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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Börse

„Ein Blick auf Rohstoffe lohnt“

Von Dieter W. Heumann | 20. April 2017 | Ausgabe 16

Gottfried Heller, Aktienexperte und ehemaliger Weggefährte von Börsenstar André Kostolany, wettet auf steigende Kurse.

BU_Heller Interview
Foto: imago/argum

Seit fast einem halben Jahrhundert analysiert Gottfried Heller Aktienkurse.

VDI Nachrichten: Herr Heller, an der Börse herrscht eine im Trend aufwärts gerichtete Entwicklung, die nun schon ins neunte Jahr geht. In der Regel dauert ein Börsenzyklus nur drei bis fünf Jahre. Sollten wir den Leitsatz „Sell in May and go away“ nun besser beherzigen?

Heller: Zwar läutet der Mai oftmals sechs magere Monate bis Ende Oktober ein, bevor dann bis Ende April sechs stärkere Börsenmonate folgen. Aber diese Regel gilt nicht immer. Diesmal ist sowohl das New Yorker Börsenbarometer Dow Jones als auch der Dax seit Anfang November 2016 – der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten – um etwa 15 % gestiegen. Ich denke, eine Korrektur wäre nach dem rasanten Anstieg eigentlich schon fällig, aber eine grundsätzliche Wende sehe ich nicht.

Gottfried Heller

In jüngster Zeit vollzieht sowohl die Wall Street aber auch die Börse in Frankfurt keine größeren Avancen mehr?

Das deutet in der Tat bereits eine Korrektur an, die aber auch darin begründet liegt, dass Trump die ersten seiner vollmundig angekündigten Wahlversprechen nicht oder nicht in gewünschtem Umfang umsetzen konnte. Auch ein Trump hat den Kongress nicht ohne Weiteres im Griff, obwohl seine Partei in beiden Kammern die Mehrheit hat. Das lässt die Börsianer vorsichtiger agieren.

Und mit Blick auf den Dax?

Zum einen schwappt die Stimmung an der Wall Street mehr oder weniger stets auf das Börsenparkett in Frankfurt über, denn mehr als 30 % der deutschen Dax-Werte sind in amerikanischer Hand. Insgesamt sind rund zwei Drittel im Auslandsbesitz. Ein Armutszeugnis deutscher Anleger, denn sie verschenken die Kursgewinne und Dividende an Ausländer. Und in Deutschland blickt man wenige Tage vor der Frankreichwahl ins Nachbarland. Zwar haben die Niederländer jüngst europafreundlich abgestimmt und damit der europäischen Idee in den dunklen Zeiten des Brexits wieder ein wenig Glanz verliehen. Aber der Präsidentschaftswahl im zweitgrößten Euromitgliedsstaat kommt besondere Bedeutung zu. Unter den Börsianern überwiegt zwar die Meinung, dass die Eurogegner um Marie le Pen letztlich doch keine Chance zur Regierungsbildung bekommen werden – mangels Koalitionspartner. Aber das wirkliche Ergebnis werden wir erst am 7. Mai sehen.

Also besser die Gewinne mitnehmen?

Das wäre – wie bereits angedeutet – kurzsichtig. Auch wenn es in dieser Zeit wegen der bevorstehenden Wahl in Frankreich und möglicher Zuspitzungen im Nahostkrieg zeitweilig etwas holpriger an der Börse zugeht, so sollten doch die guten Fundamentaldaten nicht aus den Augen verloren werden. Die Weltkonjunktur hat seit einiger Zeit ihre jahrelange Schwäche überwunden, was auf die Konjunktur im Euroland durchgeschlagen ist. Für ein Anhalten des Wachstums der Weltwirtschaft spricht zudem, dass alle vier wichtigen Wirtschaftsregionen dieser Welt – China, Amerika, Japan und Europa – erstmals seit zehn Jahren gleichzeitig aufwärtsstreben. Und auch viele Schwellenländer sind – ausgelöst durch die wieder leichte Erholung der Rohstoffpreise – auf den wirtschaftlichen Wachstumspfad eingeschwenkt.

