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Donnerstag, 22. September 2016, Ausgabe Nr. 38

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Automatisierung

„Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir global handeln“

Von Martin Ciupek | 28. August 2015 | Ausgabe 35

Das Industrial Internet Consortium (IIC) mit Sitz in Needham/Massachusetts möchte mit der deutschen Plattform Industrie 4.0 zusammenarbeiten und nicht mit ihr konkurrieren. Das sagt zumindest Stephen J. Mellor, der Chief Technical Officer der Organisation.

Mellor-BU
Foto: M. Ciupek

Stephen Mellor: Der britische Informatiker sieht im Industrial Internet einen großen Markt mit Raum für viele erfolgreiche Unternehmen.

VDI nachrichten: Zu Internet-Geschäftsmodellen heißt es bisher oft, dass der Besitzer der Plattform das Geld verdient. Wie kann so etwas für Industrieunternehmen und Maschinenbauer interessant sein?

Mellor: Gegenfrage. Warum verdient der Plattformbesitzer das Geld?

Mellor und das IIC

Weil er die Daten besitzt und daher die Bedürfnisse der Nutzer kennt, heißt es.

Okay. Sollten die, die daran teilhaben, nicht auch ein Interesse an den Daten haben? Ich will damit sagen: Es ist nicht zwangsweise so, dass die Besitzer der Plattform auch die Daten besitzen. Wenn das immer der Fall wäre, dann würden die Teilnehmer der Plattform nicht mehr länger zusammenarbeiten.

Wird das Google-Geschäftsmodell falsch verstanden?

Ich glaube nicht, dass das Google-Geschäftsmodell falsch verstanden wird. Die Märkte entwickeln sich nur unterschiedlich. Google kann seine Plattform monopolisieren, weil wir in Google suchen um Zeit zu sparen. Das ist ein Netzwerkeffekt.

Der Industrial-Internet-Markt ist dagegen zu groß, als dass ihn eine Plattform komplett besitzen könnte. Vielleicht wird es einige Unternehmen geben, die kleine Nischen alleine besetzen, wo sie wie Google ein Monopol haben werden. Die Gesamtheit ist aber so groß, das kein Land, keine Firma – also nichts und niemand – es allein besitzen kann. Deswegen wird es definitiv eine Zusammenarbeit geben müssen und entsprechende Geschäftsmodelle. Damit meine ich nicht so sehr Geschäftsmodelle für Geschäfte mit Verbrauchern, sondern business-to-business. Ansonsten wird da niemand mitmachen wollen. Dann wird nichts passieren. Das bringt niemanden weiter.

Auf den Plattformen werden Unternehmen also Daten austauschen und sicherstellen, wem die Daten gehören.

Das müssen sie. Das ist die kurze Antwort.

Und die ausführlichere lautet ...

Genau betrachtet gibt es zwei Ebenen: Die erste ist, dass wir zu einer Einigung kommen müssen, wem was gehört – nicht global, nicht zwischen den Ländern, sondern Gewerbe für Gewerbe.

Wenn ich also meine Daten an Facebook gebe, dann möchte ich auch etwas zurückbekommen. Das muss klar definiert sein. Das Problem ist, dass es immer einen Vertrag gibt, der aber dem Kunden nicht groß kenntlich gemacht wird. Was ich damit sagen will ist, dass die Verträge für beide Seiten transparent sein müssen.

Weil wir business-to-business sprechen, ist das vernünftig und wird erwartet. Menschen müssen sagen können, das ist meins und ich möchte es behalten.

Das Schöne an den Daten ist, dass ich sie teilen kann. Sie lassen sich einfach vervielfältigen. Ich kann genauso sagen, okay ich gebe meine Daten ab und bekomme Geld. Dann kann der Käufer mit den Daten sein eigenes Geschäft machen. Das ist das eine.

Die zweite Ebene ist IIC-spezifisch. Wir glauben grundsätzlich an etwas wie den Blue-Ocean-Markt. Der Begriff kommt von den Professoren W. Chan Kim und Renée Mauborgne, die ihn an der INSEAD Business School entwickelten. Sie unterschieden zwei Arten von Märkten. Auf der einen Seite den Red-Ocean-Markt, in dem die Teilnehmer im Wettbewerb sind und es bestehende Märkte gibt, in die andere eindringen wollen. Auf der anderen Seite den Blue-Ocean-Markt, der offen und frei ist von Kämpfen. Da gibt es viele Möglichkeiten für Innovationen und die Chance, neue Märkte zu besetzen und Partner zu finden.

Kampf kostet immer auch Ressourcen.

Exakt. Das Ergebnis ist ein langsames Wachstum, weil es um Wettbewerb geht und weniger um Zusammenarbeit.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Der offene Markt, in dem zusammengearbeitet wird, ist größer als umkämpfte Märkte. Deswegen ist dort eine größere Chance für Kollaboration und wir können alle davon profitieren.

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede zwischen dem IIC und der Plattform Industrie 4.0?

Wir beide konzentrieren uns auf die Industrie. Die Plattform Industrie 4.0, wie ich sie bisher wahrgenommen habe, ist eher auf Produktionsunternehmen fokussiert. Die stehen im Zentrum der Strategie. Aber die Plattform ist offen, genauso wie wir, das IIC. Wir adressieren alles was mit Industrie zu tun hat: Fertigung, Transport, Healthcare und andere Branchen.

