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Dienstag, 12. Dezember 2017

Hochwasserschutz

Radar und Infrarot warnen vor Überschwemmung

Von Ines Gollnick | 13. Juli 2017 | Ausgabe 28

Die Stadt Bonn lässt seit kurzem erste Bachpegel mit neuer Technik lückenlos überwachen, um Feuerwehr und Bürger bei Starkregen früher warnen zu können.

BU1 Bachalarm Bonn
Foto: Ines Gollnick

Justierung: Vor der Inbetriebnahme der Messanlage wird der Abstand zur Wasseroberfläche und zur Bachsohle mit den Laufzeiten der Radarimpulse abgeglichen.

Der Kragarm an der Brücke über den Godesberger Bach am Marienforster Steinweg in Wachtberg bei Bonn erinnert an eine Designerlampe. Im Inneren steckt aber kein Leuchtmittel, sondern ein Sensor, um den Wasserstand zu messen. Der Kragarm ist Teil eines neuen Warnsystems für Bachhochwasserwellen.

An normalen Sommertagen könnte man das Gewässer leicht mit Gummistiefeln durchwaten. Niemand denkt in solchen Momenten an urbane Sturzfluten. Doch nach dem Starkregen am 4. Juni 2016 spülten die Bäche in Bad Godesberg Massen an Wasser, Schlamm und Geröll in den Stadtteil. Auf Straßen, in der Fußgängerzone und in Kellern hinterließ die Überschwemmung verheerende Spuren. Die Bäche stiegen so schnell an, dass viele von dem Wasser überrascht wurden.

Weil sich in den vergangenen Jahren die Starkregenereignisse in der Region gehäuft haben, hat das Tiefbauamt der Stadt ein neues Mess- und Warnsystem entwickelt.

Oben an der Böschung des Bachs steht eine Stange mit Solarzellen, die eine Kamera und einen Infrarotscheinwerfer für die Nachtstunden mit Strom versorgen. Für den Einsatz am Bach muss die Technik selbst hochwassersicher sein sowie bei Starkregen schnell und verlässlich Daten und Bilder liefern.

Foto: dpa Picture-Alliance/Axel Vogel

Land unter: Starkregen im Juni vergangenen Jahres setzte Bonner Stadtteile unter Wasser. Nun sollen Bürger schneller gewarnt werden.

Das Messsystem an der Brücke arbeitet mit Impulsradartechnologie und ermittelt berührungslos etwa in der Mitte des Bachbettes den Wasserstand. Das Verfahren basiert auf einer Laufzeitmessung des Radarstrahls zwischen Sensor und Wasseroberfläche. Gemessen wird kontinuierlich, aber zur Ausfilterung von Fehlern, wie durch Treibholz oder durchfliegende Vögel, werden die Messwerte über 20 s gemittelt.

Die Apparaturen ermitteln ununterbrochen die Pegelstände der Bäche. Dank der Radartechnik überträgt die Messeinheit zuverlässig – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr – Daten an einen Verkehrsrechner, der eigentlich für Ampelschaltungen verantwortlich ist. Aufgrund der lückenlosen Datenübertragung kann jederzeit Alarm ausgelöst werden.

Bisher war es schwierig zu erkennen, ob ein starker Hochwasserabfluss auch zu einer Überlastung der Bachläufe führt. Für eine Erkundung vor Ort durch Einsatzkräfte der Feuerwehr oder die Ingenieurrufbereitschaft des Tiefbauamts bleibt in der Regel keine Zeit. Und bei jedem Starkregen Warnungen auszusprechen, würde zu vielen Fehlalarmen führen.

Wird in Zukunft der Anstieg des Pegels detektiert, arbeitet das neue System mit drei Warnschwellen. Bei der niedrigsten wird eine Vorwarnung an die Berufsfeuerwehr und die Rufbereitschaft des Tiefbauamts abgesetzt. Statt einem Bild/h wird alle 15 min eines übertragen, ab Warnschwelle zwei sogar alle 5 min.

Die Bilder werden auf einem Server abgelegt und sind über das Internet abrufbar. Vorerst haben aber neben Tiefbauamtsleiter Peter Esch, nur die Feuerwehren der Stadt und des Kreises Zugriff, ebenso die Ingenieurrufbereitschaft des Tiefbauamts Bonn, die Bereitschaft Kanalunterhaltung und der Abteilungsleiter Stadtentwässerung.

 Sollten die Pegel dramatisch steigen und das Ergebnis der Videoerkundung Handlungsbedarf signalisieren, laufen die Vorbereitungen für eine Alarmierung und einen Einsatz an. Sobald der Wasserstand die höchste Schwelle erreicht, wird Alarm ausgelöst und die Einsatzkräfte rücken aus. Die Kameras übertragen dann Bewegtbilder der Bäche als Livestream.

Über Radiodurchsagen und die „Notfallinformations- und Nachrichten-App“ des Bundes – kurz Nina – wird die Bevölkerung nun frühzeitig gewarnt. So sollen die Bürger wenigstens vorbereitete Sandsäcke auftürmen und andere letzte Schutzmaßnahmen ergreifen können.

180 000 € hat die Stadt für die neue Mess- und Alarmtechnik in die Hand genommen. Hinzu kommen etwa 15 000 € für die Entwicklung einer Software, um den Verantwortlichen einen leichten Zugang zu den Daten zu verschaffen. Im Frühjahr war zunächst eine Pilotmessstelle eingerichtet worden. Nach dem erfolgreichen Testlauf werden in den nächsten Wochen jeweils vier der neuen Messstationen am Godesberger und am Mehlemer Bach installiert.

Tiefbauamtsleiter Peter Esch weist darauf hin, dass der neue Alarmpegel nur ein zusätzlicher Baustein ist, um die Bevölkerung zu schützen. Wo es topografisch möglich sei, würden auch Entlastungskanäle gebaut, beispielsweise in Mehlem, sagt Esch.

Er wird nicht müde, die Bürger und Bürgerinnen an ihre Pflicht zur Eigenvorsorge zu erinnern. In Frage kommen etwa mobile Barrieresysteme für Türen, Fensterklappen und eine Rückstausicherung in der Hausleitung.

Das neuartige System hat mittlerweile so viel Aufsehen erregt, dass sich andere Kommunen aus der Region für die neue Mess- und Warnanlage interessieren. Es habe sogar schon Anfragen aus Korea gegeben, so Esch.

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