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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Stromnetze

Freier Stromfluss von Ost nach Süd

Von Stefan Schroeter | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Die Südwest-Kuppelleitung wurde gebaut, um den Engpass zwischen Thüringen und Bayern zu beheben. Bereits im Testbetrieb flossen 2016 über sie mehr als 6 TWh nach Süddeutschland.

w - Südwest-Kuppelleitung BU
Foto: Rainer Weisflog

Die lange Planungs- und Baugeschichte der Südwest-Kuppelleitung, kurz SWKL, nähert sich allmählich ihrem Abschluss. Im Dezember 2015 war erstmals Strom über die 380-kV-Leitung von Thüringen nach Bayern geflossen. Die beteiligten Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz und Tennet hatten auf den letzten beiden Abschnitten von Altenfeld in Thüringen nach Redwitz in Bayern einen von zwei Stromkreisen vorzeitig in den Testbetrieb überführt. Damit wollten sie die Stromversorgung in Süddeutschland noch vor den kritischen Wintermonaten stabilisieren. Nach der Abschaltung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld war dort die Nachfrage nach Stromlieferungen aus anderen Regionen weiter gewachsen.

Redispatch

Seitdem war es sehr ruhig geworden um diese Höchstspannungsleitung, die auch als „Thüringer Strombrücke“ bekannt ist. Anfragen an beide Unternehmen ergaben nun, dass sie den Testbetrieb für den ersten Stromkreis im September 2016 abgeschlossen hatten.

Dann schalteten sie diesen ersten Stromkreis ab und begannen den Testbetrieb für den zweiten Stromkreis, der nun noch bis September 2017 dauern soll. Anschließend folgt der Dauerbetrieb. 2016 wurden über die beiden getesteten Stromkreise insgesamt 6024 GWh Strom von Thüringen nach Bayern geleitet.

Über zehn Jahre Südwest-Kuppelleitung: Die Bauphase der Stromtrasse (s. Grafik) vom sachsen-anhaltinischen Lauchstädt ins bayerische Redwitz begann 2006 (s. großes Foto); der offizielle Regelbetrieb soll diesen Herbst erfolgen.

Zwischen beiden Bundesländern besteht derzeit der größte Engpass im innerdeutschen Stromtransport. Die schon vorhandene Leitung vom Umspannwerk Remptendorf in Thüringen zum bayerischen Umspannwerk Redwitz ist schon seit Jahren stark belastet.

Das liegt zum einen daran, dass es immer noch relativ wenige Höchstspannungsverbindungen zwischen Ost- und Westdeutschland gibt. Zum anderen hat sich in den vergangenen Jahren auch die Ökostromproduktion in Ostdeutschland stürmisch entwickelt und zu einem regionalen Stromüberschuss geführt. In Süddeutschland dagegen wurden im gleichen Zeitraum mehrere Kernkraftwerke abgeschaltet.

Als Folge nimmt der Bedarf an Stromlieferungen aus anderen Regionen nach Bayern und Baden-Württemberg ständig zu. Diese Entwicklung wird von energiewirtschaftlichen Fehlanreizen noch weiter verstärkt. Dadurch kann der ostdeutsche Ökostrom in den meisten süddeutschen Netzgebieten trotz des notwendigen Ferntransports zu niedrigeren Preisen verbraucht werden als am Ort seiner Produktion, wo er im Überfluss verfügbar ist und nur kurz transportiert werden muss.

Damit die Leitung von Remptendorf nach Redwitz die hohe Transportbelastung bewältigen kann, wenden die Übertragungsnetzbetreiber schon seit Jahren mehrere Kunstgriffe an. Der wichtigste ist der virtuelle Stromtransport mit dem sogenannten Redispatch (s. Kasten).

2015 griffen 50Hertz und Tennet in 4115 h von insgesamt 8760 h zum Redispatch, um die Leitung Remptendorf-Redwitz zu entlasten. Dabei reduzierten ostdeutsche Kraftwerke ihre Stromeinspeisung um 3704 GWh, damit bayerische Kraftwerke sie um die gleiche Menge hochfahren konnten. Die Kosten dafür lagen bei 200 Mio. €, teilte die Bundesnetzagentur auf Anfrage mit.

Weitere Stromtransportentlastungen im gesamten Netzgebiet erreichte 50Hertz, indem das Unternehmen die Betreiber von Ökostromanlagen anwies, ihre zeitweilige Überproduktion gegen Entschädigung zu drosseln. In welchem Maß diese „Einspeise-Einsenkungen“ durch den Engpass Remptendorf-Redwitz nötig wurden, ist nicht bekannt.

2016 entspannte sich die Situation an der stark belasteten Leitung Remptendorf-Redwitz, ihre Redispatchmengen gingen um ein Fünftel zurück. Die Kosten dafür sanken sogar sehr viel deutlicher auf 105 Mio. €. Teilweise könnte diese Entlastung auf die ersten SWKL-Stromtransporte zurückzuführen sein.

Außerdem verminderte das schwache Windjahr 2016 den Transportbedarf für ostdeutschen Windstrom. Schließlich berichteten die Übertragungsnetzbetreiber auch über einen verbesserten Einsatz von Reservekraftwerken, der zur Redispatchreduzierung beigetragen haben soll.

Remptendorf-Redwitz und SWKL werden in den Stromtransportkonzepten von 50Hertz und Tennet als eine Verbindung betrachtet. Mit Remptendorf-Redwitz war hier eine gesicherte Übertragungsleistung von bis zu 3000 MW verfügbar, die nun ab September mit SWKL auf bis zu 5600 MW steigen soll. Ob sie schon dafür ausreicht, den Stromtransport von Thüringen nach Bayern ohne Engpässe zu gewährleisten, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehört auch die Frage, wie stark die Ökostromproduktion in Ostdeutschland und der Strombedarf in Süddeutschland weiter wachsen werden.

Außerdem sollen in absehbarer Zeit an den Grenzen zu Polen und Tschechien sogenannte Phasenschieber in Betrieb gehen, um unkontrollierten Transport von in Ostdeutschland erzeugtem Ökostrom über die beiden Nachbarländer nach Süddeutschland zu vermindern. Damit dürften zusätzliche Strommengen auf die innerdeutschen Leitungen umgelenkt werden.

Die Planungen für die Südwest-Kuppelleitung reichen bis in die 1990er-Jahre zurück. Ihr erster Abschnitt von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt nach Erfurt-Vieselbach in Thüringen ging 2008 in Betrieb. Gegen den zweiten Abschnitt von Vieselbach nach Altenfeld gab es starken Widerstand. Die Leitungsgegner zogen bis vor das Bundesverfassungsgericht, das ihre Verfassungsbeschwerde aber schließlich im Juli 2015 nicht zur Entscheidung annahm.

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