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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

Produktentwicklung

Mit vielen Sprints ins Ziel kommen

Von Martin Ciupek | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Klassische Entwicklungsmethoden stoßen im schnellen technischen Wandel an ihre Grenzen. Agile Methoden sind eine Alternative, weiß der Prozessmanagement-Experte Ayelt Komus.

VDI nachrichten: Was unterscheidet die agile Produktentwicklung vom klassischen Vorgehen?

Komus: Da gibt es drei wesentliche Punkte. Erstens: auf das klassische „big design upfront“ – also die umfangreiche Planung im feinen Detail auch auf längere Sicht – wird bei der agilen Entwicklung verzichtet. An deren Stelle tritt etwas, was auch als rollierende Planung bezeichnet werden kann. Zweitens hat das Team mehr Eigenverantwortung und Eigenorganisation. Dabei sind die Freiräume aber klar begrenzt. Drittens basieren Management und Controlling auf einfachen, aber sehr transparenten und verbindlichen Verfahren.

Ayelt Komus

Am Anfang wird doch die Grundlage für weitere Prozesse gelegt. Wie kann die agile Entwicklung auf eine genaue Planung verzichten?

Wichtig ist, dass man auch im agilen Kontext ein Ziel vor Augen hat. Es wird allerdings nicht so detailliert auf die lange Perspektive durchgeplant, wie beim klassischen Projektmanagement. Produktdetails bleiben zunächst außen vor. Die Annäherung an das Produkt erfolgt dagegen in vielen kurzen Zyklen – z. B. in den sogenannten „Sprints“ bei der agilen Entwicklungsmethodik „Scrum“. Die Sprints dauern in der Regel zwei Wochen, in Ausnahmefällen bis zu vier Wochen. Es geht darum, möglichst schnell Rückmeldungen von Kunden oder dem Auftraggeber zu den einzelnen Spezifikationen zu bekommen. Hier finden sich Werte und Prinzipien in der Entwicklung von Software oder Services wieder, die wir sonst auch in Produktion und Logistik in der Lean-Methodik finden.

Warum sind die Sprints so wichtig?

Wenn nicht wirklich klar ist, wie das gewünschte Produkt im Detail aussehen sollte, welches die Chancen und Herausforderungen bei der Realisierung sind, ist ein Vorgehen in kleinen Schritten die Methode der Wahl.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen? Nehmen wir bspw. den viel diskutierten Flughafen Berlin-Brandenburg. Hätten agile Methoden dort hilfreich sein können?

Sicherlich ist dort vieles nicht gut gelaufen und man kann trefflich darüber streiten, wo die Ursachen liegen. Abstrahiere ich von einzelnen Rahmenbedingungen wie Baurecht etc., lässt sich aber zeigen, wie Probleme viel früher deutlich geworden wären und ein sinnvolles Gegensteuern hätte stattfinden können.

Wäre in kleineren Abschnitten vorgegangen worden, die immer wieder in der Praxis überprüft worden wären, so hätten sich Defizite bei Themen wie Türen, Sprinklern, Rauchabzug etc. schnell offenbart. Im Produktivbetrieb mit vielleicht nur einer Airline, wäre schnell deutlich geworden, was wirklich funktioniert, praktikabel und genehmigungsfähig ist. So werden Lernkurven durchlaufen. Es zeigt sich frühzeitig, wenn etwas nicht funktioniert. Im nächsten Schritt können die Erkenntnisse und Erfahrungen zielgerichtet umgesetzt werden.

Die Vorgehensweise wirkt zunächst aufwendiger, ist aber eine effizientere Lösung als erst im Nachhinein im großen Maßstab Fehler zu korrigieren. Aus der übergeordneten Perspektive müssen ohnehin später immer wieder Änderungen und Erweiterungen durchgeführt werden. Es gab ja auch Vorschläge in dieser Richtung, aber diese sind nicht realisiert worden.

