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Montag, 11. Dezember 2017

Erneuerbare

„Großes Vertrauen in Offshore-Wind“

Von Stephan W. Eder | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Andreas Schroeter, Energie-Europachef der Prüfgesellschaft DNV GL, gibt einen Ausblick auf die Entwicklung der Energiewende.

w - DNV GL BU
Foto: DNV GL

Energieoptimierung gehört zum Geschäft von DNV GL, so zum Beispiel für Rechenzentren. Dort lässt sich durch Lastmanagement erheblich Strom einsparen.

VDI nachrichten: Als technische Beratungs- und Zertifizierungsgesellschaft erstellt DNV GL alle paar Jahre einen Technology Outlook. So etwas ist sehr aufwendig. Warum leistet es sich das Unternehmen, so viel Geld auszugeben?

Foto: DNV GL

„Wir müssen aufpassen, dass wir die erneuerbaren Energien nicht verteufeln, denn die deutsche Industrie hat hier eine große Chance.“ Andreas Schroeter, Executive Vice President, Advisory Central Europe & Mediterranean bei DNV GL – Energy.

Andreas Schröter: DNV GL steckt seit jeher 5 % seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das haben auch die beiden Vorläuferunternehmen DNV (Det Norske Veritas) und der Germanische Lloyd (GL) so gehalten, weil beide schon immer stark in der Entwicklung von Standards aktiv waren.

Unsere Vision dabei ist „Global Impact for a safe and sustainable Future“. Wir möchten im Rahmen der technologischen Möglichkeiten eine nachhaltige Entwicklung vorantreiben. Unser Mehrheitseigentümer, die norwegische DNV-Stiftung, hat hier einen längerfristig nach vorne gerichteten Blick.

DNV GL entwickelt selbst keine Technik. Warum braucht es einen eigenen Outlook?

Das ist die Herausforderung, wenn man selbst keine Technologie entwickelt und alle Kunden es tendenziell besser wissen als man selbst. Wir müssen mitreden können.

Am Anfang unserer Aktivitäten im Windenergiebereich zum Beispiel war es so, dass wir uns besser auskannten als mancher Kunde. Es gab im Windkraftsektor anfangs viele sogenannte Garagenfirmen. Da waren wir das Qualitätssiegel zwischen unterschiedlichen Erfindungen und technischer Machbarkeit.

Heute ist das anders: Wenn wir aktuell mit Siemens, Vestas und Dong reden, dann sind das Technologiekonzerne mit mehreren Hundert Leuten im F&E-Bereich. Sie haben mehr Leute als wir, aber wir haben den Anspruch, dass wir mit diesen großen Firmen auf Augenhöhe agieren können, unsere eigenen Experten auch längerfristig halten können und immer an der technologischen Spitze an Projekten mitarbeiten. Das ist unsere Firmenphilosophie. Wir sind nicht wie manch börsennotiertes Unternehmen jetzt auf eine kurzfristige Entwicklung aus.

Ich habe als Bereichsleiter Zertifizierung für erneuerbare Energien vor mehreren Jahren den Cheftechnologen eines unserer großen Kunden gefragt: „Warum beauftragt ihr uns eigentlich?“ Und da sagte er: „Ich will, dass Ihre Ingenieure meine herausfordern.“ Er nutzte das als Qualitätssicherungsmaßnahme, weil er die Gefahr sah, dass man schnell selbstzufrieden sein kann, wenn man technologisch an der Spitze steht. Er sah den damaligen Germanischen Lloyd als eine gute Messlatte.

Wir investieren jedes Jahr 500 Mannjahre im Bereich F&E. Bisher sind wir damit immer gut gefahren. Unsere Kunden honorieren das, weil sie sehen, dass wir unabhängig sind. Wir haben eine entsprechende Größe und einen gewissen Ruf im Markt. Wenn wir meinen, dass es irgendwo ein Problem gibt, dann werden wir das äußern und haben – bei allem Respekt, Bescheidenheit und dem Verständnis unserer Rolle als Dienstleister – keine Angst vor großen Namen.

