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Dienstag, 12. Dezember 2017

Start-up-Porträt

Roboter als Selbstversorger

Von Matilda Jordanova-Duda | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Blue Inductive will Elektrofahrzeuge via elektromagnetischen Feldern Energie tanken lassen.

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Foto: Blue Inductive

Die Gründer (v. l.): Florian Reiners, Benriah Goeldi, Johannes Tritschler und Johannes Mayer

Unterschiede spiegeln sich nicht immer in großen Dimensionen wider, weiß Johannes Mayer. „Die elektrische Zahnbürste steckt direkt auf dem Halter. Wir jedoch können Energie bis zu 20 cm durch die Luft übertragen“, sagt der Mitgründer und Geschäftsführer von Blue Inductive. Der Wirkungsgrad von maximal 95 % hielte dem Vergleich mit kabelgebundenen Ladesystemen stand. „Natürlich ist das Magnetfeld weniger effizient als das Kabel. Wir haben jedoch jahrelange Erfahrungen mit hocheffizienter Leistungselektronik und machen die Energieverluste wieder wett“, sagt Mayer.

Blue Inductive GmbH

Entwickelt wurde das flache Ladepad ursprünglich für E-Autos, und zwar am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, in der Abteilung Leistungselektronik. Es funktioniert mit zwei Spulen: Eine ist am Unterboden des Wagens befestigt und mit dessen Batterie verbunden, die andere im Asphalt eingelassen und ans Netz angeschlossen. Letztere erzeugt ein Magnetfeld, das in der Empfängerspule Strom induziert. Beim Parken darüber werden bis zu 22 000 Watt Leistung übertragen: Binnen einer Stunde kann ein typisches E-Auto so komplett aufgeladen werden. Auch umgekehrt funktioniert es: Der Wagen kann überschüssige Energie ans Netz abgeben.

Foto: Blue Inductive

Doppelpack: Beim Ladesystem von Blue Inductive wird die Empfangsspule im Fahrzeug (unten) über die Ladeelektronik gesteuert.

2015 war die Technologie ausgereift. Im April 2016 gründete Mayer, von Hause aus Physiker und Wirtschaftswissenschaftler, zusammen mit drei weiteren ISE-Kollegen und mit Unterstützung des Förderprogramms Exist-Forschungstransfer Blue Inductive. „Wir haben keine fertigen Ergebnisse mitgenommen, sondern unsere Ladesysteme für den Industriebereich von Grund auf neu entwickelt“, betont er.

Denn als Start-up ist es nicht einfach, Autozulieferer zu werden: Der Kostendruck ist hoch, die Stückzahlen sehr groß und es fehlen gemeinsame Standards für das kabellose Laden. Die Freiburger konzentrieren sich deshalb zunächst auf den vielversprechenden Markt der Industrieroboter. Diese Branche ist mittelständisch geprägt, experimentierfreudig und wächst sehr dynamisch: „Ideal für ein Start-up“, so Mayer. An dem Fahrzeug-Laden per Induktion arbeiten zwar auch andere, „aber wir sind hier sehr gut aufgestellt“.

Mobile Einheiten wie Putzroboter oder Gabelstapler sollen künftig flexibel und autonom Fabriken und Lagerräume kreuzen. „Da macht es Sinn, dass sie auch keine Menschenhand brauchen, die sie an die Steckdose anschließt“, sagt der Physiker. Die Idee: Bei ihrer Fahrt durch den Betrieb kommen die Roboter an Ladestationen vorbei, die im Boden oder an der Wand installiert sind, und versorgen sich selbstständig mit Strom. „Wenn man es geschickt anlegt, können sie so rund um die Uhr arbeiten.“ Die „Tankstopps“ könnten in den Arbeitsvorgang integriert werden: Der Roboter lädt sich auf, während er mit Ware beladen wird.

Weil sich Energie zudem in beide Richtungen übertragen lässt, können die Fahrzeuge künftig zum Energiemanagement innerhalb eines Unternehmens beitragen, indem sie etwa billigen Strom speichern und ihn zu Spitzenlastzeiten wieder abgeben. „Unsere Systeme besitzen Netzwerkschnittstellen und werden in der Lage sein, solche relevanten Informationen zu kommunizieren.“ Diese Vision gehört für Mayer zu einer intelligenten, vernetzten Fabrik, kurzum zur Industrie 4.0.

Auch die Batterien könnten dadurch kleiner dimensioniert werden. Früher musste der Speicher nämlich für eine ganze Schicht reichen, danach hing der Roboter sechs Stunden am Stecker. „Viele Hersteller steigen aber gerade von Blei- auf Lithiumbatterien um, die Schnell- und Zwischenladungen erlauben. Das ist genau das richtige Timing für die Einführung der induktiven Technologie“, glaubt der Gründer.

In der ersten Hälfte 2018 will Blue Inductive sein erstes Produkt auf den Markt bringen. Außer den Spulen für die Sender- und die Empfängereinheit gehören dazu je eine Kiste voller Elektronik, die den Ladevorgang steuert. „Für die Produktion haben wir externe Partner, die nach unseren Vorgaben fertigen“, sagt der Jungunternehmer. Das Ladesystem sei mit allen Blei- und Lithiumbatterietypen kompatibel. Auf Kundenwunsch liefert Blue Inductive es mitsamt Lithiumbatterie. „Mit Batterien kennen wir uns aus. Viele Roboterhersteller fühlen sich auf dem Gebiet dagegen unsicher. So bekommen Kunden eine Lösung aus einer Hand.“ Die ersten Abnehmer, die Mayer nicht nennen möchte, führten bereits Feldtests durch.

Deutschland wie auch Frankreich sind stark auf dem Gebiet der Robotik, und Freiburg liegt günstig in der Grenzregion. „Der Südwesten Deutschlands ist auch eine Hochburg für fahrerlose Transportsysteme“, weiß Mayer. Mittelfristig wollen die Freiburger zurück zu ihren Wurzeln und auch noch Ladeeinheiten für E-Autos anbieten. Selbstfahrende Autos sind schließlich auch eine Art Roboter.

Vor kurzem hat das Unternehmen einen siebenstelligen Betrag an Risikokapital eingeworben. Investoren sind der Hightech-Gründerfonds, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Baden-Württemberg, der Seed-Fonds BW sowie der Automatisierungsspezialist Phoenix Contact. Auch ein Business Angel, der praktischerweise sowohl Elektroingenieur als auch Partner in einer Kanzlei für Patentrecht sei, unterstützt seit dem letzten Jahr das Start-up. Mitte 2018 plant Mayer eine weitere Finanzierungsrunde.

Blue Inductive hat bald 15 Mitarbeiter, in der Mehrzahl Hard- und Softwareentwickler. Das Team ist sehr international. „Bisher haben wir ein gutes Händchen bei der Auswahl der Mitarbeiter gehabt und konnten mehrere Top-Experten gewinnen“, freut sich der Geschäftsführer. Und das, obwohl man bei den Gehältern nicht mit etablierten Unternehmen mithalten könne. „Wir haben allerdings festgestellt, dass das für wirklich gute Spezialisten nicht der wichtigste Faktor ist. Wir arbeiten gemeinsam an einem spannenden Thema und haben eine klare Vision – so macht die Arbeit richtig Spaß. Exzellente Leute ziehen weitere exzellente Leute an.“ Und davon werden bei Blue Inductive noch mehr gebraucht.  

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