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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Videokameras

100 Jahre das Gleiche – nur ganz anders

Von Sauer & Ernst Biebel | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

100 Jahre gibt es die Firma Arri in München. Seit 80 Jahren baut sie weltbekannte Filmkameras und hat dabei die komplette digitale Wende vollzogen.

AdU Produkt Arri
Foto: Arri

Zeitreise: Die filmbegeisterten Pioniere August Arnold und Robert Richter sowie das Zugpferd der Firma – die Filmkamera von Arri – Anfang des 20. Jahrhunderts.

Franz Kraus steht in den letzten Jahren oft im Rampenlicht. Im Februar der technische Oskar für die beste Filmkamera, im April der Deutsche Filmpreis Lola für visionäre Innovation und auch bei den Filmfestspielen in Cannes vergangene Woche war sein Arbeitgeber mit von der Partie. Es läuft rund bei Arri, der deutschen Kameraschmiede mit bestem Ruf in Bollywood und Hollywood.

Arri, Arnold & Richter Cine Technik

Kraus ist der Technikvorstand, seit 1983 dabei und hat wesentlich zum Turnaround der Münchner Kameraschmiede beigetragen. Noch 2009 schrieb diese 15 Mio. € Verlust und drohte wie die meisten deutschen Unterhaltungselektronik-Firmen dem Druck aus Fernost zu erliegen. Zum 100. Geburtstag der Firma will Arri den Jahresumsatz von rund 400 Mio. € aus 2016 dieses Jahr noch übertreffen.

Die Kamera Arriflex war ein Markenzeichen für technologische Innovation bei den 16-mm- und 35-mm-Kameras, was Filmtransport, Spiegelsystem oder Laufgeräusch anging – bis die digitale Revolution auch die Filmbranche umkrempelte.

Foto: Tom Fährmann für Arri

Chef der Technik: Franz Kraus, CTO der Firma Arri, nimmt seine Mitarbeiter aus Bayern zu Preisverleihungen nach Berlin und Hollywood mit.

Franz Kraus sah das voraus. 1983 begann er, in der Münchner Firmenzentrale eine Abteilung für digitale Postproduktion einzurichten, und konfrontierte die Feinmechanikschmiede mit völlig neuen Herausforderungen. Es galt, eine Filmrolle zu digitalisieren, Bildelemente aus dem Computer hinzuzufügen und Szenen so wieder auszubelichten, dass im fertigen Film kein Unterschied zu sehen war. Bald schon wurden Dinosaurier à la Jurassic Park überall in der Welt mit einem Arrilaser in Filmkopien einbelichtet. Doch der Analogfilm verschwand schneller als gedacht. „2015 haben wir unser Kopierwerk endgültig dichtgemacht“, sinniert Kraus.

Die Entwicklungen begannen schon 1917 bei der Gründung von Arri. Der Filmprinter zum Kopieren von Filmen war das erste Produkt der Gründer August Arnold und Robert Richter. Es folgten Kinoleuchten und dann erst kam die Kamera. Diese Basisprodukte sind auch heute noch das Kerngeschäft. Der jüngste Clou gelang 2013 im Bereich des Filmlichts, mit farbvariablen Flächenleuchten. Diese sehr fein und dynamisch steuerbaren Kinolampen leuchten bereits zu Tausenden die Szenerie von Blockbuster-Filmsets aus.

Doch im Herzen des Münchner Familienunternehmens steckt vor allem die Liebe zur Kamera. „Selbst im Krisenjahr 2009 wurden die Forschungsausgaben erhöht“, erinnert sich Kraus. Nur so konnte 2010 die erste digitale Kamera, die Alexa, auf den Markt gebracht werden.

Bei ihr stand nicht höchste Sensorauflösung im Vordergrund, sondern gut durchdachter Workflow, Erweiterbarkeit, um den Lebenszyklus der teuren Geräte zu verlängern, und Zuverlässigkeit. „Es kann nicht sein, dass ein Kameraassistent einen magischen Moment beim Filmemachen zerstört, bloß weil er just dann die Kamera neu booten muss“, sagt Kraus.

Die Produkte der Münchner sind bei Profis geschätzt. Topregisseure diskutieren bei Arri vor Ort ihre Praxisanforderungen. Gern erinnert sich Kraus an den Moment, als er Kameramannlegende Michael Ballhaus und Regisseur Martin Scorsese für Aufnahmen an einem dunklen Kinoset mit lichtstarken Optiken im Teststadium versorgte.

Den Großteil der Kunden bilden allerdings Equipmentverleiher weltweit, meint Kraus. Arri wisse nur selten, was mit deren Kameras gefilmt wird und wurde. So seien etwa viele Filme aus der Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten mit Arri-Equipment entstanden, bekennt Kraus, aber auch die Amerikaner hätten schon zu Kriegszeiten mit der 1937 erschienenen Arriflex gedreht.

Als die Arrianer, wie sich die Mitarbeiter in der Münchner Türkenstraße selbst nennen, ihre Alexa vorstellten, galt der digitale Wandel als geschafft. Arri baute in den folgenden vier Jahren trotz des im Konkurrenzumfeld von Amerika und Fernost recht späten Starts über 4000 Alexas und hat mit dieser Kamera weltweit ein genauso gutes Standing wie seinerzeit mit der Arriflex.

Kraus möchte nicht zehn Jahre voraus in die Zukunft des Unternehmens sehen, aber fünf traut sich der fast 70-Jährige doch zu. Da lächelt er entspannt, wenn er erzählt, dass die rasante Entwicklung im Imagingbereich weiter fortschreiten wird. „Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass ein Smartphone Zeitlupenvideos machen kann, die am Display fast so gut aussehen wie Fernsehen“, sagt Kraus. „Das geht so weiter, und wir befassen uns mit Themen wie 360-Grad-Video. Wie die Regisseure Ang Lee, bekannt durch ,Life of Pi‘, oder James Cameron, bekannt durch ,Titanic‘, glaube ich an ein Kino, in dem die Bildqualität dem realen Sinneseindruck entspricht. Und an ein Bildfeld, das viel mehr zeigt und das Auge weniger lenkt als bisher.“

„Wir sind ein Nischenanbieter und haben Technologien für eine extrem zuverlässige, hochwertige Bildausgabe – wo immer diese gebraucht und bezahlt wird.“ Weniger bekannt ist Arri als Hersteller für Philips, GE, Toshiba und Siemens. In den 1960er- bis 1980er-Jahren baute man Kameras für dynamische Röntgenaufnahmen. Im Bereich der Stereomikroskopie für medizinische Anwendungen sieht Kraus nun erneut Zukunftspotenzial.

Zu Analogzeiten hatte Arri 80 % Wertschöpfung im eigenen Haus, heute seien es 20 %, schätzt Kraus, mit Schwerpunkt Präzisionstechnik und Feinmechanik. „Jetzt beschäftigen wir viel mehr Ingenieure im Bereich Forschung und geben unsere Entwicklungen in Auftrag“, sagt er. Der Softwarebereich sei von 30 auf 100 Mitarbeiter gewachsen und in anderen Firmenbereichen sei es ähnlich. „Die Entwicklungsmannschaft zur Oscar-Verleihung einladen zu können oder beim Anschauen eines neuen Blockbusters sagen zu können: ‚Hier ist der Prototyp der Kamera im Einsatz, an der ich mitgewirkt habe‘, das ist ein Motivationskick, den gibt es woanders nicht.“

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