Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Dienstag, 12. Dezember 2017

Intralogistik

Das zählende Auge

Von Stefan Asche | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Drohnen könnten Inventuren und Bestandskontrollen künftig schneller und günstiger abwickeln.

BU Drohne Linde MH
Foto: Linde Material Handling

Die Inventurdrohne „Flybox“ von Linde Material Handling ist an den automatisierten Hochhubwagen L-Matic gebunden. Dadurch sind eine exakte Ortung in der Halle und eine dauerhafte Energieversorgung garantiert.

Bei Firmen sind Inventuren ungefähr so beliebt wie Zahnarztbesuche. Sie sind unproduktiv und oft teuer. Gleichzeitig lassen sie sich kaum verhindern. Der Gesetzgeber schreibt eine regelmäßige oder kontinuierliche Bestandserfassung vor. Die anfallenden Kosten beziffern Experten auf bis zu 8 % des erfassten Warenwertes. Verantwortlich dafür sind neben den zusätzlichen Personalkosten auch Stillstandszeiten. Oft ruht der Geschäftsbetrieb, wenn sich Inventurhelfer durch die Gänge arbeiten.

Abhilfe könnten smarte Drohnen schaffen. Ein Beispiel wird am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund erarbeitet. Der Hexacopter „Inventairy“ soll nachts oder am Wochenende an den Regalen entlang fliegen und erfassen, was in den Fächern liegt. Projektleiter Martin Fiedler erläutert die Funktionsweise: „Zur groben Orientierung greift die Drohne auf eine vorab hochgeladene Karte zu.“ Erstellt werden könne sie, indem das Fluggerät einmal ferngesteuert durch die Gebäude gelenkt werde. „Dabei erfassen die Kameras nicht nur Geometriedaten, sondern auch individuelle Standortmerkmale, etwa Hallennummern.“ Zusätzlich ließe sich auf GPS-Daten zugreifen und ein Barometer verbauen.

Per Editor können der Drohne anschließend Wege vorgegeben und gezielt Aufträge erteilt werden. „Der Nutzer kann am Bildschirm beispielsweise festlegen, in welchen Gebäuden, welche Regale und Fächer untersucht werden sollen“, so Fiedler.

Zur Feinlokalisierung im Zielobjekt sowie zur Kollisionsvermeidung kommen neben der Rundumkamera auch Ultraschallsensoren sowie ein rotierender Laser zum Einsatz. „Durch geschickte Anordnung blickt der Laser auch ein gutes Stück weit nach oben und unten“, so der Informatiker.

Am Zielort angekommen, sorgen 1-D- oder 2-D-Barcode-Scanner für die Erfassung der Bestände. Alternativ könnten auch etwaige RFID-Chips ausgelesen werden. „Sollten Codes oder Transponder beschädigt sein, so macht die Drohne automatisch ein Foto vom Lagerplatz.“ Die Aufnahme könne dann später am Bildschirm des Nutzers ausgewertet werden.

Die Hard- und Software von Inventairy ist weitgehend fertig. Ein ungelöstes Problem ist die maximale Flugdauer. Je nach Ausstattung und Bestückung muss die Drohne nach rund zehn Minuten zurück zur Ladestation. „Ganze Lager können wir noch nicht in einem Rutsch abfliegen“, räumt Fiedler ein.

Eine Lösung für dieses Problem hat die Linde Material Handling GmbH aus Aschaffenburg entwickelt. Ihre Drohne „Flybox“ ist über einen Spannungswandler sowie ein sich selbst justierendes Kevlar-Kabel mit dem automatisierten Linde-Hochhubwagen „L-Matic“ verbunden. Dadurch ist nicht nur eine langfristige Energieversorgung gewährleistet, sondern auch die horizontale Lokalisierung im Lager. Denn die autonom agierenden Fahrzeuge haben neben großen Akkus auch eine digitale Karte des Warendepots an Bord.

„Um die Karte zu erstellen, nutzen wir den im Fahrzeug installierten 2-D-Laser“, erklärt Philipp Stephan, Produktmanager im Bereich Linde Robotics. „Aus dem entstandenen Bild entfernen wir dann alle beweglichen Elemente. Abschließend legen wir in der Karte fest, wo sich das Fahrzeug mit welchen Geschwindigkeiten bewegen darf.“

Kollisionen werden mittels Laserscanner vermieden. „Sollten unerwartet Hindernisse auftauchen, reduziert der Hochhubwagen zunächst seine Geschwindigkeit und hält bei bleibendem Hindernis sofort an“, so Stephan. „Bevor er wieder anfährt, checkt eine 3-D-Kamera, ob der Gefahrenbereich geräumt ist. Einem kollaborativen Einsatz mit menschlichen Kollegen steht also nichts im Wege.“ In aller Regel werde das smarte Gespann aber eher nachts oder am Wochenende unterwegs sein.

Die vertikale Orientierung in der Lagerhalle obliegt der rund 50 cm langen Drohne selbst. Dabei helfen ihr Höhenscanner und großflächige QR-Codes. Aufgebracht sind die Marker auf der unterfahrbaren Landebasis. Diese ist so groß wie eine Standardpalette – und dient als Lagerplatz für das fliegende Auge, wenn es mal Pause hat.

Für den Blick ins Regal sorgen QR-Code- und Barcode-Leser. Genau wie bei der Fraunhofer-Lösung macht auch der Linde-Hexacopter zusätzlich Fotos von solchen Regalplätzen, an denen eine zweifelsfreie Erfassung nicht möglich ist. Er soll in der Lage sein, die Bestände einer ganzen Lagerhalle in einem Anlauf zu erfassen. Dazu fährt der Hubwagen von Fach zu Fach, während die Drohne über ihm auf und ab gleitet.

Die Markteinführung des Systems soll frühestens 2018 erfolgen. Die Kosten sind noch unklar. Linde geht aber davon aus, dass sich die Flybox beim Nutzer innerhalb von rund zwei Jahren amortisieren wird.

stellenangebote

mehr