartis mit Googles Innovationslabor Google X verbündet, um die Entwicklung smarter Kontaktlinsen voranzutreiben. Damit ließen sich Blutzuckerwerte bei Diabetikern messen und die Folgen verschiedener Augenkrankheiten mindern, heißt es.

Foto: Google

Intelligenz unter der Linse: Smarte Kontaktlinsen sollen Blutzucker und mehr messen können.

Neil Harbisson ist da einen Schritt weiter: Weil der Brite die Welt seit seiner Geburt nur in Schwarz-Weiß-Bildern sieht, trägt er einen Eyetracker vor der Stirn, der Farbinformationen aufzeichnen kann. Ein Chip unter dem Haupthaar wandelt die Ergebnisse dann in Töne um. So wird aus Rot ein F und aus Blau ein Cis. Doch wie die meisten Wearables kämpft auch Harbissons Eigenkonstruktion mit Performance-Problemen: Etwa alle drei Tage versorgt er sich über einen USB-Anschluss mit frischer Energie. 

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