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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Recycling

Abfalltechnik „made in Germany“ fürs Reich der Mitte

Von Marianne Wollenweber | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Deutsche Hersteller von Umwelttechnik gehören zu den Spitzenreitern auf dem Weltmarkt. Ihnen winken lukrative Geschäfte in China, das seine Abfallprobleme schnell in den Griff bekommen möchte.

Abfall BU Sortierband
Foto: Alba Group/Steffen Jagenburg

Viel Wertvolles steckt noch im Müll. Doch die Bemühungen um ein Recycling variieren stark von Land zu Land.

Die chinesische Abfallentsorgung präsentiert sich in weiten Teilen als ein einziges Desaster: So fallen pro Jahr 25 Mio. Bäume allein der Produktion von Einweg-Essstäbchen zum Opfer. Und 14 Mrd. t Abfall im Jahr werden einfach im Fluss Jangtse „entsorgt“. Trotzdem landen immer noch 70 % der Siedlungsabfälle auf Deponien.

Doch die Zukunft könnte sogar noch schlimmer werden. Bis 2030 werde in China ein Anstieg der Siedlungsabfallmenge um mehr als 200 % auf knapp 550 Mio. t erwartet, schätzte Henning Krumrey auf der Tagung „Ist Deutschlands Abfallwirtschaft noch spitze?“, die das Bifa-Umweltinstitut kürzlich in Augsburg veranstaltet hatte.

Große Chancen für deutsche Unternehmen auf dem chinesischen Markt für Abfalltechnik sieht der Kommunikationschef des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba. Das Reich der Mitte möchte seine Abfallwirtschaft sehr schnell und mit modernster Technologie weiterentwickeln. Dafür plant es bis 2020 Investitionen in Höhe von immerhin rund 34,6 Mrd. €. Krumrey ist überzeugt: „Ohne deutsche und europäische Abfalltechnik wird das den Chinesen nicht gelingen.“

Damit allein wäre der deutsche Spitzenplatz von 15 % auf dem Weltmarkt für Umwelt- und Abfalltechnik aber nicht gesichert: Mit einem Anteil von 14 % im Jahr 2013 (2002 noch knapp 5 %) ist die Volksrepublik dem deutschen Technologieführer dicht auf den Fersen – falls Deutschland den Spitzenplatz nicht inzwischen sogar an die investitionsfreudigen Chinesen verloren hat.

Inwieweit deutsche Umwelttechnik hingegen auf dem US-amerikanischen Entsorgungsmarkt mit seinem hohen Deponieanteil von mehr als 50 % der Siedlungsabfälle punkten kann, ist kurz nach dem Antritt der Trump-Regierung ungewiss. Aufgrund der Kompetenzen der US-Bundesstaaten und Kommunen ergibt sich hier auch rechtlich eine vielfältige Entsorgungslandschaft – mit einem hohen Anteil der Privatwirtschaft.

Auf dem Vormarsch ist in den USA das privatwirtschaftlich betriebene Single Stream Recycling, also die Erfassung aller trockenen Wertstoffe – einschließlich Papier und oft auch Glas – in einer Tonne. Dieses Gemisch wird anschließend sortiert, mit einem hohen Anteil nicht oder nur minderwertig wiederverwertbarer Stoffe. Hier könnte deutsche Umwelttechnik zum Einsatz kommen und das Recycling voranbringen. Auffallend sind in den USA hohe rechtliche Regressrisiken etwa bei unsachgemäßer Behandlung von Gefahrstoffen.

Da ist die Schweiz schon ein gutes Stück weiter auf dem Weg in die Kreislaufwirtschaft. Anders als in Deutschland konzentriert man sich in dem Alpenstaat nicht auf die getrennte Erfassung möglichst vieler Kunststoffverpackungen, sondern neben der Sammlung von Verpackungen aus Glas und Aluminium auf die von PET-Flaschen, die hochwertig verwertbar sind und sich auf dem Markt rechnen.