 Und der wohl wichtigste Punkt: Als Folge der konjunkturellen Erholung steigen die Gewinne der Unternehmen seit dem vierten Quartal 2016 nach langer Schwächephase endlich wieder an.

Also eher nachkaufen?

Ja, ich würde Schwächephasen für Nachkäufe nutzen, denn deutlich steigende Gewinne waren immer schon der beste Treibstoff für die Börse – wie wir sie jetzt sehen.

Und Treibstoff wird von der EZB geliefert?

Ja, immer noch in Form anhaltend niedriger Zinsen, sowohl in Europa, aber – trotz zwei leichter Leitzinsanhebungen – derzeit auch noch in den USA.

Ausgegangen ist der Aufschwung von den USA. Aber droht Amerika nicht ein wirtschaftliches Desaster, sollte Trump mit seinem Steuer- und Infrastrukturprogramm scheitern?

Trump wird mit seinem Steuersenkungsprogramm nicht scheitern, wenngleich er es nicht in dem von ihm gewünschten Ausmaß wird durchsetzen können. Trump will die Unternehmenssteuern von 35 % auf 15 % senken. Kommen letztlich etwa 25 % dabei heraus, so wäre das ein großer Erfolg. Zwar sind die Republikaner keine Freunde einer großen Verschuldungspolitik, aber an einer unternehmensfreundlichen Politik, wie sie Trump vorschwebt, haben die Republikaner großes Interesse: Zum einen weil sie ihr angestammtes Wählerklientel betrifft und ferner, weil die Partei in beiden Kammern des Kongresses derzeit die Mehrheit hat, um dies auch erfolgreich durchsetzen zu können.

Wann dürften das Steuersenkungs- und das Infrastrukturprogramm auf den Weg gebracht

werden?

Die lange Periode niedrigster Zinsen hat den Börsen zweifellos geholfen. In den USA ist die Zinswende bereits vollzogen – und in Europa?

EZB-Chef Draghi betont immer wieder, dass die erste Zinserhöhung erfolgen wird, nachdem das Anleiheankaufprogramm der EZB ausgelaufen ist. Das wird frühestens im Dezember 2017 der Fall sein. Aber es gibt bereits Stimmen, wie die des Sachverständigenrates, der geradezu ultimativ fordert, dass das Kaufprogramm sofort zu beenden ist. Sicherlich, die EZB kann für den Euroraum nur eine Geldpolitik aus einem Guss fahren, aber diese ausschließlich nach den Erfordernissen der hoch

verschuldeten Südländer auszurichten, fordert den Widerstand der zunehmend unter Druck geratenden Nordeuropäer heraus, die die Eurozone immer mehr in einer Transferunion versinken sehen. Wir sollten uns nicht täuschen: Der gegenwärtige konjunkturelle Aufschwung in der Eurozone vernebelt nur die strukturellen Schwierigkeiten, in denen der Süden nach wie vor steckt und damit auch seine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, was sich in schwierigen Zeiten wieder zeigen wird.

Die Finanzminister der Währungsunion gaben sich kürzlich optimistisch, dass Griechenland, das spätestens im Juli eine weitere Tranche über 7 Mrd. € zur Zahlung fälliger Schulden benötigt, diese bekommen kann, da es die Bedingungen erfüllen werde. Allerdings steht die Zusage des IWF noch aus?

Die Verhandlungen mit den Griechen zeigen immer das gleiche Szenario: Man ermahnt die Hellenen, endlich mit den zugesagten Einsparungen und strukturellen Reformen voranzukommen. Nach scheinbar hartem Ringen kommt es jedes Mal zu einer Einigung, wohl wissend, dass die Gläubiger mittlerweile auf so hohen Forderungen sitzen, dass ein Schuldenschnitt – wie vom IWF gefordert – eigentlich unumgänglich ist. Aber, so kurios es klingt, die Gläubiger scheinen mittlerweile ein gleich hohes Interesse wie der Schuldner zu haben, dass das Spiel immer der gleichen Regie folgt. Am Ende zahlen die Gläubiger, verschaffen sich eine Atempause, bis zum nächsten Mal: selbes Theater, selbes Drama.

