Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

Energiewirtschaft

Digitaler Energiewendeschub

Von Josephine Bollinger-Kanne | 9. Februar 2017 | Ausgabe 06

Die dezentrale Datenbanktechnologie Blockchain verspricht neuen Schwung für die Energiewende. Im Fahrwasser der Digitalisierung der Branche zieht sie immer größere Kreise.

w - Blockchain BU
Foto: innogy

Elektromobilität ist ein erstes Anwendungsfeld für Blockchain-Technik in der Stromwirtschaft. Innogy macht das Teilen privater Ladepunkte über eine Blockchain-Lösung des Start-ups Slock.it möglich.

Blockchain-Anwendungen im Energiesektor? – Ja, da haben wir schon einmal etwas von gehört, gaben 69 % von 70 Führungskräften der deutschen Energiewirtschaft im Rahmen einer Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) und der European School of Management and Technology (ESMT) an. Gut die Hälfte der Befragten nannte laufende oder geplante Projekte.

Blockchain-Glossar

Blockchain – das Schlagwort fehlt derzeit auf keiner Branchenveranstaltung im Energiesektor. Die erste Anwendung des dezentralen Digitalisierungskonzepts mit eigener Verschlüsselung und Verifizierung startete 2009 mit der Kryptowährung Bitcoin.

Seither entwickelte sich die Technologie weiter und spaltete sich in offene und in private sowie konsortiale Betriebsformen auf. Bleibt die Identität der Teilnehmer bei offenen Blockchains anonym, ist sie in der privaten und konsortialen Betriebsweise bekannt. Hier regelt ein Unternehmen oder eine Unternehmensgruppe den Zugang der Nutzer.

Tobias Federico, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Energy Brainpool, glaubt, dass gerade die Konsortial-Blockchain in der Energiewelt zukünftig ihren Platz finden wird. Zum Sicherheitsthema sagt er: „Bis heute wurde keine Blockchain geknackt.“ Einige Applikationen seien nicht sauber programmiert worden, das führte in der Vergangenheit zu Missbrauchsfällen.

Vergleichbar seien diese Fälle mit mit fälschungssicherem Geld, so Federico. „Das Geld selber kann nicht gefälscht werden, aber der Tresor, in dem das Geld lagert, der kann geknackt werden. So waren auch die bisherigen Hacks in diesen Bereichen zu sehen. Je attraktiver ein Softwaresystem ist, um so eher wird es ein Opfer von Angriffen.“

Gemeinsam ist offenen und privaten Blockchain-Systemen, dass jede übertragene Information verschlüsselt und geprüft in Blöcken auf allen Rechnern der Teilnehmer gesichert wird, ohne dass eine zentrale Instanz wie eine Bank eingreift. Die Prüfung bzw. Verifizierung übernehmen sogenannte Miner. Das sind Mitglieder in der Blockchain mit Stimmrechten, die dafür Rechnerleistung zur Verfügung stellen und entlohnt werden.

Als dezentrale Verifikationsmethode mit sehr geringen Transaktionskosten passt die Blockchain-Technologie für Federico vor allem zur Stromwirtschaft, die „durch die Energiewende dezentral, dekarboniert, digital und kleinteiliger wird“.

Besonders bei der Abwicklung und Abrechnung von Kleinstmengen werde sie eine Rolle spielen, weil bestehende Systeme zu teuer seien. Beispiel hierfür sind temporäre Stromverbräuche wie die der Aussteller auf einer Kirmes mit wenigen Kilowattstunden oder auch beim Mieterstrom.

Das war für den Stadtwerke Energie Verbund SEV mit Sitz im nordrhein-westfälischen Kamen ein Grund mit dem Smart-Meter-Komplettanbieter Discovergy, dem Softwareentwickler Sunride und dem Blockchain-Experten Thorsten Zörner im letzten Herbst das Projekt der Bezahlmöglichkeit über Blockchain zu starten. 

