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Donnerstag, 12. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 41

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Informationstechnik

Sicherheit für die Lieferkette

Von Michael Matzer | 11. Mai 2017 | Ausgabe 19

Die Blockchain-Technologie ist nun auch in der Industrie angekommen. So nutzen bereits die schwedische Reederei Maersk und der deutsche Autozulieferer Bosch fälschungssichere Blockchain-Dokumente.

Blockchain BU
Foto: imago/CHROMORANGE

Beispiel Maersk: Der Logistikdienstleister nutzt Blockchain-Technik um Frachtpapiere sicher und fälschungssicher weltweit zu digitalisieren.

Blockchain ist eine Technik für eine öffentliche, gesicherte Datenbank im Internet, die wie ein Grundbuch funktioniert und verlässliche Transaktionen sowie rechtssichere Verträge ermöglicht. Alle Einträge von Transaktionen sind verschlüsselt und fälschungssicher, sobald sie vom „Grundbuch“ bestätigt und gespeichert wurden. Banken oder andere Mittelmänner werden nicht mehr benötigt, denn die Geschäftspartner tauschen die Transaktionsdetails untereinander aus. (s. Kasten)

Blockchain

Die Londoner Firma Everledger bestätigt beispielsweise die Echtheit und die sichere Herkunft von kommerziellen Diamanten, die nicht aus Konfliktregionen stammen. Die Registriernummer wird in den jeweiligen Diamanten per Laserstrahl eingraviert und lässt sich mit entsprechendem Werkzeug und den dazugehörigen Blockchain-Daten von jeder interessierten Seite im globalen Diamantenhandel auslesen: „Ich bin kein Blutdiamant.“

Auch in der Logistik findet die Blockchain-Technik Verwendung. Jeder Schiffscontainer wird mit Frachtdokumenten geliefert, die bislang nicht fälschungssicher waren. Das ändert sich mit der Blockchain-Technologie, die nur verschlüsselte Daten transferiert. Die schwedische Reederei Maersk digitalisiert inzwischen ihre Lieferketten sukzessive, indem sie gemeinsam mit dem IT-Dienstleister IBM das Open-Source-Projekt Hyperledger nutzt, das Blockchain-Technik für Geschäftsanwendungen zur Verfügung stellt und weiterentwickelt.

Das Besondere an der Lösung ist die grenzüberschreitende Verwendung auf allen Stationen im Maersk-Logistiknetz. Für Chief Digital Officer Ibrahim Gokcen steht die Transparenz aller Prozesse, Dokumente und Handelspartner im Vordergrund. „Die Kooperation mit IBM hat das Potenzial, erhebliche Zugewinne an Effizienz und Produktivität in den weltweiten Lieferketten zu schaffen und zugleich Betrug einzudämmen, während die Datensicherheit erhöht wird.“

Der deutsche Autozulieferer Bosch hat 2017 am IBM-Stand auf der Cebit und kürzlich auf seiner Hausmesse eine Blockchain-Lösung vorgestellt, die mithilfe von Hyperledger entstand. Bosch möchte damit Prozesse in der Lieferkette verbessern. Die vorgestellte Anwendung prüft etwa, ob sich ein Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort im richtigen Container befindet, wenn es gerade transportiert wird. Solch ein Produkt, z. B. ein Ersatzteil, trägt eine mobil auslesbare Plakette mit eindeutiger Identifikationsnummer, die einen einzelnen Container identifiziert, so dass sich dessen Standort, Herkunft und Inhalt prüfen lassen. Die Blockchain prüft beim Scannen, ob der Ort, an dem die Plakette des Teils gescannt wurde, mit dem Ort übereinstimmt, an dem das Paket mit dem Teil zuletzt registriert wurde, ob es vollständig, echt und am vorgesehenen Ort ist.

