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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Zulieferer

Die Anti-Dumping-Falle

Von Iestyn Hartbrich | 20. April 2017 | Ausgabe 16

Die Stahlpreise sind aufgrund von Strafzöllen der EU gestiegen. Während die Hersteller profitieren, gibt es bei den Verarbeitern die ersten Insolvenzen.

Handelsverteidigungsmaßnahmen sollen die heimische Industrie schützen. Im Prinzip. Dass sie in der Praxis auch einen gegenteiligen – schädigenden – Einfluss haben können, zeigt das Beispiel Stahl.

Was ist passiert? Die Preise vieler Stahlgüten sind von März 2016 auf März 2017 enorm angestiegen: um bis zu 70 % bei feuerverzinkten Blechen, um 50 % bis 60 % bei kaltgewalzten Blechen und sogar um 70 % bis 80 % bei Warmbreitband, das in der Industrie als Referenzprodukt gilt. Laut Statistischem Bundesamt verteuerte sich der Erzeugerpreis für Walzstähle zwischen Februar 2016 und Februar 2017 um durchschnittlich 17,5 %.

Für die Stahlhersteller ist das eine gute Nachricht, schließlich klagten sie im Jahr 2016 vielfach über Preisverfall. Für die Stahlverarbeiter hingegen erweist sich der Preisanstieg als Katastrophe. Im Vorfeld der Hannover Messe warnen die Verbände, in denen die Unternehmen der Zulieferbranche organisiert sind, vor Liquiditätsproblemen und Insolvenzen ihrer Mitglieder.

„Seit Anfang des Jahres sind die Materialpreise sehr stark und überraschend gestiegen“, sagt zum Beispiel Bernhard Jacobs, Geschäftsführer des Industrieverbands Blechumformung (IBU). Die Rohstoffkosten für Eisenerz und Koks seien bereits 2016 geklettert, „verschärft wurde die Situation, als die EU-Kommission durch angedrohte Anti-Dumping-Zölle auf Stahlimporte das Angebot verknappt hat.“ Jacobs kritisiert: „Abschottung der Märkte macht nur dort Sinn, wo genügend heimischer Stahl produziert wird. Bei feuerverzinkten Blechen zum Beispiel ist das nicht erkennbar.“

Nach Ansicht des Verbands drohen hier Lieferengpässe. Die Hälfte der Weltjahresproduktion kommt aus China, gegen das die EU-Kommission im Dezember ein Anti-Dumping-Verfahren eröffnet hat. „Es wird damit gerechnet, dass diese Lieferungen ab März wegen der Furcht vor einer rückwirkenden Zollverhängung versiegen werden“, heißt es in einem IBU-Schreiben. Am Markt gebe es Zweifel, dass die Liefermöglichkeiten der EU und alternativer Herkunftsländer ausreichen, um die erwartete Lücke zu schließen.

Als Beleg für die Knappheit führt der Industrieverband die langen Lieferzeiten bei verzinkten Stählen an. Wer heute bestelle, erhalte sein Material erst spät im dritten Quartal.

Die Folgen für die Stahlverarbeiter sind ernst. „Unsere Unternehmen haben einen Materialkostenanteil von 60 % und werden daher mit voller Wucht getroffen“, sagt Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM). Nicht nur die Erträge seien bedroht, sondern auch die kurzfristige Liquidität. IBU-Geschäftsführer Jacobs spricht von „ersten Insolvenzen, die konkret auf den Stahlpreisanstieg zurückzuführen sind.“

Dass die Zulieferer so stark vom Preisanstieg der Stähle betroffen sind, hängt auch mit den Zulieferbeziehungen zu den Kunden aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau (OEMs: Erstausrüster) zusammen. Laut IBU-Geschäftsführer Jacobs gibt es zwar Methoden, um die Effekte von Preissteigerungen abzufedern, sie seien allerdings aktuell keine große Hilfe.

Üblich sei zum Beispiel das sogenannte steel pooling. Dabei handelt der Automobilkonzern mit einigen wenigen Stahlherstellern einen Preis aus und stellt dem Verarbeiter deren Bleche zur Verfügung. Der Autozulieferer, der den Stahl verarbeitet, darf die Materialien anderer Hersteller nicht verwenden, auch wenn diese günstiger sind. „Es ist unmöglich, einfach so den Vormateriallieferanten zu wechseln“, so Jacobs. Er beobachte zudem, dass die OEMs vom steel pooling abrückten – und zwar in dem Maße, wie die Preise steigen. Für die Autozulieferer bedeutet das: Sie müssen den immer teureren Stahl nun bei den Herstellern einkaufen.

Aus Sicht von Verbänden wie dem IBU sind deshalb Verhandlungen zwischen Herstellern, Verarbeitern und den OEMs aus Automobilindustrie und Maschinenbau nötig.

„Die (Zuliefer-)Unternehmen eint, dass sie den Preisanstieg nicht mehr alleine stemmen können“, sagt Jacobs und warnt vor einem Zusammenbruch der Lieferkette.

Ehe es soweit kommt, dürften allerdings zunächst die branchenüblichen Notfallmechanismen ablaufen. Wenn ein Unternehmen aus der Zulieferindustrie in Schieflage gerät, unternehmen die OEMs häufig Schritte, um es am Markt zu halten – weniger aus Freundschaft, eher, um nicht die Produktion zu gefährden. Das Instrumentarium beinhaltet zum Beispiel Liquiditätsvorschüsse und Kontrakte mit kurzfristigen Zahlungszielen. Im Gegenzug überwacht der OEM den betroffenen Zulieferer stärker.

mit Material von Katharina Otzen

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