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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Gesundheit

Besserer Schutz vor Legionellen

Von Bettina Reckter | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Schlecht gewartete Rückkühlanlagen können zum Ausbruch von Legionellen führen. Eine neue Verordnung soll das verhindern helfen.

Kühlanlage Warstein
Foto: dpa/Picture Alliance/Reinhold Großelohmann

Mögliche Quelle: Die Kühlanlage einer Firma in Warstein stand im Verdacht, für den Ausbruch einer Legionellenepidemie im Jahr 2013 verantwortlich zu sein. Damals erkrankten 165 Menschen, drei starben.

Bei Legionellenausbrüchen kommt es auf jede Stunde an“, sagt Barbara Hendricks. „Je länger die Quelle gesucht werden muss, desto eher kann es zu Todesfällen kommen“, beschreibt die Bundesumweltministerin die Gefahr einer Epidemie, falls der Verursacher nicht zügig gefunden wird. Als Hauptschuldige für Legionellen in der Umwelt gelten Verdunstungskühlanlagen, Nassabscheider und Kühltürme. In Kraftwerken, Rechenzentren, Kliniken, Hotels und Lebensmittelbetrieben werden sie zur Wärmeregulierung eingesetzt.

Fakten zur 42. BImSchV

Überall dort, wo Wasser an der Luft verrieselt oder versprüht wird, um Kühle zu erzeugen, kann es zur Bildung sogenannter Aerosole, also von festen und flüssigen Teilchen im Luftstrom, kommen. Stimmen Feuchtigkeitsgehalt, Nährstoffangebot und Temperatur, finden Mikroorganismen hier optimale Lebensbedingungen – so zum Beispiel Legionellen. Die Wasserbakterien vermehren sich dann massenweise. In schlecht desinfizierten und unregelmäßig gewarteten Verdunstungskühlanlagen können so unbemerkt dichte Bakterienbeläge entstehen.

Trägt der Wind legionellenhaltige Tröpfchen aus diesen Anlagen fort, besteht für die Anwohner theoretisch ein Gesundheitsrisiko. Denn eingeatmet dringen Legionellen tief ins Lungengewebe ein und führen zu schweren, teils tödlichen Lungenentzündungen, den Legionellosen.

„Etwa 700 bis 800 Legionellosen werden dem Robert-Koch-Institut jedes Jahr gemeldet“, erklärt Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn. Die Dunkelziffer sei aber wesentlich höher. So geht die vom Bundesforschungsministerium geförderte CAP-Net-Studie sogar von 15 000 bis 30 000 Infektionen pro Jahr allein in Deutschland aus.

„Es gibt zwar sehr wirksame Antibiotika gegen die Wasserbakterien. Sie werden aber selten eingesetzt, weil Ärzte Legionellosen häufig zunächst mit Lungenentzündungen verwechseln“, sagt der Bonner Experte. Dadurch verzögere sich die Therapie erheblich. Eine aktuelle US-Studie habe zudem das enorme Sterblichkeitsrisiko einer Infektion gezeigt. Etwa jeder Vierte, der im Krankenhaus eine Legionellose erworben hatte, starb daran, sagt Exner.

Um die Menschen künftig besser vor den gefährlichen Wasserbakterien schützen zu können, hat die Bundesregierung nun eine neue Bundesimmissionsschutzverordnung, kurz: 42. BImSchV, verabschiedet. „Das Regelwerk ist eine Antwort auf Legionellenepidemien wie etwa die von 2010 in Ulm mit fünf Toten und 64 Infizierten sowie die von 2013 in Warstein mit drei Toten und 165 Infizierten“, sagt Thomas Wollstein von der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik. Kernpunkte der Verordnung: eine Meldepflicht der technischen Anlagen sowie Vorschriften für eine hygienisch einwandfreie Wartung. „Als maßgebend für den Stand der Technik gelten nach der Begründung zur Verordnung die Richtlinien VDI 2047 Hygiene bei Verdunstungskühlanlagen und VDI 3679 Nassabscheider.“

