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Dienstag, 12. Dezember 2017

Cebit

Japanische Geheimnisse

Von Regine Bönsch, Stephan W. Eder | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Im Partnerland des Messe bewahren Technologiekonzerne Altes und setzen zudem auf jede Menge Neues rund um das Thema Digitalisierung.

w - CeBIT Japan BU
Foto: Regine Bönsch

Knuffiger Japanbotschafter: Softbank-Roboter Pepper war auf der Cebit in Hannover an vielen Ständen zu sehen und lockte Besucher scharenweise.

Pepper war der Shooting-Star der diesjährigen Cebit: ein 1,20 m hoher humanoider Roboter, darauf programmiert, Menschen und deren Mimik sowie Gestik zu analysieren und auf Emotionen zu reagieren. Der japanische Telekommunikations- und Medienkonzern Softbank Mobile vertreibt das süße Kerlchen; entwickelt hat er ihn gemeinsam mit dem französischen Unternehmen Aldebaran Robotics SAS, das er vor Kurzem aufkaufte. Bislang ziert Pepper vor allem Messen und Verkaufsräumen. Doch er ist für viel mehr gedacht. Das kognitive System Watson von IBM verleiht Pepper erstaunliche Sprachqualitäten, wie der multinationale Roboter in Hannover unter Beweis stellte.

Roboter – damit wird das diesjährige Partnerland der Messe Cebit immer wieder in Verbindung gebracht. Der Partnerbereich in Halle 4 zeigte, wie sich die Elektronikriesen des Landes darüber hinaus die Reise ins nahe digitale Zeitalter vorstellen.

„Nehmen Sie Platz“, sagt die freundliche Dame am Stand von Mitsubishi Electric. Das japanische Unternehmen hat hier das Cockpit eines Autos der Zukunft aufgebaut. Drei Bildschirme und ein schalenförmiger Sitz lassen Zukunft erahnen.

Foto: R. Bönsch

Fahrerassistenzsysteme, mal ganz anders, zeigte Mitsubishi Electric anhand eines Konzeptautos. Das beurteilt die Fahrtauglichkeit des Fahrers.

Dann die Anzeige: „Sie sind zu 84 % fahrtauglich“ – also besser nicht die Höchstgeschwindigkeit nehmen. Möglich ist das, weil Sensoren im Sitz des Fahrzeugs Vitaldaten wie Blutdruck und Puls nehmen. Die Rechtfertigung: „Ich habe wenig geschlafen“ – ein netter Versuch. Künftig sind unsere Autos mit unbestechlichen Systemen für unsere Sicherheit ausgestattet, denn es geht dem Automobilzulieferer eigentlich um erste Schritte zum automatisierten Fahren.

In höchster Präzision hat das Unternehmen daher 3-D-Straßenkarten für Tokio und Teile Japans erstellt. Strecken, Bordsteine, selbst die in Tokio oft mehrgeschossigen Fahrbahnen wurden präzise erfasst und können bereits für erste Tests von Automobilherstellern genutzt werden.

In Hannover wird deutlich, wie stark der Elektroniksektor Fundament japanischer Technologiekonzerne ist. Kameratechnik, Sensorik, die digitalisierte Zustandserfassung von Systemen und Kommunikationstechnik gehören zu den Kernkompetenzen, die oft unsichtbar sind.

So zeigt der in Deutschland vor allem als Druckerhersteller bekannte Oki-Konzern eine Funklösung: daumennagelgroße über Knopfzellen zu versorgende Karten, die im 900-MHz-Band de facto ein Funknetz mit 1 km bis 1,5 km Reichweite aufbauen können. Verbaut werden diese Kärtchen in Sensoren von Panasonic, die u. a. in von Hangrutschen gefährdeten Gebieten installiert werden. Die Reichweite erlaubt eine große Maschenweite der Netze, die selbstheilend bei Ausfall einzelner Komponenten funktionieren sollen.

