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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Druck

„Der Drucker mit den Fahrrädern!“

Von Stephan W. Eder | 16. Februar 2017 | Ausgabe 07

Das südhessische Druckhaus Lokay differenziert sich im Wettbewerb seit über zehn Jahren dadurch, dass es konsequent auf Umwelt setzt.

w - Lokay BU2
Foto: Benjamin-Schenk--FotoStudioHHirc

Technologievorreiter: Lokay ist Erstanwender des „Autonomous Printing“, eines automatisierten, digital gesteuerten Druckprozesses von Heidelberger Druckmaschinen.

Der Chef ist noch nicht da. Der Chef ist noch im Weinberg. Lesezeit. Und das, obwohl mehr als zwei Dutzend Journalisten zur Besichtigung in seine Druckerei im südhessischen Reinheim kommen. Aber Ralf Lokay muss lesen. Geplant war das anders; aber wer Landwirtschaft betreibt, dem diktiert das Wetter, was zu tun ist. Und als Vorstandsmitglied in der Odenwälder Winzergenossenschaft trägt Lokay die Verantwortung, die Prioritäten richtig zu setzen. Die Journalisten können warten, die werden versorgt, die Trauben nicht.

Druckhaus Lokay e. K.

Das war letzten Herbst. Der Pressetrupp war gut betreut: Lokays Prokurist und Alter Ego Thomas Fleckenstein erklärte den Anwesenden, warum es sich lohnt, teilweise aus dem Ausland nach Reinheim zu kommen.

Einerseits gilt die Druckerei Lokay, ein Familienbetrieb seit 1932 mit knapp 30 Angestellten, ökologisch als einer der Branchenvorreiter in Deutschland und als familienfreundlicher Arbeitgeber. Dafür steht vor allem Ralf Lokay, inzwischen die dritte Generation in der Firmenleitung.

Foto: Benjamin-Schenk--FotoStudioHHirc

„Nur wer schneller lernt, als sich die Umwelt ändert, wird überleben“, mit diesem Motto haben Ralf Lokay (li.) und Thomas Fleckenstein (re.) die Druckerei Lokay als ökologischen Branchenpionier aufgestellt.

Andererseits spielt der Mittelständler technologisch ganz vorne mit. Das Druckhaus produziert seit Herbst im Dreischichtbetrieb als weltweit erstes Unternehmen rund um die Uhr mit einer Offsetmaschine von Heidelberger Druckmaschinen, die in Sachen Digitalisierung und Automatisierung als wegweisend gilt. Technologie, frisch von der Branchenleitmesse Drupa, die im Mai 2016 in Düsseldorf stattgefunden hat. Dafür steht Fleckenstein, der als junger Mann schon aus einem Copyshop mit www.diedrucker.de eine der ersten Onlinedruckereien Deutschlands machte. Fleckenstein liegt die Praxis näher als graue Theorie und die reine Lehre, sein Studium hat er eher berufsbegleitend abgeschlossen.

In der Produktionshalle steht die Gruppe der Presseleute um den Leitstand vor dem Display mit 1,70 m Diagonale. Vier Druckjobs sollen vollautomatisch hintereinander auf der Fünf-Farbmaschine gefahren werden. Der Drucker überwacht den Prozess nur und wechselt die Platten. Erst wenn etwas schiefläuft, müsste er eingreifen.

„Push-to-Stop“ – statt „Push-to-Print“ – nennt Heidelberger diese Fahrweise der Maschine. Damit das klappt, sind alle Prozesse in der Maschine digital integriert und über die Workflow-Software Prinect über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg vernetzt.

Es klappt – fast. Zwischendurch gibt es einen Hänger. Aber das kommt im Realbetrieb halt vor. Die Medienvertreter geben sich dennoch beeindruckt. Die Maschine ist nach Fleckensteins Gusto: effizient und ressourcenschonend. Das treibt die Südhessen auch im Umweltsektor an.

