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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Digitale Transformation

Produktion der Zukunft bekommt Kontur

Von Ken Fouhy, Martin Ciupek, Jens D. Billerbeck | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Die deutsche Industrie rechnet sich gute Chancen bei der Digitalisierung aus. Auch von Produktionsrückverlagerungen ist die Rede.

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Foto: dpa/Picture-Alliance/Silas Stein

Digitale Abbilder: Virtuelle Realität prägt die Produktionsplanung der Zukunft, wie am Messestand des Fraunhofer-Instituts deutlich wird.

Digitalisierungstechnologien sorgen für die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten nach Deutschland und bewegen Unternehmen dazu, vermehrt hierzulande zu investieren. Das ist das Ergebnis einer Studie, die VDI Direktor Ralph Appel zum Auftakt der Hannover Messe vorstellte.

Im Auftrag des VDI untersuchten die Hochschule Karlsruhe und das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Produktionsstandort Deutschland. Demnach gaben 2015 rund 3 % der Unternehmen an, Rückverlagerungen durchzuführen. „Das klingt im ersten Moment nicht viel – allerdings sind dies bezogen auf das gesamte deutsche verarbeitende Gewerbe immerhin 500 bis 550 Rückverlagerungen pro Jahr“, erklärte Appel.

In der Digitalisierung „fortgeschrittene“ Betriebe verlagern zehnmal häufiger Teile ihrer Produktion wieder an den deutschen Standort zurück als Betriebe, die in der Produktion keine Digitalisierungstechnologien nutzen. Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe und Autor der Studie sieht hierfür zwei Erklärungen: „Erstens bietet der Einsatz von Digitalisierungstechnologien eine erhöhte Flexibilität und Fähigkeit für eine individualisierte, kundenorientierte Produktion, die heutzutage immer wichtiger wird und für die Belieferung auch eine räumliche Nähe zum Kunden erfordert.“ Zweitens führe ihr Einsatz zu erhöhter Produktivität am deutschen Produktionsstandort, sodass der Lohnkostenanteil niedriger werde. Damit seien geringere Lohnkosten im Ausland weniger relevant was Rückverlagerungen und damit mehr Beschäftigung in Deutschland begünstige.

Die Studie bestätigt: In der Digitalisierung fortgeschrittene Unternehmen weisen eine um 27 % höhere Arbeitsproduktivität auf als Nichtnutzer digitaler Technik. „Wenn alle Industrieunternehmen in Deutschland mindestens zwei oder drei Digitalisierungstechnologien einsetzen, würden wir Produktivitätssteigerungen in Höhe von rund 8 Mrd. € erzielen“, erklärte Appel.

Sorgen, dass digitale Technologien als Jobkiller wirken, lässt der VDI-Direktor nicht gelten: „Unternehmen, die digitale Technologien nutzen, werden wettbewerbsfähiger, sind langfristig besser aufgestellt und sorgen mit ihren modernen Produktionsstrukturen weiterhin für Arbeit und Wertschöpfung am Standort Deutschland – so müssen wir die Zahlen interpretieren.“

Für Carl Martin Welcker, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sind die Unternehmen seiner Branche – mit mehr als einer Mio. Beschäftigten größter industrieller Arbeitgeber Deutschlands – unterschiedlich schnell bei der Umsetzung der Digitalisierung. „Doch insgesamt ist der deutsche Maschinen- und Anlagenbau gut aufgestellt“, meinte Welcker in Hannover. Zu stemmen sei „ein fundamentaler Wandel, der über viele Jahre umgesetzt werden muss.“

Dabei werde aktuell vor allem an Lösungen für die eigene Produktion sowie der Veredelung der eigenen Produkte gearbeitet. Das reicht dem VDMA-Präsidenten allerdings nicht: „Die horizontale Wertschöpfung, also die Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg, muss nun erfolgen.“

Hier kommen Plattformstrategien ins Spiel, die auf der Hannover Messe bei nahezu allen großen Industrieunternehmen inzwischen ein Thema sind. Für Welcker ist dabei noch offen, welche Plattformen sich in der Investitionsgüterbranche durchsetzen werden.

Gute Chancen sieht er indessen im konsequenten Ausbau des Servicegeschäftes sowie der Kundenorientierung. Sein Appell: „Unternehmen müssen auf zwei Strategien setzen. Den Verkauf von hochtechnologischen Maschinen und Anlagen sowie die Nutzung der dazugehörigen Daten als Services für die Zukunft.“

Welcker machte deutlich, dass Industrie 4.0 an der Nahtstelle zwischen Fertigungsindustrie und IT entstehe. Daher sei seine Branche bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsstrategien zunehmend auf Partnerschaften angewiesen. Drei Viertel der dazu vom VDMA befragten Unternehmen setzten dabei auf eine enge Zusammenarbeit mit IT-Spezialisten.

Die von manchen Vertretern aus der IT-Branche geforderte neue „Fehlerkultur“, nach der Produkte nicht auf Anhieb perfekt sein müssen und erst im Laufe mehrerer Entwicklungsschritte an Kundenbedürfnisse angepasst werden, sieht Welcker differenziert. „Es wäre fatal, wenn am Ende mangelhafte Produkte herauskämen.“ Gleichzeitig aber sei der Maschinenbau mit seinen aktuellen Entwicklungszyklen zu langsam. „Mit dem Perfektionismus, mit dem wir das betreiben, lassen sich digitale Modelle nicht so weiterentfalten.“

Auch Ansgar Hinz, Vorstandsvorsitzender des VDE, empfahl in Hannover: Den „einen oder anderen typisch deutschen Boxenstopp einfach mal weglassen, einfach machen!“ Sicherheit und Qualität der Produkte seien wichtig, aber hier würden einfach zu viele Schleifen gemacht – auf Kosten der Geschwindigkeit. Im Bild des Autorennsports bleibend, mahnte er: „Nationale Grand-Prix-Siege tun gut, sind jedoch kein Garant für WM-Titel.“ Er sieht das Rennen um die digitale Transformation weltweit in der heißen Phase und formulierte das Ziel für die deutsche Industrie so: Mit Mikroelektronik in die Poleposition, mit schnellen Mobilfunknetzen Gas geben und dann mit IT-Security und den besten Ingenieuren und Ingenieurinnen ins Ziel – „am besten auf Platz eins“.

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