Derartige Prinzipien lassen sich also nicht nur in Software-Entwicklung, sondern beispielsweise auch in der allgemeinen Produktentwicklung und im Organisationsmanagement nutzen. Wichtig dabei ist immer, dass ich am Anfang schon eine Idee habe, wie das Gesamtbild einmal aussehen soll. Und: Agile Entwicklungsmethoden stehen keinesfalls für Verzicht, z. B. auf Qualität, Dokumentation, Abstimmung und Integration. Sie sind auch nicht führungslos, wie teilweise geglaubt wird.

Ein Grund für eine detaillierte Planung zu Beginn ist bisher, dass in dieser Phase bereits ein Großteil der späteren Produktkosten festgelegt wird. Auf der anderen Seite wird ein Produkt ein Misserfolg, wenn die Kundenbedürfnisse nicht erfüllt werden. Was nun?

Das zeigt wie herausfordernd es ist, am Anfang die richtigen Schritte zu gehen. Genau deshalb sind agile Methoden so sinnvoll, wenn es wirklich komplex wird – und nicht nur kompliziert. In diesem Bereich lässt sich nicht alles im Detail vorausplanen. Stattdessen gilt es, Schritt für Schritt vorzugehen.

Oft lässt sich gar nicht im Voraus erkennen, wo die wirklichen Mehrwerte sind. Mit agilen Methoden wird frühzeitig deutlich, welche Aktivitäten erfolgsversprechend sind und welche in die Sackgasse führen. Auch kann es passieren, dass Produkte ganz anders genutzt werden als erwartet. Durch die regelmäßige interne Abstimmung sowie Auseinandersetzung mit der Vorstellung des Kunden können Aktivitäten schnell neu ausgerichtet werden und optimal wirklichen Mehrwert entfalten.

Ist das nur was für Start-ups oder können auch traditionelle Unternehmen davon profitieren?

Die Notwendigkeit ist bei traditionellen Unternehmen häufig viel höher als bei Start-ups. Start-ups haben eine junge, dynamische Kultur. Das Experimentieren und Ausprobieren liegt daher noch in ihrer Natur. Das geht Organisationen mit zunehmender Unternehmensgröße aber oft verloren. Angesichts der immer schneller fortschreitenden Entwicklungen und höherer Komplexität und Vernetzung ist dies aber wichtiger denn je zuvor. Nur mit agilen Methoden können Unternehmen das Entwicklungstempo mithalten.

Dennoch ist eine 100%ige Umstellung auf die neuen Ansätze oft nicht mit der bestehenden Unternehmensstruktur vereinbar.

In den letzten Jahren zeichnet sich ab, dass immer mehr Projektteams durch hybride Ansätze versuchen, klassisches Projektmanagement mit agilen Methoden zu kombinieren und die starre Organisation ihres Unternehmens so langsam beweglicher zu gestalten.

Im Übrigen wirken sich die Methoden auch positiv auf die Unternehmenskultur aus. In vielen etablierten Unternehmen sehen wir, wie agile Methoden einen wichtigen Baustein bilden, wenn es darum geht, schnell, flexibel und kundenorientiert auf aktuelle Herausforderungen wie die Digitalisierung zu reagieren.

Welche Branchen können am meisten von einer agilen Produktentwicklung profitieren und warum?

Generell kann jede Branche von der Nutzung agiler Methoden profitieren, insbesondere wenn es darum geht, schnell und flexibel auf Veränderungen zu reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir sehen, dass einige Branchen schon stark mit agilen Entwicklungsmethoden arbeiten, vor allem die Softwarebranche. Ebenso sehen wir, dass nun auch klassische Branchen wie die Automobilindustrie und der Maschinenbau nachziehen. Auch Versicherungen, Energieversorger und Verwaltungsorganisationen setzen sich inzwischen intensiv damit auseinander.

Interessant ist, dass die Methode ursprünglich im Umfeld optischer und mechanischer Geräte erdacht wurde. Dann wurde sie sehr stark von der Software- und IT-Branche genutzt und weiterentwickelt. Nun findet die Idee wieder den Weg zurück in die fertigende Industrie. Ich gehe davon aus, dass das damit zusammenhängt, dass die Innovationszyklen kürzer werden und Branchengrenzen verschwinden. Wir haben ja inzwischen eher fahrende Computer als Autos, eher vernetzte IT-Systeme als klassische Maschinen.

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