Zukünftig sollen die Verbraucher der acht Stadtwerke auf ihrem Smart Meter nicht nur stündlich ablesen können, wie viel Strom sie beziehen, sondern auch, wie viel das kostet. Die Verbrauchsdaten werden an eine Ethereum-Blockchain (s. Kasten) übermittelt.

Zusätzlich plant SEV, einen Anreiz für den Verbrauch von möglichst viel Ökostrom zu setzen. Dazu wird der tatsächliche Verbrauch mit dem vor Ort bereitgestellten Ökostrom verglichen. Der Nachweis für den Kunden erfolgt in Form sogenannter Grünstromjetons: je höher der Ökostrombezug, desto mehr Jetons. 

All das könnten deutsche Versorgungsunternehmen nach Auskunft vom SEV ohne große zusätzliche Investitionen in ihre IT-Infrastruktur integrieren. Die Bezahlmöglichkeit über Blockchain wird kurzfristig eingerichtet und ein Tarif soll bis zur Jahresmitte entwickelt werden. 

Christoph Burger, Experte bei der European School of Management and Technology, betont das Kostensenkungspotenzial von Blockchain und weist auf den Zahlungsverkehr speziell bei kleinen Beträgen hin. So seien die Transaktionskosten für Bitcoin, die durch die Entlohnung der Miner für ihre Verifizierung anfallen, seit Januar 2015 von 4 % auf 1 % gefallen.

Der Blogger und SEV-Projektpartner Thomas Zoerner ist auch Mitbegründer der sogenannten Stromdao. Dao steht für Dezentrale Autonome Organisation, in diesem Fall eine Art Stromgenossenschaft. Dao ist ein Konstrukt, das das sächsische Software-Start-up Slock.it entwickelt hat. Dao nutzt Smart Contracts, die die Strombeschaffung und den Vertrieb vollständig automatisiert und autonom regeln.

„Alle Mitglieder an der Wertschöpfungskette ,Strom‘ – vom Erzeuger bis zum Verbraucher –, die ein Interesse haben, können partizipieren. Aktuell sind ca. 1500 Stromkonten eingerichtet. Stimmrechtskonten gibt es etwa 40“, schildert Thomas Zoerner.

Seit letztem Jahr arbeiten die RWE-Tochter Innogy und Slock.it daran, mittels Ethereum Ladestationen von Elektrofahrzeugen zu betreiben. Hier gebe es „allererste sehr einfache Testerfahrungen mit Kunden über das Projekt ,Share & Charge‘“, erläutert Carsten Stöcker, Blockchain-Experte bei Innogy. Prototypen einzelner Ladesäulen und das Portfolio von Ladesäulen liefen auf Blockchain. Eine App stehe Endnutzern zur Verfügung.

„Zahlungsprozesse sind als Micropayments ohne Bank integriert“, erklärt Stöcker. Die Zahlungen erfolgen entweder durch ein kleines Guthaben in einem Smart Contract oder durch Überweisung eines Crypto-Tokens pro getankter kleiner Energiemenge.

Dennoch: Für Joachim Bertsch und Christian Tode vom EWI Energy Research & Scenarios in Köln ist es „momentan schwer abzusehen, welche Entwicklung die Blockchain-Technologie tatsächlich in der Energiewirtschaft machen wird. Das Potenzial für Disruption ist durchaus vorhanden, allerdings sind für diese zahlreiche Hürden zu nehmen.“

Effizienz und Funktionsfähigkeit müssten sich erhöhen, so die Experten des EWI. Zudem sei regulatorisch noch zu klären, wie mit dem beteiligten Datennetz umgegangen werden soll. Es stellt eine physikalisch unumgängliche Zwischenebene dar, über die das gesamte System abläuft.

Die Branche selbst ist noch unsicher: So sehen 21 % der Befragten in der Studie von Dena und ESMT in Blockchain einen „Game Changer“, während 14 % nur ein Nischendasein erwarten.

stellenangebote

mehr