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Montag, 11. Dezember 2017

Industrie

Polen holt bei Automation auf

Von Martin Ciupek | 6. April 2017 | Ausgabe 14

Mit Unterstützung aus dem Ausland baut Polen seine Kompetenzen in Entwicklung und Produktion aus.

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Foto: Festo

Industrie 4.0 ist auch in Polen angekommen. In Warschau betreibt z. B. Festo ein Anwendungszentrum, in dem Kunden und Hochschulabsolventen vernetzte Produktionsprozesse erproben können.

Viele deutsche Unternehmen profitieren aktuell von einer guten Entwicklung auf dem polnischen Markt. Dabei sind sie mit unterschiedlichen Strategien an verschiedenen Standorten aktiv. Den Spezialisten für elektrische Verbindungstechnik Weidmüller und den Automatisierer Festo zog es beispielsweise nach Warschau.

Partnerland Polen

„Dreizehn Jahre nach der Erweiterung der EU kann man sagen, dass sich Polen zu einer wahren Erfolgsgeschichte entwickelt hat“, freut sich Witold Bereszczynski, Geschäftsführer von Weidmüller Polen. Inzwischen gebe es viele internationale Unternehmen, die ihr Engagement in Polen ausgebaut haben. Insbesondere der Maschinenbau, die Prozessindustrie sowie die Branchen Energie, Automobil, Transport und Logistik, seien inzwischen wichtige Märkte.

Seit 1991 ist Weidmüller in Polen aktiv. Heute beschäftigt das Unternehmen dort 25 Mitarbeiter – vor allem Vertriebsingenieure. Die Nähe zu den Kunden ist dabei wichtig, um individuelle Lösungen zu entwickeln. Neben Bauteilen für die Verbindungstechnik sind auch elektronische Produkte und Automatisierungstechnik zunehmend gefragt. „Wir sind hier in einer sehr guten Position, um Lösungen für die Digitalisierung von Maschinen und Industriebereichen anzubieten“, glaubt Bereszczynski.

Eine solche Position hat sich Festo in Warschau längst erarbeitet. Seit über 50 Jahren engagiert sich der Pneumatikspezialist aus Esslingen in Polen, zunächst mit Trainingsprogrammen an Schulen sowie Universitäten, später mit einer eigenen Landesgesellschaft und heute mit eigener Produktion sowie einem Entwicklungs- und Applikationszentrum.

„Der polnische Automatisierungsmarkt ist der am schnellsten wachsende Markt für Festo in Osteuropa“, berichtet Marcin Zygadło, Geschäftsführer von Festo in Polen. Einerseits investierten internationale Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Automobilindustrie in dem Land, andererseits gebe es noch einen erheblichen Nachholbedarf. Zygadło nennt Zahlen: „Aktuell sind nur 15 % der Fabriken vollautomatisiert, 76 % teilautomatisiert und der Rest wird noch in Handarbeit betrieben.“

Das deckt sich mit Einschätzungen des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der Polen einen „technologischen Nachholbedarf“ attestiert. So liege beispielsweise die Zahl an Robotern je 10 000 Mitarbeitern – die Statistiker sprechen von der Roboterdichte – in Deutschland 13 mal höher als in dem Nachbarland. Noch haben dort nach Verbandsangaben insbesondere kleine und mittlere Unternehmen Probleme, derartige Investitionen zu finanzieren. Da die Arbeitskostenvorteile in Polen derzeit schwänden, werde sich der Automatisierungsprozess mittelfristig jedoch beschleunigen. Politische Signale dazu sind bereits zu erkennen. Im Sommer 2016 wurde ein Ausschuss für die Transformation in der Industrie gegründet. Aktuell wird eine polnische Plattform Industrie 4.0 aufgebaut.

Mit seinem Technologie- und Applikationszentrum möchte Festo dazu einen Beitrag leisten. Am Standort in Warschau können Kunden und Hochschulabsolventen vernetzte Fabrikkonzepte erproben. An 600 polnischen Hochschulen ist das Unternehmen bereits mit seinen Lernsystemen für die Pneumatik und die Automatisierungstechnik vertreten. „Das sind günstige Faktoren für die Transformation 4.0 in Polen“, bestätigt Mariusz Olszewski, Professor an der Fakultät für Mechatronik der Technischen Universität in Warschau.

Der ABB-Konzern ist neben seiner polnischen Zentrale in Warschau mit Werken für Transformatoren, Leistungselektronik und Elektromotoren in den Orten Lodz sowie Aleksandrów Łódzki präsent. Zudem werden die Räumlichkeiten in Krakau deutlich ausgebaut. Derzeit entsteht dort das weltweit sechste Global Business Service Center des Konzerns. Es soll das Größte werden. Bis zu 2000 Menschen sollen dort einmal arbeiten. Bereits seit 1997 befindet sich in Krakau eines von aktuell sieben ABB-Corporate-Research-Centern. Der Standort wird als Inkubator für neue, geschäftsorientierte Aktivitäten gesehen, beispielsweise als Softwarefabrik. Allein 100 Forscher arbeiten hier laut dem Unternehmen an Softwareprodukten. Im Vordergrund steht in dem F&E-Zentrum die multidisziplinäre Zusammenarbeit. Geforscht wird beispielsweise an Lösungen zur Zustandsüberwachung und entsprechenden Analysemethoden, Leistungselektronik, Energieversorgungssystemen sowie robusten Isolierungen für Hochvoltsysteme.

Potenzielle Fachkräfte scheint es in der Stadt ausreichend zu geben. Dafür sorgen 15 Universitäten sowie 140 Forschungsinstitute und Wissenschaftsorganisationen. Etwa 211 000 Studenten leben derzeit in Warschau.

Auch unbekanntere Orte üben Anziehungskraft aus. Antriebshersteller Lenze hatte z. B. auf der Suche nach einem Produktionsstandort zunächst Angebote in Sonderwirtschaftszonen an der Grenze zur Ukraine geprüft. „Das waren teilweise Betonwerke, die zwar ein Dach hatten aber rundum offen waren, oder Flugzeughangars mit mehr als 40 000 m² Fläche“, erinnert sich Thomas Riegel, Geschäftsführer von Lenze in Tarnów. Er fügt hinzu: „So groß wollten wir nicht beginnen.“ Schließlich sei man auf Tarnów gestoßen. Das liegt etwa 80 km östlich von Krakau, in einer Region, in der seit Jahrzehnten Maschinenbau betrieben wird. Nach der Wende seien die Kombinate zusammengebrochen. So war Fachpersonal verfügbar und eine Infrastruktur vorhanden. „Wir haben bewusst in Kauf genommen, nicht gefördert zu werden, aber dafür mit einer guten Infrastruktur an diesem Standort zu beginnen“, sagt Riegel.

„Rückblickend lässt sich nach 20 Jahren sagen, dass diese Entscheidung richtig war“, so Riegel. Andere Unternehmen hätten ihm das inzwischen bestätigt. „Wir liegen direkt an der Autobahn und haben nach Deutschland, Österreich und Europa eine gute Anbindung“, nennt er weitere Vorzüge des Standortes. Schwerpunkte des Werkes in Tarnów sind die mechanische Bearbeitung von Getriebebauteilen und die Montage von Getriebemotoren. Abgesehen von einem hohen Frauenanteil in der mechanischen Bearbeitung, gleicht vieles den Werken von Lenze in Deutschland. Das gilt insbesondere für die Ansprüche an Qualität und Präzision, um die Langlebigkeit der Produkte zu gewährleisten.

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