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Dienstag, 12. Dezember 2017

Raumfahrt

Preiskrieg der Sterne

Von Rolf Müller-Wondorf | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

Europas Raumfahrt- industrie fürchtet um ihre Marktführer- schaft für kommerzielle Satellitenstarts und fordert EU-Garantien.

S15 Raumfahrt (2)
Foto: Arianegroup/Ingo Wagner

Auslaufmodell: Noch baut der europäische Raketenhersteller Arianegroup in Bremen Ariane-5-Oberstufen. Ab 2020 sollen Oberstufen der neuen Trägerrakete Ariane 6 folgen.

Rund 40 Mio. € investiert der europäische Raketenhersteller Arianegroup derzeit in Bremen in eine Produktionshalle für die Oberstufe der neuen europäischen Trägerrakete Ariane 6. Statt bislang fünf bis sechs Oberstufen pro Jahr für die aktuelle Ariane 5 werden in Bremen ab 2020 jährlich elf bis zwölf der Kraftpakete montiert. Sie sollen die Satelliten nach dem Erreichen des Weltraums mit 180 kN Schub in die Umlaufbahn bringen.

Doch bevor Mitte 2018 in dem Reinraum der Klasse 5 der Probelauf beginnt, wirbelt die Arianegroup Staub auf. Alle Konkurrenten des Weltmarktführers für Raumtransportsysteme „bewegen sich in einem gesicherten Markt“, beklagte der Vorstandsvorsitzende Alain Charmeau am Rande der Space-Tech-Expo in Bremen. „Wenn die Amerikaner dem Prinzip ,buy american’ folgen, warum sollten wir nicht ,buy european’ sagen“, fragt Charmeau und fordert von Europa Abnahmegarantien, wie sie seine Konkurrenten von der US-Regierung bekommen haben.

Hintergrund der deutlichen Forderung der sonst eher zurückhaltenden Raketenbauer ist der Preiskrieg zwischen der US-amerikanischen und der europäischen Raumfahrtindustrie. Eröffnet wurde der Kampf der Galaxien von Internetunternehmer Elon Musk (PayPal, Tesla) – sein Raumfahrtunternehmen SpaceX bietet den Start einer Falcon-9-Rakete für 62 Mio. $ und damit etwa zur Hälfte der Kosten eines derzeitigen Ariane-5-Fluges an. „Gegenüber der Ariane 5 müssen wir die Produktionsrate verdoppeln und den Preis pro Stück halbieren“, sagt der Bremer Standortleiter der Arianegroup, Jens Lassmann.

Um den angepeilten Festpreis von 70 Mio. € pro Start zu erreichen, entwickeln die europäische Raumfahrtagentur ESA und Arianegroup als „prime contructor“ mit der Ariane 6 eine komplett neue Rakete und definieren sämtliche Prozesse im Raketenbau neu. „Es ist das erste Mal, dass die Entwicklung einer Rakete und die Entwicklung ihrer Produktion parallel erfolgen“, betont Lassmann.

Während die bisherige Oberstufe nahezu ausschließlich in Handarbeit hergestellt wird, setzt die neue Integration weitgehend auf serielle Fertigung und Automation. „Anders können wir die verdoppelte Produktionsrate pro Jahr nicht halten“, sagt Lassmann.

Hinter einem dreigeschossigen, mit Planen abgedeckten Gerüst testen die Ingenieure bereits die automatische Beschichtung der Treibstofftanks. Eine Art PU-Schaum soll die Treibstoffkomponenten Flüssigwasserstoff und -sauerstoff in der sechsminütigen Startphase auf -210° C bzw. -180° C halten und zugleich die Strukturbauteile vor der Kälte schützen. Auf der anderen Seite der Halle steht ein bereits beschichtetes Tankmodell als Demonstrator für einen weiteren Fortschritt.

Mithilfe eines eigens entwickelten Automaten soll die bislang manuelle Reinigung eines Tanks von derzeit drei Tagen auf 16 h verkürzt werden. Weitere Details geben die Ariane-Planer nicht Preis, auch Fotos sind nicht erlaubt. „Unser Mitbewerber SpaceX hat großes Interesse, mehr über dieses Thema zu erfahren“, ist sich Lassmann sicher.

Nach Überzeugung der Europäer stehen die Amerikaner unter einem ähnlichen Kostendruck, haben aber einen Vorteil: „SpaceX wird subventioniert“, sagt Jürgen Ackermann, Generalsekretär der Arianegroup. Den Kampfpreis für kommerzielle Starts könne Musk nur halten, weil er in den USA für staatliche Aufträge – die sogenannten institutionellen Starts – deutlich mehr Geld bekommt. Laut Arianegroup kassiert Musk für jeden Flug im öffentlichen Auftrag mindestens 97 Mio. $. Außerdem seien SpaceX Aufträge im Wert von 2 Mrd. $ garantiert worden.

Auch die Ariane 6 ist staatlich subventioniert. Den Löwenanteil der Entwicklungskosten von mindestens 2,7 Mrd. € tragen die europäischen Steuerzahler, 23 % kommen aus Deutschland. Die Raumfahrtindustrie legt 400 Mio. € drauf – ein Novum in der Raumfahrtgeschichte, bislang wurde die Raketenentwicklung rein staatlich finanziert.

Nach dem Start des Prototyps müssen die Hersteller zudem mit jedem weiteren Exemplar Geld verdienen. Institutionelle Starts dürfen nur noch 70  Mio. € kosten.

Zu diesem Stückpreis würden EU, ESA und Nationalstaaten fünf Starts pro Jahr buchen, hatte die ESA in Aussicht gestellt. Jetzt fordern die Hersteller die Einlösung dieses Versprechens ein: „Wir brauchen bis Anfang 2018 eine verbindliche Zusage“, betont Pierre Godart, Finanz- und Deutschlandchef der Arianegroup. Die Deutlichkeit der Forderung resultiert aus einer rasanten Änderung der Marktverhältnisse. Der noch vor wenigen Jahren belächelte Konkurrent Elon Musk setzt an, den Europäern die Spitzenstellung zu nehmen. In diesem Jahr hat SpaceX elf kommerzielle Starts seiner Falcon-9 in den Büchern, während die Ariane 5 nur sechs Starts absolvierte.

Der Marktanteil der Arianegroup ist entsprechend von einst 60 % auf etwa 50 % gesunken und bröckelt weiter, denn zunehmend vertrauen auch europäische Ariane-Stammkunden, wie der in Luxemburg ansässige Satellitenbetreiber SES, auf SpaceX.

Während europäische Satellitenbetreiber die freie Startwahl haben, dürfen US-Satelliten per Gesetz nur mit amerikanischen Raketen fliegen. „Wir müssen aufpassen, dass Europa in der Raumfahrt nicht von anderen Kontinenten überrollt wird“, warnt Godart, „wenn die anderen ihre Märkte für uns schließen, müssen wir darauf achten, dass wir uns Europäer uns nicht als Einzige noch öffnen.“  rmw

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