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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Automation

„Der App-Store für die Fabrik“

Von Iestyn Hartbrich | 12. Januar 2017 | Ausgabe 01

Siemens-Vorstand Klaus Helmrich spricht im Interview über Geschäftsmodelle in der Industrie 4.0.

VDI nachrichten: Herr Helmrich, wer Siemens auf Messen besucht, kommt um das Thema „Mindsphere“ kaum herum. Das klingt modern. Aber was verbirgt sich dahinter?

Foto: Siemens

„Apps verdienen den Maschinenbauern Geld.“ Klaus Helmrich leitet die Divisionen Digital Factory und Process Industries and Drives im Siemens-Konzern.

Klaus Helmrich: Mindsphere ist unser offenes und Cloud-basiertes Betriebssystem für das Internet der Dinge. Drei Ebenen spielen eine Rolle: Konnektivität der Feldgeräte, die Cloud-Plattform und die Schnittstelle für die Apps.

Das ist erklärungsbedürftig. Angefangen bei der Konnektivität: Von welchen Geräten sprechen Sie? Auch von solchen, die nicht von Siemens stammen?

Ja. Unsere eigenen Geräte binden wir über unsere Simatic- und Sinumerik-Software an die Cloud an. Wir haben aber auch sogenannte IoT-Controller entwickelt, die Fremdprodukte anbinden, oder Geräte, die bereits lange im Feld sind. Auf diese Weise haben wir Zugang zur gesamten installierten Basis in der Fabrik.

Beim Bereitstellen der Plattform arbeiten wir mit vielen Partnern wie etwa SAP, Atos, Accenture, Microsoft und jetzt ganz neu mit IBM Watson zusammen.

Und was ist mit Schnittstelle gemeint?

Das ist eine Umgebung, in der jeder Entwickler in Java oder JavaScript Apps schreiben kann. Der Maschinenbauer kann eine App schreiben, damit er dem Kunden Dienstleistungen in der vorausschauenden Instandhaltung anbieten kann. Genauso können aber auch die Anwender, also die Maschinenbetreiber, Apps programmieren.

Der App-Store für die Fabrik?

Ja, der App-Store für die Fabrik. Und als dritte Gruppe, die ebenfalls Apps schreiben könnte, nenne ich IT-Dienstleister wie Atos und Accenture.

Und füllt Siemens diesen App-Store auch mit eigenen Apps?

Ein paar Standard-Apps programmieren wir schon, für das Flottenmanagement zum Beispiel. Aber: In den Wettbewerb, der darüber entsteht, wer die Apps programmiert – unsere Kunden im Maschinenbau oder deren Kunden – greifen wir nicht ein.

Unter Automatisierern, Maschinen- und Anlagenbauern gibt es ein Bedrohungsszenario: Diese liefern die Technik für die Industrie 4.0 und andere, die sich besser mit Datenauswertung auskennen, verdienen das Geld. Stichwort Amazon ...

Mit Mindsphere können die Fabrikausrüster den Profit im eigenen Haus halten, genau das ist das Ziel. Apps verdienen den Maschinenbauern Geld, in Ergänzung zu ihrem bestehenden Portfolio. Die Herausforderung für die Maschinenbauer wird sein, sich in der Welt dieser neuen Geschäftsmodelle zurechtzufinden. Aber ich bin überzeugt: Die schaffen das.

Und was, wenn andere die Apps günstiger anbieten als die Maschinenbauer?

Das Szenario halte ich für unwahrscheinlich. Denn die Apps setzen auf den Maschinen auf. Und wie die funktionieren, wissen die Maschinenbauer am besten. Nur der Hersteller kann aus den Produktionsdaten einer Maschine ablesen, dass sie nicht mehr die volle Präzision erreicht. Wenn dieser Fall eintritt, kann er dem Kunden anbieten, die Wartung vorzunehmen. Externen fehlt dafür das Know-how über die Hardware, das sogenannte Domain-Know-how.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Beispiel Gasturbine. Es gibt Tausende Sensoren an einer Gasturbine, aber nur wir als Hersteller wissen, welche Sensordaten man in welcher Korrelation betrachten muss, um die Laufzeit zu maximieren.

Die Apps, von denen Sie sprechen, machen einen Teil des impliziten Wissens, das bislang nur die Maschinenbediener hatten, explizit, also durch Sensoren erfassbar. Leidet darunter die Kommunikationsfähigkeit der Arbeiter?

Die Transparenz über die Produktionsprozesse wird steigen und damit nimmt die Qualität der Fertigung zu. In unserem Werk in Amberg zum Beispiel messen wir ständig und spielen die dadurch gewonnenen Erkenntnisse an die Designstufen zurück. Das Ergebnis: Wir produzieren in Amberg mit einer Qualität von 99,9988 %, also einer sehr niedrigen Fehlerquote. Für die Mitarbeiter sind digitale Prozesse eine willkommene Unterstützung, ihre Anlagen optimal zu fahren. Viele der Ideen, die wir in Amberg umsetzen, kommen im Übrigen von unseren Mitarbeitern.

Hinzu kommt, dass Apps und andere digitale Hilfsmittel gerade auch Unternehmen helfen, die weltweit Anlagen betreiben. Sie können damit ihre Belegschaften mit sehr unterschiedlichen Qualifikationsniveaus unterstützen und anleiten.

Aber die Wissenstiefe des einzelnen Arbeiters nimmt ab. Er kennt nicht mehr jedes „Husten“ eines Getriebes.

Stimmt, die Wissenstiefe der Belegschaften verändert sich – in zwei Richtungen. Erstens brauchen wir verstärkt Fachkräfte, die die Maschine in- und auswendig kennen, die mit der leistungsstarken Software – mit CAD- und Simulationssystemen etwa – umgehen können. Was nutzt es, zu wissen, wie man ein iPhone bedient, wenn man niemanden hat, der es in der Industrie designen kann?

Sie sprachen von zwei Richtungen. Was ist die zweite?

Zweitens versorgen wir die Menschen an den Maschinen mit einer ganz neuen Qualität von Informationen. Sie sind deshalb auch viel besser in der Lage, die Maschinen zu fahren und zu optimieren. 

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