Was sieht DNV GL als die Entwicklung im Energiebereich in den nächsten Jahren?

Wir sehen, dass wir in allen großen Bereich – Wind, Solar, Netze – am Beginn einer Kurve mit exponentiellem Wachstum sind. Beispiel Offshore-Wind: Wir glauben, dass die Zahl der Innovationen massiv steigen wird.

Warum?

Schon jetzt ist Offshore-Windkraft sehr schnell zu einer stabilen, nachhaltigen und verlässlichen Technologie geworden; wir sehen einen Paradigmenwechsel. Gerade die erneuerbaren Energien bewegen sich von einer durch Ideologie geförderten Technologie hin zu einer industriell und technologisch gewachsenen Technologie, in die es sich lohnt zu investieren.

Es gibt ein großes Vertrauen der Investoren in Offshore-Wind. Die Einstellung zu Offshore-Wind wird sich ändern, weil man sehen wird: Das ist keine verrückte Technologie, für die sich nur Physiker und Ingenieure begeistern, sondern es ist wirklich ein guter Business Case. Die Erkenntnis wird reifen, dass es wirklich Sinn macht, hier zu investieren – unabhängig davon, ob es Subventionen oder Förderungen gibt oder nicht.

Ich vergleiche das mit dem Telekommunikationssektor und dem Handymarkt, der sich in kurzer Zeit massiv entwickelte. Ähnlich wird sich das mit Offshore-Wind verhalten.

Über den Deckel, der derzeit noch für den Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland gilt, wird man nach der Wahl reden. International – in Japan, Taiwan, selbst in den USA – wird es große Investitionen in Offshore-Wind geben, da bin ich fest von überzeugt.

Unabhängig von der Energiepolitik des US-Präsidenten Trump?

In den USA funktionieren die Dinge dann, wenn die Ökonomie stimmt. Ich bin mir sicher, man wird in den USA erkennen, dass man in Europa zu sehr, sehr attraktiven Konditionen sehr, sehr stabilen und absolut grünen Strom erzeugen kann.

Ein Beispiel ist die Insel Block Island vor der Küste des US-Bundesstaates Rhode Island. Dort wurde noch mit Dieselgeneratoren Strom erzeugt. Sie sind seit Kurzem durch fünf 6-MW-Offshore-Windkraftanlagen abgelöst worden. Es ist der erste Offshore-Windpark der USA, ein rein ökonomisches Projekt, welches die Strompreise vor Ort um 40 % senken soll.

Für Solar sehen wir ähnliche Entwicklungen, einen großen Markt und klassische Mengeneffekte. Dann kommt der ganze Speichersektor hinzu: Wir rechnen auf jeden Fall damit, dass durch den Ausbau der erneuerbaren Energien viel Überschussstrom verfügbar sein wird, den wir nicht direkt nutzen können, und das zu marginalen Grenzkosten. Da wird man sich überlegen müssen, welche Technologien wann zum Einsatz kommen: Batteriespeicher, Power-to-Gas, Methanisierung – oder läuft das über Demand-Response? De facto liegt damit Geld auf der Straße.

Wir glauben, dass sich Industrien Gedanken machen werden, wie man diese Elektrizität nutzen kann, anstatt sie zu verwerfen. Es wird so viel Druck am Markt geben, es wird so attraktiv sein nach neuen Speichermöglichkeiten oder Demand-Response-Verfahren zu suchen, dass wir relativ schnell technologische Entwicklungen sehen werden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Unabhängig von der Einspeisevergütung?

Jede Subvention oder Förderung muss das Ziel haben, irgendwann obsolet zu werden. Wir sind fest davon überzeugt, dass das längerfristig auch für die Einspeisevergütung gilt.