„Wir wollten die umweltfreundlichste Bogenoffsetdruckerei Deutschlands sein.“ Das haben Lokay und Fleckenstein sich 2004 als Ziel aufgeschrieben und dann konsequent schrittweise umgesetzt. Auch die neue CX 102 ist Teil der Strategie: „Wir verbrauchen so 5000 l weniger Chemikalien für das Gummituchwaschen pro Jahr; der größte Einfluss auf unseren Chemikalienverbrauch, den wir bislang hatten“, so Fleckenstein.

Der Weg bis zur Ökodruckerei war lang: „1998 hat Ralf Lokay die Entscheidung getroffen, mit umweltverträglicheren Farben zu drucken“, erklärt Fleckenstein. „Er hat das nicht kommuniziert, er hat das einfach gemacht.“ Ursache war, dass nach der Geburt seiner Tochter seine Frau Astrid irgendwann begann, den Privathaushalt der Lokays auf „Öko“ umzustellen. Naturkostladen statt Discounter.

„Bis 2004 war das Geschäft vor allem, Bücher für Verlage zu drucken“, so Fleckenstein. Dafür war Lokay bekannt, bis ins Ausland. „Wir kamen zusammen und hatten das Gefühl, dass unsere Zukunft nicht darin liegen kann“, erinnert sich der Prokurist. Schon 2007 sei man das seinem Wissen nach erste klimaneutrale Druckhaus in Deutschland gewesen.

Richtig bekannt wurden sie durch die Dutzend Fahrräder, die Ralf Lokay 2009 statt der Dienstwagen anschaffte. „Wir waren die erste Firma in Deutschland mit einer Fahrradflotte“, weiß Fleckenstein. Das sei mit der beste Marketingcoup gewesen, den die Firma jemals gemacht habe – obwohl es als Marketingmaßnahme gar nicht gedacht war. „Aber die Leute sagen heute noch: ‚Ach, Sie sind der Drucker mit den Fahrrädern!‘“

Heute verarbeitet das Druckhaus jährlich rund 4000 Druckaufträge; Broschüren, Kataloge und Etiketten. Die Kunden sind Institutionen, Firmen und Behörden, die sich selbst das konsequente Einhalten von Umweltkriterien auf die Fahnen geschrieben haben. „Heute sind 70 % bis 75 % unsere Kunden bei uns aus Umweltgesichtspunkten“, so Fleckenstein.

2008 waren 5 % des verbrauchten Papiers bei Lokay Recyclingpapier, 2014 schon 42 %. Für Fleckenstein ein Zeichen, dass mehr Kunden aufgrund ökologischer Kriterien bei Lokay drucken lassen. Der Wasserverbrauch sank von 2008 bis 2014 von 1165 m3 auf 448 m3. Damit gewinnt man Kunden: konkret ein großes US-Unternehmen aus der Wasserbranche, mit deutschem Sitz in Mainz. „Dessen Strategie ist, bis 2020 kein Wasser mehr zu verschwenden. Wir sind inzwischen Teil dieser Strategie“, ist Fleckenstein stolz.

Um solche Kunden zu gewinnen, muss man sich konsequent und glaubhaft aufstellen. 2006 wurden die ersten nachhaltig und ökologisch zertifizierten Papierkollektionen eingeführt, ein Jahr später die Firma für ihr Umweltmanagement nach der EU-Ökoaudit-Verordnung ausgezeichnet. Was folgt, ist eine nicht abreißende Reihe von Öko-Zertifizierungen, aber auch Auszeichnungen und Preise für die konsequente ökologische Ausrichtung.

Die Wand im Eingangsbereich des Verlagsgebäudes fasst heute kaum noch die Urkunden. Und es geht weiter: Lokay ist eine der wenigen Druckereien, die als solche mit dem Blauen Engel ausgezeichnet sind. Das auch, weil die Firma 2013 rund 1,5 Mio. € in die Hand nahm, um die alten Gebäude aus den 1960ern energetisch und ökologisch von Grund auf zu sanieren.

Glaubwürdigkeit ist in Lokays Geschäft ganz wichtig. Fleckenstein steht daher als Marketingchef regelmäßig auf Messen wie der Biofach oder der Veggie World; seinen Worten nach als einziger Vertreter seiner Branche.

www.lokay.de

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