 Aufgrund der Ereignisse von Ulm forderte Rainer Kryschi schon früh ein entsprechendes technisches Regelwerk, um den Ausbruch von Legionellen aus Kühlanlagen künftig zu verhindern. Der Inhaber der Firma Kryschi Wasserhygiene in Kaarst gilt als der „Vater“ der neuen Verordnung: „Damit ist endlich eine rechtliche Grundlage geschaffen worden“, freut sich der Vorsitzende des Richtlinienausschusses. Die Meldepflicht für Verdunstungskühlanlagen hält er für den Kernpunkt des Regelwerks. „Die Umweltbehörden müssen wissen, wer solche Anlagen betreibt.“ Aber es sei sein ausdrücklicher Wunsch, dass auch die Gesundheitsbehörden mit einbezogen würden.

„Viele Betreiber von Verdunstungskühlanlagen wissen nicht einmal selbst, dass sie eine solche Anlage auf dem Dach haben“, räumt Jochen Theloke, stellvertretender Geschäftsführer der VDI/DIN-Kommission Reinhaltung der Luft (KRdL), ein. Deshalb sei die Meldepflicht umso dringlicher. Erst wenn klar sei, wo überall entsprechende Anlagen installiert sind, ließe sich bei einem Ausbruch von Legionellen anhand von meteorologischen Daten zu Windrichtung und -geschwindigkeit der Verursacher zügig ausmachen.

Zumindest im Fall des Legionellenausbruchs in Warstein hatte ein Rückkühlwerk als Quelle identifiziert werden können, dessen Betreiber gar nicht wusste, dass er die Anlage hätte warten müssen, bestätigt Exner. Er hofft, dass die Betreiber künftig eine Sensibilität dafür entwickeln, dass ihre Anlagen bei schlechter Wartung tödlich sein können.

„Wichtig sind der Einsatz wirksamer Desinfektionsverfahren, eine regelmäßige Instandhaltung sowie die Prüfung durch akkreditierte Laboratorien“, betont Kryschi. Wenn alle relevanten Daten und Betriebszustände der betreffenden Anlagen nachprüfbar dokumentiert seien, könne im Falle eines erneuten Ausbruchs die gesamte Historie nachvollzogen werden, erklärt der engagierte Umweltingenieur. Und weist auf noch einen Punkt hin: Es sind eher Verdunstungskühlanlagen im kleineren Stil als Kühltürme von Kraftwerken, aus denen Legionellenkolonien freigesetzt werden. „Denn die Kraftwerksbetreiber sorgen selbstständig dafür, dass ihre Anlagen ordnungsgemäß betrieben werden“, sagt Kryschi.

„Die neue Verordnung kann Menschenleben retten“, resümiert Hartmut Hardt, „denn von ordnungsgemäß gewarteten Anlagen geht praktisch keine Gefahr aus.“ Der Jurist aus Essen hatte gemeinsam mit dem VDI dafür Sorge getragen, dass sich die Verantwortlichen im Bundesumweltministerium des Themas Legionellen in Verdunstungskühlanlagen annehmen. Besonderen Wert legt Hardt auf hygienisch fachkundiges Personal, das für die Wartung der Anlagen zuständig ist. Entsprechende Schulungen werden bereits deutschlandweit angeboten.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Wirtschaft aufgrund der neuen Verordnung einen finanziellen Mehraufwand von 9,6 Mio. € pro Jahr stemmen müsse. Dem hält das Umweltbundesamt (UBA) mit einer Legionelleninfektion verbundene Kosten bis zu 120 000 € je Erkrankungsfall entgegen. Die Verordnung trage also neben der Vermeidung von großem Leid für die Infizierten dazu bei, dass Gesundheitskosten von bis zu 13,2 Mio. €/Jahr eingespart werden können.

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