Die US-Notenbank hat ihren Leitzins zum zweiten Mal nach der Wirtschafts- und Finanzkrise angehoben und die US-Zentralbank-Chefin Janet Yellen kündigt noch zwei weitere Zinserhöhungen für dieses Jahr an. Wie lange wird sich die EZB den steigenden Zinsen in den USA entgegenstemmen können?

Soweit es den langfristigen Zins betrifft, haben wir Ende vergangenen Jahres hierzulande schon einen leichten Anstieg als Folge der Zinsentwicklung am langen Ende in den USA gesehen. Erschreckt hat die Börsianer die Veröffentlichung des jüngsten Protokolls der US-Notenbank, denn danach will die FED noch in 2017 ihre – durch den Aufkauf von Staatsanleihen – aufgeblähte Bilanz verkürzen. Experten befürchten einen noch schnelleren Zinsanstieg als bisher, wenn die US-Notenbank – früher als erwartet – ihren Bestand an Staatsanleihen bei Fälligkeiten nicht mehr durch Neukäufe ersetzt. Damit werden wir in den USA nicht nur weitere Leitzinserhöhungen, sondern auch eine Verknappung der Liquidität sehen. Das dürfte auch den Zins der Zehnjährigen im Euroraum treiben. Herr Draghi und der EZB-Zentralbankrat werden dies kaum länger ignorieren können

Bei einer Diskussion über die Rückkehr zur Zinsnormalität darf aber auch nicht außer Acht bleiben, dass sie Risiken bergen kann?

Sicherlich, und vor allem dann, wenn die Zinsen zu schnell steigen. Es ist richtig, dass manche Investition bei einem marktkonformen Zinsniveau – mangels ausreichender Rentabilität – nie getätigt worden wären. Amerikanische Statistiken zeigen bereits stagnierende Zahlen bei der Kreditvergabe, weil es – aufgrund steigender Zinsen – zunehmend zu Ausfällen bei der Rückzahlung von Autokrediten kommt. Das könnte sich auf andere Bereiche ausweiten. Hierzulande fällt der kritische Blick der Deutschen Bundesbank immer wieder auf regionale Entwicklungen am heimischen Markt für Wohnimmobilien.

Es gibt also eine ganze Reihe von Risiken: Einen unkalkulierbaren Trump, bereits steigende Zinsen in den USA, Probleme in der Eurozone und bevorstehende Wahlen in Europa. Dennoch sehen Sie die Börsenentwicklung mittelfristig nicht in Gefahr – aufgrund stabiler Fundamentaldaten, vor allem guter Unternehmensgewinne. Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?

Das ist die Tausend-Dollar-Frage, die seriös kaum zu beantworten ist. Daher heute nur so viel, ich sehe den Dax zum Jahresende über seinem derzeitigen Stand von etwa 12 200 Punkten.

Und wozu raten Sie dem Anleger?

Wie bereits eingangs gesagt, nach Rücksetzern nachzukaufen. Dabei sollte man sich weniger auf amerikanische Titel konzentrieren, denn die sind in der Regel bereits sehr hoch bewertet. Ich setze vor allem auf Aktien aus Europa und den Schwellenländern.

Die Börse reagiert zum Teil mit erheblichen Schwankungen. Ist dies noch ein Platz für private Anleger?

Zu Aktien gibt es keine Alternative. Gefährlich lebt nur, wer kurzfristig agiert. Der private Anleger profitiert, indem er nicht auf die kurzfristigen Aufs und Abs der Kurse reagiert, sondern langfristig investiert und die Schwankungen aussitzt. Während für Spekulanten das richtige Timing entscheidend ist, ist für den Privatanleger die Zeitachse wichtig. Deshalb habe ich in der neuesten Auflage meines Buches „Der einfache Weg zum Wohlstand“ eine Depotsystematik für den Privatanleger entwickelt.