Die Schweizer Abfallbilanz 2015 weist für diese Verpackungsmaterialen – bei stark steigendem Verbrauch – ähnlich hohe Verwertungsquoten wie in Deutschland aus: für Glas 93 %, für Aluminium 91 % und für PET-Flaschen immerhin noch 83 %.

Probleme bereitet den Schweizern dennoch der hohe, nicht nachhaltige Konsum. Die Schweizer produzieren mit rund 700 kg pro Kopf und Jahr weltweit mit die höchste Abfallmenge. Mithilfe einer neuen Abfallverordnung will die Schweiz die Verwertung natürlicher Rohstoffe auf dem höchsten Stand der Technik steigern. Ein hoher Anteil der Siedlungsabfälle wird derzeit noch verbrannt. Dabei dienen alle Schweizer Müllverbrennungsanlagen (MVA) ausnahmslos der Wärmeerzeugung – ein Ziel, das in Deutschland noch nicht erreicht ist.

Die meisten Parallelen zu Deutschland hingegen weist das österreichische System der Abfallentsorgung auf. Hier wie dort gelten die EU-Abfallregelungen. „Die Ziele der österreichischen Abfallwirtschaft sind weitgehend erfüllt“, meint Roland Pomberger von der österreichischen Montanuniversität Leoben. Defizite aber bestünden noch in den Bereichen Klimaschutz, Luftschadstoffe und Ressourcenschonung. Es gebe einen Konflikt zwischen ökonomisch optimaler und ökologisch optimaler Recyclingrate. Entsorgungswirtschaft brauche daher Anreize, denn „Abfall geht immer den Weg des geringsten Geldes“, weiß Pomberger.

In Österreich gibt es sehr viel Unterstützung für Initiativen zur Sammlung und Wiederverwertung von Produkten (Re-use). Dabei handelt es sich u. a. um gemeinnützige Unternehmen zur sozialen Integration. Auch die Errichtung und Unterstützung von Reparaturnetzen wird staatlich gefördert.

Ist Deutschland nun Spitze? „Ja“, meint Siegfried Kreibe vom Bifa-Umweltinstitut, „generell gehört Deutschland zu den Ländern mit der am weitesten entwickelten Abfallwirtschaft – doch nicht in allen Bereichen.“ Bei den Anteilen kompostierter Abfälle lägen Österreich und die Niederlande deutlich vor Deutschland. Otto Heinz vom Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen wies darauf hin, dass es laut Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) in Berlin bei der Getrenntsammlung von Bioabfällen aus Haushalten ein ungenutztes Potenzial von ca. 4,8 Mio. t/a gebe.

In Schweden und Norwegen würden zudem, so Bifa-Geschäftsführer Kreibe, deutlich mehr Elektroaltgeräte gesammelt und verwertet als hierzulande. „Beim Abfallaufkommen pro Einwohner und Jahr belegt Deutschland zusammen mit den USA, Israel, der Schweiz und Australien einen negativen Spitzenplatz.“ Negativ in Deutschland sei auch der ständige Grabenkrieg zwischen kommunaler und privater Entsorgungswirtschaft.

Wichtig für die Zukunft ist eine gute Kommunikation zwischen Herstellern und Abfallwirtschaft, um recyclinggerechte Produkte und nachhaltigeres Design durchzusetzen. In entwickelten Abfallwirtschaftssystemen seien qualitative Ziele wichtiger als Mengenziele, meint Helmut Schmidt vom Abfallwirtschaftsbetrieb München. Wenn zum Beispiel nur ca. 2 % der gesammelten Mischkunststoffverpackungen in Deutschland stofflich verwertet werden könnten, sei deren thermische Nutzung ökologisch vorteilhafter als eine aufwendige rohstoffliche Verwertung. Recycling, so Schmidt, sei eben kein Selbstzweck.

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