Bosch zeigt in seiner Logistiklösung lediglich einen Status an. Zugleich können Absender und Adressat aber anhand der in der Blockchain vorliegenden Daten auslesen, ob es sich um Originalteile handelt. Ist etwas mit dem Produkt oder der Fracht nicht in Ordnung, kann die Blockchain-Information dazu dienen, Schadensansprüche zu begründen und zu belegen. Die Blockchain-Nutzung ist kein Hexenwerk. „In nur wenigen Monaten haben wir gemeinsam mit IBM eine Blockchain-Anwendung entwickelt“, berichtet Elmar Pritsch, der IT-Direktor von Bosch.

Aber nicht nur der Hersteller kann so die Echtheit seiner Produkte nachweisen, sondern auch alle damit befassten Handels- und Logistikpartner sowie Wirtschaftsprüfer. Bei Rückrufaktionen erstreckt sich die Aktion nicht auf eine ganze Produktionsserie, sondern kann auf bestimmte Produkte eingegrenzt werden, was für alle Beteiligten wesentlich weniger kostspielig ist. Doch die Lieferkette endet hier nicht. Endverbraucher, die das Produkt kaufen wollen, können es mit ihrem Handy scannen und so Herkunft und Authentizität prüfen.

Blockchain könnte die Kosten senken, die Endverbraucher für Waren bezahlen müssen: An einer einzigen Lieferung von Ostafrika nach Europa sind heute z. B. rund 30 Parteien beteiligt, die über 200 verschiedene Transaktionen und Mitteilungen erzeugen. Dieser Aufwand lässt sich reduzieren, weil jeder Beteiligte anhand der Blockchain-Datenbank den Status einer Lieferung in Echtzeit einsehen kann. Einsparungen von Milliarden Dollar und Euro erscheinen realisierbar.

Die Frage ist also kaum noch, ob sich Blockchain sinnvoll anwenden lässt, trotzdem gibt es Hürden und Vorbehalte. „Voraussetzung für die weitere Verbreitung von Blockchain ist die weitere Digitalisierung der Wirtschaft“, sagt Angel Gonzalez, Executive IT Specialist und Client Architect für Blockchain & Analytics bei IBM. Weitere Einschränkung: Da Blockchains immer die Beteiligung einer Gruppe von Nutzern voraussetzen, sind sie für Individuen kein geeignetes Instrument.

In bestimmten Branchen ist Blockchain bereits etablierter als in der Fertigung oder der Logistik. „Unsere Studie ‚Blockchain Technology and the Financial Services Market: State of the Art Analysis‘ zeigt, dass die Finanzindustrie den Wert und die Bedeutung von Blockchain erkannt hat“, berichtet der Berater Eric Günter Krause von Infosys Consulting. „Nichtsdestotrotz müssen Banken, Unternehmen und Regulierungsbehörden zusammenarbeiten, um die Technologie ordentlich in die Regulierungsrahmen zu integrieren. Nur dann kann Blockchain seine maximal mögliche Streuung erreichen und seine Fähigkeiten entfalten.“ Solche Standardisierung tue not, mahnt Jörg Schindler, Pressesprecher bei Sophos, einem Anbieter von Sicherheitssoftware: „Die Internationale Organisation für Normung (ISO) hat bereits ein Komitee gebildet, das erste Bemühungen in diese Richtung prüft.“

Doch ist Blockchain wirklich so sicher, wie es allenthalben heißt? Um die zentrale Blockchain-Datenbank herum müssen je nach Branche und Zweck entsprechende Anwendungen und Schnittstellen zum Einsatz kommen. Schon in simple Transaktionen ließe sich Programmcode einbauen, der eine Schwachstelle enthalten könnte. Schindler berichtet, dass in China kürzlich 25 der wichtigsten Blockchain-bezogenen Softwareprojekte analysiert und signifikante Sicherheitsschwachstellen gefunden wurden. Kritisch waren jeweils die Prüfung und Validierung der in das System eingegebenen Daten und Programmcodes. Schindlers Fazit: „Die Blockchain ist heute das, was das Internet 1994 war.“

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