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Sonntag, 17. Dezember 2017

Software

Am Ende drehen sich Motoren

Von Kathleen Spilok | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Synapticon, ein junges Unternehmen im Raum Böblingen, entwickelt Module und Komplettsysteme zur Bewegungssteuerung. Diese kommen z. B. bei Robotern zum Einsatz.

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Foto: Synapticon GmbH

Am Firmensitz in Schönaich erinnert wenig an die ehemalige Messinstrumentefabrik. Im Inneren gibt es nun Bürostrukturen wie bei Start-ups im Silicon Valley.

Vor wenigen Monaten erst ist ein neuer unternehmerischer Zeitgeist in die ehemalige Messinstrumentefabrik im schwäbischen Schönaich eingezogen. Das Klingelschild verrät seit Januar, wer sich hier auf drei Stockwerken einrichtet. Synapticon steht da in Großbuchstaben. Worum es bei dem noch jungen Technologieanbieter geht, darüber stolpern Besucher schon am Eingang: Ein flacher Rasenmähroboter steht da, daneben ein kleiner, mehrachsiger Roboterarm und ein fahrbares Etwas. Hier holen die Entwickler mit neuen Technologien alles aus Automaten raus, was geht – und noch mehr. „Wir verbinden die physikalische mit der virtuellen Welt und am Ende drehen sich Motoren“, sagt Gründer und Geschäftsführer Nikolai Ensslen schlicht.

Das Unternehmen Synapticon

Synapticon selbst entwickelt keine Produkte für Endverbraucher. Das Unternehmen hilft Herstellern von Industrierobotern, Servicerobotern sowie Firmen aus der Automatisierungsbranche intelligente Geräte marktreif zu machen. Zutaten für die Technologielösungen sind: Kniffelige Software sowie Kommunikations-, Prozessor-, Sensor- und Aktormodule, die als Implantate in Maschinen gepflanzt werden. Ensslen nennt den Ansatz „design-in“. Es ist ein bisschen wie das, was Pferdeflüsterer tun – nur eben für Roboter. „Wir verpassen technischen Produkten die Fähigkeiten, die beispielsweise in modernen Produktionsumgebungen gefragt sind.“

 Die Automaten können sich fortbewegen, drehen, greifen, schwenken. Dafür müssen sie sich orientieren, kommunizieren und interagieren, all das funktioniert mit Intelligenz im Maschinenhirn. Möglichst viel davon auf wenigen Quadratzentimetern Platine unterzubringen, ist die Kunst. Und das Ganze zudem billiger am Markt anzubieten als herkömmliche Hersteller. „Wir wollen mit unserer Technologie die Grundlage schaffen, dass die vierte industrielle Revolution richtig Fahrt aufnimmt,“ so Ensslens Vorstellung.

Einer der Schwerpunkte der Jungunternehmer ist: Sie wollen vor allem dem Mittelstand erschwingliche Automatisierungslösungen anbieten, in erster Linie kollaborative Robotik. „Etwas anderes lässt sich in einer Mittelstandsumgebung schwer einsetzen“, meint Ensslen.

Foto: Synapticon GmbH

Nikolai Ensslen: Der Gründer und Geschäftsführer von Synapticon bringt mit seinem Team Softwarefunktionen in die Robotik.

Eine Neuentwicklung, die die Mitarbeiter auf allen drei Etagen der Firma beschäftigt, ist der Rasenmähroboter, der furchenfrei und drahtlos das Grün in Gärten kürzen soll. Wie die autonomen Fähigkeiten ins Gerät kommen, proben sie an einem Prototyp. Das weiße Gehäuse ist vollgestopft mit Kabeln und Platinen, alles für Sensorik und Steuerung. In den Labors im ersten Stock hat eine Arbeitsgruppe dem Mähroboter eine Kiste übergestülpt. Damit stören sie seinen Orientierungssinn. Was wie ein Spaß wirkt, dient einem ernsten Zweck: Die präzise und sichere Navigation im Garten. Der Roboter erstellt sich eine Landkarte auf Basis der Sensordaten, die er einsammelt. In seiner Karte muss er sich dann millimetergenau lokalisieren, selbst wenn ein Blatt vor der Ortungskamera klebt.

Den Mähroboter so intelligent zu machen, dass er nicht kreuz und quer, sondern systematisch fährt, daran tüfteln die Softwareexperten eine Tür weiter. Sechs Männer und zwei Frauen blicken gebannt auf ihre Bildschirme und programmieren die Elektronik. „Wir müssen hier sozusagen ein selbstfahrendes Fahrzeug entwickeln, ähnlich dem Google-Car, nur für ein Hundertstel des Budgets und viel kleiner“, beschreibt Ensslen die Herausforderung.

Die „Synaptiker“ arbeiten noch an weiteren Produkten. Ensslen wuchtet einen fahrbaren Untersatz auf den Tisch. Es ist ein Flurtransportsystem, das autonom fährt, ausgelegt für 1 t Traglast. „Ein Motor, ein Getriebe, dann kommen die Räder, die sich in jede Richtung bewegen können“, sagt er und zeigt auf die einzelnen Teile. Die gesamte Intelligenz steckt in den Motorcontrollern, die wie vier Gehirne direkt mit den Rädern verbunden sind. Ein Hersteller aus Südkorea möchte mit dem System in der Altenpflege Essen transportieren.

Für Anwendungen in der Industrieautomation bastelt das Jungunternehmen die passende Hard- und Software und vertreibt diese über ein entsprechendes Geschäftsmodell: Je mehr Funktionen per Software auf eine Komponente gespielt werden, desto höher der Preis. Die Firma bietet auch webbasierte Softwarewerkzeuge für Entwickler an, die ihre Elektronik damit programmieren können. Wem die Lösung gefällt, kann sie per Klick direkt bestellen.

Woher er kommt, wohin er mit seiner Firma will? Ensslen redet wie ein Wasserfall. Sieben Jahre nach seiner Gründung ist Synapticon kaum noch Start-up und trotzdem jetzt erst an der Schwelle zum „richtigen“ Unternehmen. „Kürzlich haben wir eine neue Finanzierungsrunde abgeschlossen“, verkündet der Schwabe. Die Kapitalerhöhung spült einen hohen einstelligen Millionenbetrag ins Unternehmen. Ein großer Schritt.

Trotzdem kann er sich nicht verkneifen zu sagen: „Im Valley geht alles viel schneller und mit wesentlich größeren Beträgen.“ Synapticon unterhält mittlerweile eine Filiale im Silicon Valley, wo die Firma kleine Start-ups und Softwareriesen mit robotischer Steuerungstechnik bedient. „Dort lernen wir viel über Trends und über die Zukunft“, sagt Ensslen. Seine Kritik: „Wir riskieren im Moment in Deutschland, dass wir uns zu sehr auf unseren Lorbeeren ausruhen und zu wenig für unsere Zukunft tun. Die Zeichen stehen mehr auf Konservieren statt auf Weiterentwickeln.“

Für den Standort in Schönaich wünscht sich der 33-Jährige, dass die Firma jetzt zu einem prozessorientierten zuverlässigen Technologieanbieter heranwächst. Ernsthaft, aber nicht verbissen will man sein und sich die Frische bewahren, die manch etabliertes Unternehmen einfach nicht mehr hat.rb/

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