Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Dienstag, 12. Dezember 2017

Autonomes Fahren

Bad Birnbach schreibt Geschichte

Von Rudolf Stumberger | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Die Bahn erprobt in der bayerischen Provinz die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs.

Autonomer Bus BU
Foto: Stumberger

 

Getestet wird in München, Frankfurt und Berlin. Doch es ist das kleine Bad Birnbach in Niederbayern, wo das „Zeitalter des autonomen Fahrens in Deutschland“ in der Praxis eingeleitet wurde, so jedenfalls Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn (DB), bei einer Pressekonferenz vor zehn Tagen.

Anlass war der Startschuss für den ersten selbstfahrenden Linienbus, der am normalen Straßenverkehr teilnimmt. Damit will die Bahn einen weiteren Schritt in Richtung digitale Vernetzung von Straße und Schiene tun und auch im ländlichen Bereich individuelle Mobilität ohne eigenes Auto ermöglichen.

Bad Birnbach ist eine kleine Marktgemeinde mit 5800 Einwohnern im ostbayerischen Landkreis Rottal-Inn. Passau und die Grenze zu Österreich sind rund 35 km entfernt. Die Gemeinde liegt im sogenannten Bäder-Dreieck und ist vor allem durch ihre Thermalquelle bekannt. „Für uns ist Bad Birnbach ein ideales Testgelände im ländlichen Raum“, erläutert Steffen Rutsch, Sprecher Digitalisierung der Bahn, zur Wahl des Standorts. In dem Kurort fährt seit Kurzem Deutschlands erster autonomer Bus auf einer vorgegebenen Strecke von 1300 m (hin und zurück). Angefahren werden dabei drei Haltestellen, der Elektrobus kann maximal zwölf Passagiere mitnehmen. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt derzeit 15 km/h.

Foto: Stumberger

Haltestelle für Deutschlands ersten autonomen Kleinbus im öffentlichen Straßenverkehr. In Bad Birnbach hat der EZ10 eine Sondergenehmigung.

Der rotweiße Kleinbus fährt unter der Regie der DB-Tochter „Regio Bus Ostbayern“, das auf mehrere Jahre angesetzte Projekt läuft unter der Federführung der neuen DB-Marke „ioki“. In ihr sind die Aktivitäten des Konzerns in Sachen On-demand-Mobilität und autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr angesiedelt. Das in Bad Birnbach eingesetzte Fahrzeug trägt die technische Bezeichnung EZ10 und wird vom französischen Start-up Easymile mit Sitz in Toulouse hergestellt. Produziert wurde bisher eine Serie von 40 Fahrzeugen, eine zweite Serie mit 70 Stück ist in Arbeit. Der EZ10 wird seit 2015 weltweit an mehr als 60 Standorten erprobt.

Der fahrerlose Kleinbus mit Elektromotor und einer Länge von rund 4 m erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h und verfügt über eine Batteriekapazität von bis zu 14 Betriebsstunden. Das Gefährt folgt einer virtuellen Schiene, die per Laserscanner in den Bordcomputer eingelesen wurde. Das autonome Fahren erfolgt ohne Fahrer, Lenkrad und Bremspedale. Die Positionsbestimmung geschieht über GPS, das Erkennen von Hindernissen durch Kameras, Sensoren und Laser.

Derartige Pilotprojekte mit autonomem öffentlichen Fahren gibt es in verschiedenen Städten. So testet derzeit die Münchner Verkehrsgesellschaft einen fahrerlosen Bus eines weiteren französischen Herstellers auf ihrem Betriebsgelände. Am Frankfurter Flughafen sollen demnächst zwei autonom fahrende Shuttle-Busse zwischen Terminal 1 und Terminal 2 unterwegs sein. In Berlin testet die Deutsche Bahn seit 2016 mit dem selbstfahrenden Fahrzeug „Olli“ auf dem Euref-Campus in Berlin-Schönefeld autonome Fahrsysteme. Irgendwann soll Olli durch den Stadtverkehr Richtung Südkreuz fahren.

Doch eine Sondergenehmigung, dass das autonome Fahrzeug im Linienbetrieb auch am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen kann, gibt es bislang nur in Bad Birnbach. So fährt der EZ10 auf seiner Tour auf einer normalen Straße bis zum Ortszentrum. Autofahrer werden durch am Straßenrand aufgestellte Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht! Autonomes Fahrzeug“ gewarnt.

 Zudem ist in diesem Bereich die Geschwindigkeit auf 30 km/h reduziert. Bewilligt hat diese Sondergenehmigung die Regierung von Niederbayern. Das Entgegenkommen der Behörden war mit ein Grund für die Wahl von Bad Birnbach als Standort.

Noch muss allerdings im Fahrzeug ein Begleiter sitzen, der im Notfall eingreifen kann. Das trübt aber nicht die Einschätzung der Deutschen Bahn, in Bad Birnbach Verkehrsgeschichte geschrieben zu haben. „Wir bringen als erstes Unternehmen in Deutschland autonome Fahrzeuge auf die Straße und in den öffentlichen Nahverkehr“, betont DB-Vorstandsvorsitzender Lutz stolz. Das Pilotprojekt in der bayerischen Provinz soll mehrere Jahre laufen, 2018 soll die Strecke auf die Fahrt zwischen Ortszentrum und Bahnhof erweitert werden. Ziel dabei sei, so die DB, „Erfahrungen im Betrieb autonomer Kleinbusse zu sammeln, die Technik noch besser kennen zu lernen und die Akzeptanz bei den Kunden zu testen“. Im Schweizer Kanton Wallis fährt ein derartiger autonomer Bus schon seit mehr als einem Jahr auf öffentlichen Straßen im Testbetrieb.

Neben Bad Birnbach will die Deutsche Bahn 2018 in Hamburg einen zunächst fahrerbasierten On-demand-Shuttle-Service mit ÖPNV-Anschluss erproben sowie ein Testfeld für einen autonomen Busverkehr in der Großstadt vorbereiten.

 Perspektivisch geht es dabei um einen autonom fahrenden Service in der Stadt und auf dem Lande. Dabei können die Fahrgäste mit ihrem Gepäck nach Bedarf zu Hause abgeholt und zum Bahnhof oder der nächsten U-Bahn-Station gebracht werden.  

stellenangebote

mehr