Wie sieht sie aus?

Sie minimiert das Risiko, aber setzt gleichzeitig auf Ertragsstärke – und das klappt. Ein möglichst risikoarmes aber ertragsstarkes Depot muss aufgestellt sein wie eine gute Fußballmannschaft: Man hat vorn die Flitzer und hinten die Recken und mittendrin die Stabilisatoren. Aber nochmals: Eine entsprechende Depotstruktur von Aktien wirkt nur bei langfristiger Anlage. Sie verschafft dem privaten Investor die Möglichkeit, seine Zukunft finanziell abzusichern, was mit Zinsanlagen derzeit nicht möglich ist.

Wozu raten Sie dem vorsichtigen Anleger?

Mein Rat für den eher vorsichtigen Privatanleger wären Aktienfonds, und zwar sogenannte Mischfonds. Sie haben in den vergangenen Jahren bis in die Gegenwart hinein besonders hohe Zuflüsse verzeichnet. Mischfonds beinhalten Staats- sowie Unternehmensanleihen und Aktien und sind daher als relativ risikoarm anzusehen. Zudem habe ich in meinem Buch – anhand eigener praktischer Erfahrungen – aufgezeigt, wie man mit einem weltweiten Mix der mittel- und langfristig überlegenen Aktienklassen, wie großen dividendenstarken Werten, internationalen Nebenwerten und Aktien aus Schwellenländern, mit ETFs (börsengehandelte Indexfonds) ein Depot strukturieren kann. Damit kann man eine überdurchschnittliche Rendite erzielen.

Welche Aktien welcher Branchen sollte der Fan von Einzelwerten derzeit bevorzugen?

Ein Blick auf die Rohstoffe lohnt sich, weil sie der Belebung der Weltwirtschaft folgen werden. Vor allem unter den Öltiteln befinden sich dividendenstarke Werte, die auch noch Kurspotenzial haben dürften. Ich denke z. B. an Royal Dutch oder Total. Auch Aktien von Rio Tinto sind interessant. Dabei handelt es sich um eine multinationale Bergbaugesellschaft mit Sitz in London, deren Ergebnis die Analysten bereits im ersten Quartal positiv überrascht hat. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man auch in Konsum- und Nahrungsmittelwerten engagiert sein, z. B. Henkel, Nestlé oder auch Coca Cola.

Bei welchen Aktien wären Sie eher vorsichtig?

Automobilwerte betrachte ich gegenwärtig eher zurückhaltend. In den USA präsentiert der Automarkt keine neuen Rekorde mehr. Das wirkt sich auch auf deutsche Titel aus, deren jüngste Wochenbilanz ein Minus zwischen 2,4 % und über 3 % auswies. Zu Bankwerten sage ich weiterhin: Hände weg. In den USA sind die Banktitel überteuert – auch angesichts der Situation am Automobilmarkt. Und in Europa leiden die Banken unter den anhaltend niedrigen Zinsen. Sie verdienen nicht mehr ausreichend in ihrem Brot- und Buttergeschäft, dem Kreditgeschäft. Eine zusätzliche Belastung sind die Negativzinsen. 

Aber Trump strebt für die US-Banken eine Deregulierung an, das dürfte auch positiv auf die europäischen Banken durchschlagen?

Das sollte sich Trump gut überlegen. Selbst amerikanische Banker sagen mir, dass einige der strengen Regeln bleiben müssen, damit wir nicht das gleiche Desaster erleben, was uns in die nur langsam überwundene tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise gestürzt hat. Übertriebene Verwaltungsvorschriften – wie sie besonders in Deutschland, vor allem mit der Protokollpflicht, die sich wie eine Schlinge um den Hals eines jeden Wertpapierberaters legt, bestehen – sollten dringend kräftig entschärft oder ganz abgeschafft werden. Natürlich muss der Anleger wissen und verstehen, was er kauft, denn die Verantwortung für seine Entscheidung liegt letztlich bei ihm.

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