Am Stand des japanischen Wirtschaftsförderers Nedo steht Shiro Sugimura, Technikchef des Unternehmens Phoenix Solution, neben einem ähnlich unscheinbaren Exponat: einer RFID-Lösung für Metallgehäuse. Danach sucht die Logistikbranche weltweit schon lange; Sugimuras batteriefreie Tags, so heißt die Kombination aus Chip und Antenne, können es. Sie funken im UHF-Bereich und schaffen es dennoch, Metall zu überwinden. Damit können Fahrzeuge, aber auch Paletten voller Smartphones oder Waschmaschinen nachverfolgt werden. Den Trick dahinter möchte Sugimura nicht verraten. Nur so viel: Die RFID-Tags machen sich das Metall der Gegenstände zunutze. Es fungiert dann als riesige Antenne. Der Rest bleibe, so Sugimura, „ein Geheimnis“.

In der japanischen Arbeitswelt von morgen gibt es hingegen für die Arbeitgeber wenig Geheimnisse, wird in Hannover deutlich. Vor dem gläsernen Mitarbeiter haben die Japaner offenbar wenig Angst. Der „Workplace of the Future“ bei Konica Minolta – nein, das ist kein futuristisches Schreibtischkonzept. Das ist schon beim Betreten des Gebäudes eine vollelektronische, multisensorische Erfassung. Kameratechnik von der Konica-Minolta-Tochter Mobotix (65 % halten die Japaner am Pfälzer Spezialisten) hilft dabei.

Der Arbeitnehmer im Japan von morgen bekommt schon zu Arbeitsbeginn im Foyer Zugang zu allen für ihn wichtigen Daten auf einer großen Anzeige. Er hat keinen eigenen Arbeitsplatz mehr. Die Konzepte mit dem mobilen Schreibtisch im Rollcontainer – neu sind sie nicht, aber sie werden weiter getrieben.

Der Technologiekonzern Oki hat ein ähnliches Konzept – hier geht es hin bis zur Gesichtserkennung und der Aufnahme der Körpertemperatur über das Gesicht: Wenn jemand mit Fieber ins Büro komme, könne man ihn nach Hause schicken, bevor er alle anstecke, sagt der Oki-Mitarbeiter am Stand des Partnerlandes Japan stolz. In Deutschland würde eine derartige elektronische Erfassung am Arbeitsplatz Gesetzgeber, Arbeitnehmervertretungen und die Datenschützer alarmieren.

Vernetztes Arbeiten im papierlosen Büro soll die Arbeitswelt von morgen prägen. So zeigte der Elektronik- und Druckerhersteller Ricoh an seinem Cebit-Stand ein Whiteboard, das mit dem Nutzer spricht. IBM hat hier – wie bei Pepper – über die Watson-Technologie seine Hände im Spiel.

Wichtig dabei: Im Hintergrund laufen die elektronische Erfassung und Archivierung aller Dokumente mit einem entsprechenden Managementsystem – eine Expertise, die sich Unternehmen wie Ricoh neben dem Herstellen von Druckern und Kopierern seit Jahrzehnten aufgebaut haben. Sie haben aufgerüstet in Sachen Dienstleistungen, Software und bei der Unternehmensberatung. Und sei es durch strategische Zukäufe.

Ricohs heimischer Konkurrent Konica Minolta geht auf der Cebit einen Schritt weiter in Richtung IT-Dienstleistung, mit einem Gerät namens Workplace Hub. Es erinnert an einen Kopierer oder ein Multifunktionsgerät und kann das: kopieren, drucken, scannen und faxen. Es hat aber auch im Inneren einen Linux-basierten Server, über den die Unternehmen all ihre Prozesse maßgeschneidert abbilden können, vom Drucken über ein Collaboration-Tool bis zur Prozessplanung. In Zukunft soll der Workplace Hub auch als reiner Server daherkommen.

