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Dienstag, 12. Dezember 2017

Excellence in Production

Keine Angst vor Messlatten

Von Kathleen Spilok | 12. Januar 2017 | Ausgabe 01

Werkzeugbauer berichten über ihre Motivation, sich mit anderen zu messen.

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Foto: Phoenix Contact

Ralf Gärtner, Leiter Werkzeugbau bei Phoenix Contact, misst sich gerne mit Spezialisten aus der Automobilindustrie. 2016 wurde sein Unternehmen zum Werkzeugbauer des Jahres gekürt.

Bei „Deutschland sucht den Superstar“ winkt dem Gewinner ein Plattenvertrag oder wenigstens Beachtung in der Popmusikwelt. Einen ähnlich hohen Stellenwert hat für den deutschsprachigen Werkzeugbau der Wettbewerb „Excellence in Production“ (EiP). Anders als bei DSDS gibt es beim EiP allerdings viele Gewinner. Hauptpreis ist ein Skulptur in Form eines Drehmeißels und es werden mehrere Sieger gekürt. Dafür gibt es vier Kategorien – großer oder kleiner, interner oder externer Werkzeugbau. Wirkliche Verlierer gibt es nicht. Jeder Teilnehmer bekommt eine Rückmeldung zu seinen Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten.

Den Gesamtsieg hat Phoenix Contact aus Nordrhein-Westfalen Ende Oktober errungen. Der Anbieter von Elektroniklösungen ist nun Werkzeugbauer des Jahres 2016. Ralf Gärtner, Leiter Werkzeugbau, nennt Schlagworte: „Gemba-Walk, verfahrensgemischt automatisierte Fertigungskette, additive Verfahren und unsere Optimierungs-DNA.“ Selbst manche Insider ziehen bei den Bezeichnungen fragend eine Augenbraue hoch. Es sind Methoden, die den Werkzeugbau der Phoenix-Contact-Gruppe zukunftsfähig machen sollen. Damit haben die Hauptpreisträger aus Blomberg die EiP-Jury beeindruckt.

„Gemba Walk ist ein Leanprinzip“, erläutert Gärtner. „Jeden Morgen gehe ich durch den gesamten Werkzeugbau, die Abteilungsleiter tun das in ihren Abteilungen, die Werkstattleiter in ihren Werkstätten“, so Gärtner. Nach dem Rundgang habe man ein klares Bild über die aktuelle Situation, die Auftragslage und ob die Mitarbeiter auftretende Probleme lösen können. Mit der verfahrensgemischten automatisierten Fertigungskette sind die Prinzipien von Industrie 4.0 gemeint, die laut Gärtner extreme Effizienzgewinne bringen.

„Wir haben unsere Prozessschritte digital vernetzt. In das Fertigungssystem schleusen wir nur noch Stahl, Grafit für Elektroden und Programme ein und heraus kommt das fertige Produkt“, bringt er es auf den Punkt. Die großen Potenziale im 3-D-Druck baut Phoenix Contact aus und gründete dafür eine eigene GmbH.

Gärtners Motivation, sich am EiP-Wettbewerb zu beteiligen, hat gefruchtet: Sehen, wo er und sein Unternehmen stehen und sich mit anderen Werkzeugbauern vergleichen. Sich mit den Stars im Werkzeugbau messen, wie etwa Audi oder BMW, das bedeutet ihm viel. Außerdem profitiert er von der Einschätzung des Expertenteams. „Das ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird“, findet er. Ein Hilfsmittel, um eigene Schwächen aber auch Potenziale auszuloten. Für Gärtner spielt das Besserwerden eine überlebenswichtige Rolle, denn die Werkzeugbauer stehen unter extremem Kostendruck

„Schließlich brauchen wir auch Anhaltspunkte, in welche Richtung Verbesserungen gehen müssen“, ergänzt er. Gärtner macht das an einem Beispiel deutlich: „Die internationale Vernetzung nimmt zu, deshalb wollen wir unseren eigenen Werkzeugbau mit Partnern, Lieferanten und Kunden stärker international vernetzen. Der EiP-Vergleich zeige, dass andere in der Branche ähnliches tun. „Und dass wir mit der Herangehensweise gut dastehen“, resümiert Gärtner. Unabhängig von der Art der Werkzeuge, die ein Unternehmen herstellt, können Quervergleiche mithilfe von Kennzahlen angestellt werden. „Auch die Reife von Selbststeuerungssystemen lässt sich zwischen den einzelnen Werkzeugbauern vergleichen“, meint Gärtner.

Jeder, der sich traut, die externe Messlatte anzulegen, könne nur gewinnen, meint Ralf Gärtner. Genauso sieht es auch Ulrich Fickel, der seit 30 Jahren seinen mittelständischen Modellbaubetrieb im sächsischen Schönheide führt. Er ist wohl einer der hartnäckigsten Teilnehmer des EiP und bereits zum zwölften Mal dabei. Der 15-Mann-Betrieb gehörte zwar nicht zu den Siegern, bekam aber ein Sonderlob. „Man muss nicht ganz vorne mitspielen, Hauptsache man spielt mit“, sagt er inbrünstig. Immerhin landete er in seiner Kategorie auf Platz sieben. „Damit können wir uns sehen lassen“, findet Ulrich Fickel, der als externer Werkzeugbauer Formen für Gießereibetriebe, für die Autoindustrie sowie für Forschung und Lehre entwickelt und fertigt. Für die Uni Freiberg etwa konzipiert er Formen, aus denen Organe zum Üben für angehende Ärzte gegossen werden.

„Der EiP-Wettbewerb zeigt, was wir besser machen können und was wir vielleicht aus Betriebsblindheit nicht wahrnehmen“, sagt er. Die EiP-Auditoren bescheinigten ihm eine schnelle Angebotsformulierung, geringe Rüstzeiten und einen breiten Kundenkreis. „Die Experten empfehlen mir, an meiner langfristigen Strategie zu arbeiten“, berichtet der 64-Jährige. Für überkandidelte Managementmethoden hat er allerdings wenig übrig. Vieles entscheidet er mit seiner Erfahrung aus dem Bauch heraus. Moderne Technik, fähige Mitarbeiter und einen direkten Kundenkontakt betrachtet er als seine Erfolgsfaktoren.

Sich selbst hinterfragen und schauen, ob man wettbewerbsfähig ist, das sind für Fickel die wesentlichen Gründe, aus denen er immer wieder teilnimmt. Der Wettbewerb scheint auch ein Mittel gegen die übliche Zugeknöpftheit der Werkzeugbauer zu sein. „Kollegen, die ähnliche Herausforderungen haben, tauschen sich aus.“, findet Gärtner. Auch Phoenix Contact wird wieder teilnehmen.

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