Wir betrachten also mehrere Dinge als unseren Aufgabenbereich. Deshalb sehe ich eine große Chance für uns, wenn wir künftig in der Gesamtheit zusammenarbeiten. Das heißt, es würde uns beiden helfen, wenn wir uns zusammenschließen und in die gleiche Richtung arbeiten. Wir würden profitieren von der spezifischen Expertise der Plattform Industrie 4.0 im Bereich der Fertigung.

Wie arbeitet das IIC?

Organisationen wie das IIC neigen dazu, mit den Technologieanbietern zu beginnen. Das bedeutet, hier finden Sie zunächst Cisco, RT&T und ähnliche Anbieter, aber nicht Anwender wie DukeEnergy – solche Unternehmen stoßen später dazu. Sie wollen erst sehen was da passiert.

Jetzt werden verschiedene vertikale Ausrichtungen entwickelt. Wir haben z. B. eine Gruppe, die sich auf Energie konzentriert. Wir haben eine Testumgebung dazu für Smart Grids. Das passt also schon gut zusammen. Im Bereich der Fertigung haben wir das noch nicht.

Bosch, Cisco und andere arbeiten doch im IIC schon gemeinsam daran, Werkzeuge in der Produktion zu vernetzen?

Was wir da haben ist eine Testumgebung. Uns fehlt aber noch eine komplette Gruppe mit Anbietern und Anwendern. Das ist der Bereich wo Industrie 4.0 uns sicher helfen kann. Umgekehrt werden wir auch helfen können, weil wir Leute haben, die daran interessiert sind. Das schafft neue Märkte.

Wo können sie sich sonst noch eine Zusammenarbeit vorstellen?

Es gibt auch Gemeinsamkeiten auf anderen Gebieten. Auf der einen Seite steht das Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 – kurz RAMI 4.0. Wir haben ebenfalls ein Modell. Also frage ich mich, wo gibt es hier Gemeinsamkeiten und wo gibt es Unterschiede. Und: Wie können wir das zusammenbringen? Ich denke, wenn wir in all den Dingen erfolgreich sein wollen, dann müssen wir das Thema global behandeln.

Teilweise wird das IIC eher als US-Initiative und Wettbewerber betrachtet.

Das ist eine allgemeine Fehleinschätzung. Die fünf Gründerunternehmen agieren global. Darüber hinaus haben wir Fujitsu, Huawei, Toshiba, Bosch, Tech Mahindra und viele andere in der Initiative. Zwei unserer bisherigen drei Testumgebungen befinden sich außerhalb der USA. Das IIC ist also global und was wir wollen sind globale Standards. Das bedeutet, dass wir mit allen Partner zusammenarbeiten, die in den unterschiedlichen Bereichen tätig sind.

In Deutschland wird die Plattform Industrie 4.0 teilweise als Konkurrent des IIC betrachtet und Zwischenergebnisse werden gegenübergestellt. Sie sehen da also keinen Wettbewerb?

Richtig. Ich sehe diesen Wettbewerb nicht.

In der deutschen Fertigungsindustrie gibt es einige Befürworter des plattformunabhängigen Kommunikationsstandards OPC-UA. Haben Sie sich damit schon beschäftigt?

Wir haben Kontakt zur OPC Foundation, ebenso wie zu anderen Organisationen. Die Grundhaltung des IIC ist schließlich die Kollaboration und Harmonisierung. Wir wollen die Dinge so eng wie möglich zusammenbringen.

Bedeutet das Harmonisierung um jeden Preis?

Nein. Wenn es z. B. Unterschiede zwischen Robotik und Healthcare geben muss, dann ist das so. Aber es gibt auch viele Aktivitäten bei denen keine Unterschiede nötig sind. Also lasst uns zusammenarbeiten, um die Dinge harmonisiert zu bekommen.

Wie bewerten Sie das Engagement asiatischer Unternehmen beim Aufbau des Industriellen Internet?

Es gibt ein großes Interesse in Asien. Ich hatte bereits Tech Mahindra aus Indien erwähnt. Das Unternehmen arbeitet an der Testumgebung mit Bosch zusammen. TCS –Tata Consulting Service – ist ein weiteres Mitglied des ICC. Auch sie sind sehr zukunftsweisend. Huawai ist dabei und noch andere chinesische Unternehmen. In Beijing haben wir darüber hinaus Kontakte zu dem Amt, welches für Krankenhäuser zuständig ist. In Japan sind z.B. Fujitsu, NEC und Toshiba mit dabei.

Für Außenstehende ist die Entwicklung dort schwer einzuschätzen. Warum?

Es gibt kulturelle Unterschiede, insbesondere im Umgang mit Risiken. Das bedeutet, in Asien wird wenig über technische Entwicklungen gesprochen, bevor sie abgeschlossen sind. Ich höre natürlich einiges, aber wir werden sehen wann diese Dinge konkret werden.

Ist es also einfacher mit Amerikanern oder Europäern zusammenzuarbeiten?

Nein, das möchte ich nicht sagen. Man hört nur eher etwas von einem amerikanischen Unternehmen als z.B. von einem japanischen Unternehmen. Die Amerikaner mögen etwas ankündigen und das Ziel verfehlen, dann sagen sie okay, lass uns etwas anderes machen. Japaner sind da eben anders.

Sie sehen also eine gute Basis für eine globale Zusammenarbeit, solange alle Partner davon auch wirtschaftlich profitieren können?

Genau, so ist es! Das ist der entscheidende Punkt.

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