Typisch japanisch mag anmuten, dass die Konzerne ihre Hardwarebasis behalten und sich strategisch über Mittelfrist-Pläne – in der Regel umfassen sie zwischen drei und fünf Jahre – in eine andere Richtung bewegen. Digitalisierung – auch des eigenen Geschäfts – ist hier Evolution, nicht die so oft beschworene Disruption. Das ist den Japanern durch die Reihe wichtig.

Bei Konica Minolta heißt der laufende Mid-Term-Plan „Transform 2016“, aufgelegt im Jahr 2014 und gültig für fünf Jahre. Der Konzern teilt den Weltmarkt in drei große Regionen auf: Europa, USA/Amerika und Asien. Denen gibt der Konzern eine relativ große Eigenständigkeit.

Konica Minolta will in Europa 2020 rund 465 Mio. € Umsatz mit Leistungen aus den Bereichen Enterprise Content Management (ECM), Managed Services, IT-Security und Enterprise Ressource Planning (ERP) erzielen. 2016 erzielte das Unternehmen 140 Mio. € ausschließlich mit IT-Dienstleistungen, rund 5,7 % seines Umsatzes. 2020 sollen es in diesem Sektor 350 Mio. € sein

„Wir haben als Konica Minolta einen wichtigen Vorteil“, betont Johannes Bischof. Der gebürtige Österreicher ist Mitglied im weltweiten Strategierat des Konzerns und leitet in Europa den Cluster West, der Deutschland, Österreich, die Niederlande und Belgien umfasst. „Wir sind Trusted Provider für unsere Kunden, die uns zum Teil schon seit Jahrzehnten kennen.“ Vertrauen spiele die zentrale Rolle, um als Quereinsteiger als IT-Dienstleister erfolgreich Fuß fassen zu können.

Zweites großes Ziel von Konica Minolta ist die Ausrichtung auf vertikale Märkte. Einer davon, digitales Produzieren (Digital Manufacturing), wird schon dieses Jahr gestartet. In Europa wird in diesem Bereich ein IoT-Business-Center etabliert. „Konkret werden wir das in Deutschland machen“, sagt Bischof. Der Standort sei noch nicht spruchreif, aber er müsse gut erreichbar sein und der Zugang zum Forschungsbereich müsse gegeben sein. Bischof spricht von einem „einstelligen Millionen-Euro-Budget für das erste Jahr“, um den Bereich aufzubauen. Zielgruppe des Konzerns: der deutsche Mittelstand.

„Wir werden den Schwerpunkt auf Lösungen für Kunden aus dem Mittelstand legen“, betont Bischof. „Die großen Player in diesem Bereich kümmern sich nicht um ein Unternehmen von 200 Leuten – wir werden genau das tun.“ Zu Hilfe soll Konica Minolta dabei die Funktion des Trusted Advisor aus den meist langjährigen Kundenbeziehungen kommen. „Ohne die kommen wir nicht zurecht.“

Foto: Stephan W. Eder

Papierrecycling: Epsons Paperlab sieht aus wie ein Großkopierer, recycelt aber direkt vor Ort Büropapier mit bis zu 720 Seiten/h.

Manchmal geht es im Büro von morgen nicht ohne Papier. Epson denkt weiter: Warum nicht das Papier direkt vor Ort recyceln? Genau das macht eine Maschine, die der Konzern Paperlab nennt. In dem Gerät finde ein dreistufiger Prozess statt, so Kazuhiro Ichikawa, Entwicklungsleiter bei Epson in Japan für das Paperlab: Zuerst werde das Altpapier zerfasert – nicht geschreddert. „Das ist sehr wichtig. Die Fasern, die aus diesem Prozess herauskommen und wie ein Wollknäuel aussehen, enthalten keine reproduzierbare Information mehr“, betont er, auch mit Blick auf die ersten Anwender des Geräts in Japan, die Banken.