Gibt es eine besondere Rolle für Deutschland?

Wir müssen aufpassen, dass wir die erneuerbaren Energien nicht verteufeln, denn die deutsche Industrie hat hier eine große Chance. Wir müssen sehen, dass aufgrund der kommenden Elektromobilität in Deutschland ganze Wertschöpfungsketten wegfallen werden.

Erneuerbare-Energien-Technologien bieten hier die Gelegenheit, sich als Industrie neu zu erfinden und daraus ein Exportmodell zu machen. Es wäre fatal, wenn hier auf Dauer die Entwicklung behindert wird – sei es heute der Cap bei Offshore-Windkraft oder die Tatsache, dass der Betrieb von Stromspeichern noch bestraft wird durch eine Doppelbelastung bei den Zulagen.

Die Gesellschaften – nicht nur die deutsche – werden sich dekarbonisieren müssen – ob uns das gefällt oder nicht. Es wird eine Carbon Tax kommen, früher oder später. Es gilt, sich darauf einzustellen, denn irgendwann ist eine Steuer oder eine Abgabe einfach da.

Trigger dafür werden vielleicht Ereignisse sein, die wir einfach nicht absehen können – wie es Fukushima für den deutschen Ausstieg aus der Kernkraft war. Jede Industrie ist hier gut beraten, den Schulterschluss zu suchen und nicht ideologisch getrieben Lagerkämpfe zu führen.

Nach der Wahl im Herbst, hoffe ich, wird wieder mehr faktenbasiert argumentiert. Das üben wir immer im eigenen Unternehmen: Norwegen ist ein großer Produzent von Öl und Gas und wir haben eine entsprechend große Abteilung im eigenen Unternehmen. Norwegen verdient viel daran, versucht aber, so wenig wie möglich dieser fossilen Rohstoffe selbst zu verbrauchen. Diese Art von Realismus brauchen wir auch in Deutschland. Wir müssen den Schulterschluss zwischen den verschiedenen Industriezweigen üben.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas?

China nimmt genau diese Rolle der pragmatischen Realisten ein: Das Land baut weiterhin Kohlekraftwerke, auch Kernkraftwerke, investiert aber gleichzeitig massiv in Solartechnik und Onshore-Windkraft. 2014 wurde rund die Hälfte der weltweit neu zugebauten Windkraftleistung in China errichtet, 2015 standen China und Indien gemeinsam an der Spitze. Beim Offshore-Wind ist China nicht so begünstigt. Die Windbedingungen sind hierfür nicht ideal, es sind Taifungebiete, es gibt militärische Sperrgebiete.

Ich bin mir sicher, dass die chinesischen Hersteller mittelfristig ihren Platz in Europa im Windkraftsektor bei Offshore- und Onshore-Projekten einnehmen werden. Wir glauben, dass chinesische Hersteller und Lieferanten wichtig für die Industrie sind. China wird in den kommenden Jahren massiv in erneuerbare Energien und in CO2-Freiheit – also Dekarbonisierung – investieren. Zudem wird viel Geld in reine Elektroautos fließen.

Dennoch glaube ich, dass generell die Brennstoffzellentechnik eine Zukunft hat, denn sie verstromt den Wasserstoff und treibt damit einen Elektromotor an. In diesem Zusammenhang hat Wasserstoff eine große Zukunft. Wir haben in Deutschland schon eine Tankstellen-Infrastruktur für Wasserstoff und die Firma H2-Mobility will bis 2018 100 Tankstellen in Deutschland bauen, perspektivisch 400.

Ich sehe für Wasserstoff eine große Zukunft, allein weil man damit Busse und große Lkw antreiben kann, denn ob reines Elektroauto oder Brennstoffzellenauto – es ist der gleiche Antrieb. Wasserstoff ist kein Widerspruch, er ist vielmehr eine gute Ergänzung zur reinen Elektromobilität.

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