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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

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Offshore-Windkraft

Windbranche braucht auf See zweites Testgelände

Von Ralf Köpke | 16. Januar 2015 | Ausgabe 03

Eine Reihe von Unternehmen wünscht sich für ihre technologischen Neuerungen ein weiteres Offshore-Windtestfeld. Ansonsten drohe eine Schwächung der deutschen Offshore-Windindustrie.

w - Beta Ventus BU
Foto: Trianel

Offshore-Testfeld Alpha Ventus: Der 60-MW-Windpark wird seit 2010 betrieben. Die Offshore-Branche plädiert für ein zweites Testfeld; sie will dort neue Technologien erproben, die vor allem die Kosten senken sollen.

In der ersten Dezemberwoche vergangenen Jahres hatte sich der Windturbinenhersteller Senvion (ehemals REpower Systems) das schönste Nikolaus-Geschenk gemacht: Die Deutschland-Dependance der indischen Suzlon-Gruppe beendete die Aufbauarbeiten für den Prototyp ihrer technologisch verbesserten 6-MW-Offshore-Windturbine in Langen-Neuenwalde, rund 20 km nördlich von Bremerhaven.

Alpha Ventus, deutsches Testfeld für Offshore-Windkraft

Die neue 6.2M152 bringt es auf einen Rotordurchmesser von 152 m, was im Vergleich zum Vorgängermodell einen bis zu 20 % höheren Energieertrag möglich machen soll. Mit dem vergrößerten Rotordurchmesser muss sich Senvion nicht hinter den Offshore-Maschinen verstecken, die andere Windschmieden bereits vorgestellt haben oder in Kürze auf den Markt bringen.

Nicht nur über dieses „Upscaling“ freut sich Norbert Giese. „Wir sind froh, für unsere Riesenanlage einen Teststandort gefunden zu haben. Gerade an Land, und dann noch an wirklich windreichen Ecken, sind solche Standorte rar“, sagt der Offshore-Windexperte bei Senvion.

Giese legt damit den Finger in eine offene Wunde: Nach Alpha Ventus, dem ersten Offshore-Testfeld in der deutschen Nordsee – seit 2010 in Betrieb –, sieht es derzeit für die deutsche Offshore-Windbranche sehr bescheiden mit Teststandorten auf dem Meer aus. Dabei wäre Bedarf da: „Wir wissen von rund zehn Firmen, die für ihre Prototypenanlagen, Bauteile oder Logistiklösungen händeringend einen Teststandort in Nord- und Ostsee suchen“, sagt Dirk Briese, Geschäftsführer des Marktforschungsinstitutes Windresearch in Bremerhaven.

Für die Hersteller von Rotorblättern oder Türmen sei eine windhöffige Örtlichkeit für Versuche an Land durchaus ausreichend; Hersteller oder Installateure von Fundamenten benötigten dagegen Standorte im Meer, sagt Briese: „Im Hinblick auf Installation und Betriebsbeanspruchung des Fundaments und der Netzanbindung ist der Unterschied entscheidend, unter anderem wegen der Kolkung durch Dünung, der Strömung oder der Tide. Eine Verbesserung der Logistik ist mit einem Standort an Land auch nicht möglich.“ Gefragt seien deshalb „Realbedingungen“.

Das Fehlen von Teststandorten trifft nach Einschätzung Brieses die Offshore-Windbranche zur Unzeit: „Das hemmt die Innovationsbereitschaft der Hersteller. Was nicht sein darf, da nur mit technologischen Weiterentwicklungen die Kosten für die Offshore-Windenergie gesenkt werden können.“ Die Offshore-Windbranche hat sich das Ziel gesetzt, die Kosten innerhalb der kommenden zehn Jahre um annähernd 40 % zu reduzieren, auch weil sich die Branche dem Vorwurf ausgesetzt sieht, zu den teuersten erneuerbaren Energieträgern zu zählen.

Zu den Unternehmen, die aktuell einen Teststandort auf See suchen, zählt der Röhrenhersteller Vallourec. Die von dem Unternehmen neu entwickelte Gründungsstruktur sei nicht nur „signifikant“ preiswerter, sagt Claas Bruns, Projektleiter Offshore Structures. „Da wir statt auf große Rammpfähle auf mehrere kleinere Pfähle setzen, entstehen längst nicht die hohen Lärmbelastungen beim Rammen, mit denen die Installationsunternehmen von Offshore-Windparks bislang bei den Errichtungsarbeiten zu kämpfen haben.“ Diese Firmen versuchen derzeit, mit zusätzlichen, ziemlich teuren Hilfsmitteln, wie dem Einsatz von sogenannten Blasenschleiern, die Lärmgrenzwerte einzuhalten.