Ichikawa betont, dass ein Downcycling, wie es im normalen Papierrecyclingprozess üblich ist, durch den Zerfaserungsprozess vermieden werden solle. Die Fasern würden möglichst nicht beschädigt, doch, sagt er, die Fasern könnten verkürzt werden.

Zu den Fasern komme ein Bindemittel, danach werde das Papier geformt. Wärme, so Ichikawa, würde nicht zugeführt, unter hohem Druck würden die Papiere gepresst. Zu mehr schweigt Ichikawa, lächelt verschmitzt. Zumindest gebe es keinen Wasseranschluss, es sei ein Trockenverfahren, betont er. Das sei ganz wichtig gewesen, da die Maschine das Papier auch ökologisch vorteilhafter als übliche Verfahren recyceln solle. Als Schlussprozess stehe dann das Schneiden. Wie all diese Prozesse genau ablaufen, will Ichikawa nicht sagen. „Die erste Seite kommt nach 3 min aus der Maschine, danach stellt das Paperlab bis zu 720 Seiten pro Stunde her.“

Über das Bindemittel lasse sich das Papier in verschiedenen Farben einfärben. Der Paperlab-Entwicklungsleiter hat neben grauem Recyclingpapier auf der Cebit in Hannover auch solche in Grün, Gelb und Rot dabei. Man könne die Farben auch mischen, bestätigt er.

In Europa wird die Maschine erst im kommenden Jahr auf den Markt gebracht. „Das liegt an anderen Marktvorgaben und Regularien in Europa“, sagt Ichikawa. Es hänge aber nicht daran, dass die europäischen Papiere wesentlich anders in den Qualitäten seien. Der Prozess funktioniere auch mit Büropapier aus Deutschland.

„Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ein Gerät so groß wie ein DIN-A3-Drucker im Büro auf dem Schreibtisch steht und Papier recycelt“, erzählt Ichikawa seine Vision. Wann es so weit ist? Kazuhiro Ichikawa lächelt japanisch freundlich.

„Bitte recht freundlich“ – das hätte auch ein Motto für den Partnerstand Japans auf der Cebit sein können. Denn überall gibt es dort viele Kameras; immer wieder läuft man an einem Stand vorbei und kann an aufgestellten Bildschirmen sehen, wie man erfasst und detektiert wird.

Die japanischen Konzerne liefern für solche Lösungen sowohl Hard- wie Software. So auch bei Canon: Die elektronische Überwachung aus Sicherheitsgründen ist das Schwerpunktthema des Konzerns, der eher durch Fotokameras und Drucktechnik bekannt ist. Vor allem die Softwarekompetenz wurde über Jahre hinzugekauft. Canons Kameratechnik zum Beispiel ist die Grundlage für Stadionüberwachungen oder die Kontrolle öffentlicher Plätze, die Software kommt von zwei Tochterunternehmen

„Japans Bevölkerung nimmt ab und wird immer älter“, so führt Karsten Elles vom Baumaschinenhersteller Komatsu den Hydraulikbagger PC210LCi-11 mit intelligenter Maschinenkontrolle ein. Um den „Alten“ unter die Arme zu greifen, wurden clevere Assistenzsysteme entwickelt, die ihre Daten u. a. auch über Satellitensysteme erhalten. Sie sorgen für einen hohen Automatisierungsgrad.

So wird u. a. ein zu tiefes Eindringen des Löffels über das Zielprofil hinaus verhindert, indem die Löffelkante in Echtzeit in Relation zur Maschinenposition und den Geländeplandaten gesteuert wird. Die intelligente Maschinenkontrolle überwacht und lenkt Hydraulikzylinder mit Hubwegsensoren für Ausleger, Stiel und Löffel. Elles denkt längst nicht mehr nur an die alternde Gesellschaft, sondern schwärmt offen von „einer bis zu 40 % verbesserten Produktivität durch hochpräzises Arbeiten“.

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