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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Windkraft

Erst mal falscher Alarm

Von Jörn Iken | 23. Februar 2017 | Ausgabe 08

Der Zubau von Windkraftanlagen in Deutschland geht munter weiter, wenn auch nicht mehr so dynamisch. Ab 2021 könnte die Wachstumsdelle kommen.

w - Windkraft BU
Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Büttner

Der Zubau geht weiter: Die Windkraftbranche kann in Deutschland weiterhin jährlich auf Installationen von Neu- anlagen im Bereich mehrerer Gigawatt setzen.

Anfang Februar auf dem Führungstreffen Energie der Süddeutschen Zeitung überraschte Rainer Baake, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, die Branche mit der Nachricht, bis Ende 2016 seien in Deutschland Windkraftanlagen an Land mit einer Nennleistung von rund 8,5 GW genehmigt worden, die nun auf ihre Realisierung warten. Die Bundesnetzagentur korrigierte kurz darauf – nach oben; 8840 MW seien es.

Laut dem Bundesverband Windenergie (BWE) und dem VDMA-Fachverband Powersystems errichtete die Branche an Land 2016 über 4600 MW. Beide Verbände erwarten aufgrund des hohen Standes genehmigter Anlagen auch für die kommenden Übergangsjahre 2017 und 2018 einen starken Zubau.

Der kommt auch auf See voran: Offshore-Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von 818 MW gingen 2016 deutschlandweit ans Netz. Damit waren Ende 2016 insgesamt 947 Anlagen auf See mit einer Nennleistung von über 4100 MW im Betrieb. Dies entspreche einem Anstieg von 25 % gegenüber dem Vorjahr, gaben BWE und VDMA sowie die Arbeitsgemeinschaft Offshore-Windenergie (Agow), die Stiftung Offshore-Windenergie und die Windagentur WAB auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin bekannt.

Die Bedingungen für den Bau einer Offshore-Windkraftanlage in deutschen Gewässern sind alles andere als normal. Die durchschnittliche Wassertiefe der neu angeschlossenen Mühlen liegt bei rund 30 m, die durchschnittliche Entfernung von der Küste 68 km.

Die Stromerzeugung aus Offshore-Windenergie belief sich 2016 auf ungefähr 13 TWh, damit versorgt die Windenergie etwa 3 Mio. Durchschnittshaushalte mit Strom. Über 4000 Volllaststunden pro Anlage konnten die Windmüller für sich verbuchen.

Der Ausbau der Offshore-Windenergie werde sich bis 2019 mit einem jährlichen Volumen von etwa 1000 MW kontinuierlich fortsetzen, so die Studie. Norbert Giese vom VDMA sprach von einem befriedigenden Ergebnis.

Insbesondere zeigte Giese sich über einen Umstand erfreut, der in der Öffentlichkeit sonst kaum wahrgenommen wird. „Insbesondere sind wir froh, dass wir 2016 keinen schweren Unfall hatten. Es zeigt sich, dass wir das Thema HSE (Health, Safety, Environment) sehr hoch halten“, unterstrich er.

Kritik an Windenergie wächst: Trotz dieser insgesamt positiven Entwicklung stand und steht die Windbranche – an Land wie auf See – unter kritischer Beobachtung. Auf den 25. Windenergietagen in Potsdam Ende letzten Jahres redete Klaus Övermöhle, Inhaber des Beratungsunternehmens Övermöhle Consult, Klartext: „Die Windenergieanlagen sind nicht nur weltweit die höchsten mit über 200 m Gesamthöhe, sondern auch mit bis zu 1,4 Mio. € bis 1,5 Mio. € pro MW die teuersten. Vergleichbare Anlagen sind im europäischen Ausland bis zu 25 % und in Übersee bis zu 40 % günstiger.“

Der Gesetzgeber versucht dies durch den Systemwechsel – vom Festpreissystem zu Ausschreibungen – in den Griff zu bekommen. Dazu gehöre eine Deckelung des Bruttozubaus auf 2800 MW/Jahr und ein Privileg für Bürgerenergiegesellschaften. Sie seien politisch gewollt und würden mit Projekten bis maximal 18 MW bevorzugt, wusste Övermöhle zu berichten. Der Berater geht davon aus, dass die Bürgerenergiegesellschaften mit mindestens 25 % bis 40 % an den Ausschreibungen im Jahr 2017 beteiligt werden können.

Der Rest der Ausschreibungen wird laut Övermöhle auf Bieter mit BImSchG-Genehmigung (Bundesimmissionsschutzgesetz) entfallen. Die Ausschreibungsmengen belaufen sich auf 700 MW bis 900 MW. In den Gebotsrunden 2017 und 2018 müssen mindestens 500 MW an Offshore-Anlagen in der Ostsee bezuschlagt werden.

Dabei ist von großen Summen auszugehen, die jede Teilnahme an einer Ausschreibung mit sich bringt. Bis zu 10 Mio. € sind von einer Projektgesellschaft aufzubringen, um an einer Ausschreibung eines Offshore-Windparks teilzunehmen – ohne Erfolgsgarantie.

Drohender Fadenriss: Verhaltene Kritik äußerten Unternehmen und Verbände an der Bundesregierung, die nach ihren Meinungen den Ausbau bremse. 2021 und 2022 seien kritisch, da dann nach dem Willen der Bundesregierung der Ausbau auf See auf 500 MW pro Jahr beschränkt werde.

„Da wird in deutschen Gewässern nicht viel passieren“, erklärte VDMA-Experte Giese. Es könne vielmehr zum technologischen „Fadenriss“ kommen. Für die Industrie sei das eine Wachstumsdelle, die Arbeitsplätze kosten werde, so die Meinung des Podiums.

Besser sieht es für die Dienstleister aus, die sich mit Wartung und Reparatur über Wasser halten. „Ein verlässlicher Rahmen und substanzielle Ausbauvolumina sind notwendig, damit Kostensenkungen realisiert werden können“, betonte Martin Skiba, Vorstandsmitglied der Stiftung Offshore-Windenergie. „Wir sind in der Phase, in der drastische Kostenminderungen anstehen.“

Vier Faktoren seien an den Kostensenkungen beteiligt, fuhr Skiba fort. Die technische Innovation, die Skalierung durch große Mengeneinheiten, eine günstige Finanzierung durch ein niedriges Zinsniveau und die sogenannte Lernkurve sorgten dafür, dass der Seestrom schnell billiger wird.

Kostenminderung geht voran: Zu welcher Kostenreduktion die vier Faktoren führen können, zeigt sich bei der Onshore-Windenergie. Die fast 27 000 am Netz angeschlossenen Windenergieanlagen an Land produzierten 2015 fast 12 % der deutschen Bruttostromerzeugung, die Anlagen auf See etwa 1,4 %.

Die Stromgestehungskosten der Windenergieanlagen an Land erreichen mit 5,2 Cent/kWh bis 9,1 Cent/kWh fast das Kostenniveau der Steinkohle. Teilweise bei guten Standorten unterbieten sie es sogar. Dagegen zählen einige Offshore-Windparks mit Stromgestehungskosten von 14,2 Cent/kWh zu den teuersten Energiewandlern. Hier scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen, eine massive Kostenreduktion ist ebenso notwendig wie wahrscheinlich.

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