Den Prototyp nur an Land zu testen, ist unzureichend, sagt Bruns: „Wir brauchen die Herausforderung auf See, diese Erfahrungswerte wollen auch unsere Kunden sehen.“ Kommt in absehbarer Zeit kein Nachfolgeprojekt für Alpha Ventus, kann sich Bruns vorstellen, die neue Gründungsstruktur an einen bestehenden oder noch zu bauenden Offshore-Windpark anzudocken: „Das setzt den Goodwill und das Interesse der jeweiligen Investoren voraus.“

Solche Andockmanöver sind durchaus gefragt: So hat Dong Energy im eigenen Windpark Borkum Riffgrund 1 im Oktober als Alternative zu den vorgesehenen Monopiles auch ein sogenanntes Suction Bucket als Fundamenttyp eingesetzt. Unterstützt mit Fördergeldern aus dem britischen Carbon Trust Offshore Wind Accelerator erhoffen sich die Dänen nicht nur eine geräuschärmere Installation: „Das Fundament wird in einem einzigen Hub- und Montagevorgang installiert, so dass sich sowohl die Bauzeit als auch die damit verbundenen Kosten reduzieren“, heißt es bei Dong Energy.

Ein anderes Beispiel: Im nächsten Sommer will die zur Dresdener Gicon-Gruppe gehörende Firma ESG Edelstahl und Umwelttechnik Stralsund GmbH Deutschlands erste schwimmende Offshore-Windmühle testen – die Pilotanlage soll in unmittelbarer Nähe zum EnBW-Windpark Baltic 1 vor der Halbinsel Darß in der Ostsee installiert werden.

Solche Demonstrationsvorhaben findet Martin Skiba „sinnvoll und wichtig, da es einen permanenten Testbedarf gibt“. Für den Maschinenbauingenieur, der zuletzt im RWE-Konzern für den Bau und Betrieb von Offshore-Windkraftwerken mitverantwortlich war und mittlerweile dem Vorstand der Offshore-Stiftung angehört, ersetzen solche singulären Probeläufe „kein neues Testfeld, das angesichts der zu erwartenden technologischen Sprünge einfach Sinn macht“.

Solche Neuentwicklungen sieht Skiba derzeit vor allem bei den Gründungsstrukturen: „Mittelfristig macht ein Testfeld aber auch für neue Windturbinenmodelle Sinn. Auch dort geht die Entwicklung weiter und kein Investor wird eines Tages einer 10-MW-Anlage vertrauen, die nur an Land getestet ist.“

Bereits nach dem erfolgreichen Stapellauf des Testfeldes Alpha Ventus hatte die Offshore-Stiftung im Frühsommer 2011 mit Beta Ventus ein Nachfolgeprojekt ins Gespräch gebracht. An dem Vorhaben hält die Stiftung bis heute fest. Über Zeitplan, Lage und Kosten hält sich Skiba bedeckt. Der Teufel, so der Windexperte, stecke im Detail: „Für ein solches Testfeld bedarf es eines Planfeststellungsverfahrens, eines Netzanschlusses und auch einer Betreibergruppe.“

Kein Investor wird einer 10-MW-Offshore-Windanlage vertrauen, die nur an Land getestet wurde

Der von der Bundesregierung festgelegte Ausbaudeckel von 6500 MW bis zum Jahr 2020 sei zudem keine Erleichterung für die Idee eines weiteren Testfeldes. „Die Kapazität des Testfeldes würde mit auf das Ausbauziel angerechnet“, so Skiba.

Ob das Bundeswirtschaftsministerium ein neues Offshore-Testfeld unterstützen würde, ist offen. Bei Alpha Ventus hatte das damalige Bundesumweltministerium diverse Forschungsvorhaben mit über 50 Mio. € finanziert. „Wir haben klare Signale aus der Industrie, dass sie das neue Testfeld finanziell mitträgt“, lässt Skiba durchblicken.

Ohne ein Commitment der Offshore-Windbranche sieht Thorsten Herdan keine Chance für ein zweites Testfeld auf dem Meer. Der Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium ist auch für die Energieforschung zuständig. Ob aus diesem Topf Mittel in ein zweites Offshore-Testfeld fließen können, lässt Herdan offen: „Auch in Zukunft werden wir umfangreiche Forschungsmittel für die Windindustrie zur Verfügung stellen. Die Projekte müssen sich im Wettbewerb behaupten.“

Windresearch-Chef Briese mahnt zur Eile: „Ein zweites Testfeld muss schnell kommen. Wenn den Firmen anderswo die Chance geboten wird, ihre Neuheiten zu testen, droht die Gefahr, dass sie in den entsprechenden Ländern auch ihre Produktion aufbauen.“ Diese Wertschöpfung und die Arbeitsplätze seien dann für den deutschen Offshore-Windstandort verloren. 

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