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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Antriebstechnik

Signale vor dem Maschinenschaden

Von Martin Ciupek | 6. April 2017 | Ausgabe 14

Sensordaten aus dem Antrieb sollen Nutzen für Anwender stiften und Herstellern neue Geschäftsmodelle bescheren.

HM-Predictive-BU
Foto: Deutsche Messe AG

Ich sehe was, was Du nicht siehst: Vernetzte Maschinen liefern zusätzliche Informationen. Daraus soll Kundennutzen entstehen.

Predictive Maintenance, also eine auf Maschinendaten beruhende vorausschauende Instandhaltung, ist in diesem Jahr eines der zentralen Themen der Antriebstechnikhersteller auf der Hannover Messe. Wer fertige Lösungen erwartet, könnte allerdings enttäuscht werden. „Derzeit befindet sich die Mehrheit der Unternehmen in einem Sondierungsprozess“, fasst Wilhelm Rehm, Vorstand von ZF Friedrichshafen, die aktuelle Situation zusammen.

Hannover Messe 2017

Tatsächlich sammeln Hersteller von Antriebstechnik erst einmal für sich selbst Erfahrungen, welchen Nutzen Zustandsinformationen aus Wälzlagern, Getrieben und Hydrauliksystemen ihnen und ihren Kunden bieten können. Teilweise gibt es dazu Projekte mit Partnern aus Anwenderbranchen, z. B. eine vernetzte Werkzeugmaschine von DMG Mori, die Antriebshersteller Schaeffler unter Praxisbedingungen erprobt.

ZF-Vorstand Rehm sieht neben vielen Möglichkeiten auch neue Herausforderungen. „Jeder lotet aus, wie er den Wert der Daten für sich schützen kann“, sagt er und konkretisiert: „Es geht darum, bei Daten, die ich als Hersteller aus einem System generiere, selbst Herr zu bleiben.“ Das ist auch Thema für den Automatisierungstechnikanbieter Bosch Rexroth. Vorstandsmitglied Steffen Haack erklärt dazu: „Unsere Erfahrung ist: Wenn Sie den Schmerz der Kunden – nämlich die Angst davor, wer da was in seiner Anlage macht – beseitigen können, dann ist schon viel gewonnen.“ Das gelinge, indem Kunden eine Einbahnstraße gebaut werde, auf der nur die Daten nach außen gegeben würden, die er hergeben wolle. „Im Prinzip machen wir das heute mit kundenspezifischen Verträgen – da einige Dinge ja noch gar nicht allgemein geklärt sind“, verdeutlicht er. Das gesetzlich geregelte Eigentumsrecht in Deutschland, welches verbrieft und verpfändet werden könne, greift beim Datenaustausch laut Haack nicht.

Bei Bosch Rexroth werden daher kundenindividuelle Vereinbarungen zur Verwendung von Daten geschlossen. Mit Erfolg, wie Haack berichtet: „Die Akzeptanz steigt mit dem Nutzen, den Sie dem Kunden bereitstellen. Wenn Sie ihm dadurch zwei Stunden Ausfall gespart haben, die 50 000 € gekostet hätten, dann sieht der Kunde schnell den Vorteil und weniger die Bedenken.“

Was große Unternehmen durch ihre Marktposition und Rechtsabteilungen für sich regeln können, ist für kleinere Betriebe kaum eine Lösung. Deshalb drängt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) auf allgemein verbindliche Regeln. „Als Verband engagieren wir uns im Rahmen der Plattform Industrie 4.0, auch um rechtliche Fragen rund ums Thema Datenhoheit zu klären“, sagt Hartmut Rauen, der stellvertretende VDMA-Hauptgeschäftsführer.

Kundenspezifische Verträge sind für Rauen dabei zwar eine Option. Mit Blick auf die praktische Umsetzung in kleineren Unternehmen plädiert er jedoch für die Schaffung von Standards sowie für klare Regelungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB). Hier sei der Gesetzgeber hinsichtlich einer Reform des AGB-Rechts dringend gefragt. „Das ist ein dickes Brett und unsere Juristen sind da ein Treiber“, so Rauen. Der VDMA sei aber zuversichtlich, dass das Justizministerium die Wichtigkeit einer Reform der AGB erkennt und reagiert. „Das wäre eine immens wichtige Voraussetzung für rechtssichere Verträge und das Gelingen von Industrie 4.0.“

Denn längst drängen internationale Konzerne mit datenbasierten Geschäftsmodellen in den Markt. Dazu verdeutlicht Jochen Köckler, der als Vorstandsmitglied der Deutschen Messe AG für die Hannover Messe verantwortlich ist: „Noch vor drei Jahren haben wir diskutiert, dass ein großer US-Datenkonzern die Hälfte der VDMA-Mitglieder vielleicht plötzlich überflüssig macht.“ Damals hatte Microsoft erstmals einen Stand von 1000 m² Größe auf der Hannover Messe gebucht. Für den Messemacher zeige das, wie sich die Wettbewerbssituation verändere.

Sebastian Feldmann, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger, weiß warum sich Produktionsunternehmen damit schwer tun: „Die häufige Verunsicherung gegenüber datenbasierten Geschäftsmodellen, die wir im industriellen Bereich gerade erfahren, ist stark geprägt von dem, was wir aus dem privaten B2C-Umfeld kennen.“ Im Konsumentenumfeld gebe es „Datengiganten“, die persönliche Bewegungsdaten, Kaufprofile und vieles mehr sammelten und für sich nutzten. Aus der Intransparenz darüber, was überall abgesaugt und wie es verwendet wird, sind den Kunden im Geschäftsumfeld laut Feldmann folgende Fragen zu beantworten: Welche Daten erhebe ich genau? Wofür werden diese ausschließlich genutzt und wie sind sie geschützt? „Das wird insgesamt noch nicht klar genug kommuniziert und sorgt somit für Skepsis statt Offenheit gegenüber den neuen Möglichkeiten“, bilanziert der Unternehmensberater.

Für Christian H. Kienzle, Geschäftsführer von Argo-Hytos und Vorstand des VDMA-Fachverbands Fluidtechnik, gilt es nun passende Geschäftsmodelle für den Maschinenbau zu finden: „Ein Produkt zu verkaufen ist das eine. Aber wie lässt sich eine Dienstleistung verkaufen?“ Mit Betreibermodellen habe seine Branche bisher wenig Erfahrung. „Wir müssen Veranstaltungen wie die Hannover Messe dazu nutzen, um mit solchen Geschäftsmodellen in den Dialog zu kommen und den Nutzen für die unterschiedlichen Kundengruppen identifizieren“, sagt er. Anwender haben laut Kienzle zunächst nichts von einem Sensor am Wälzlager, während die Daten den Wälzlagerhersteller durchaus interessieren können. Das gilt insbesondere für die Garantiezeit.

Auch Kienzle ist aufgefallen, dass Softwarehäuser wie Microsoft und SAP seit einiger Zeit auf der Hannover Messe groß auftreten. „Die wollen ein Geschäft machen und Software sowie Dienstleistungen verkaufen“, stellt er fest. Problematisch werde es für den Maschinenbau, wenn das Produkt den Kunden nicht mehr interessiert, sondern nur der Kundennutzen – die Dienstleistung. Helfen könne der Branche dagegen die Erfahrung mit den Produkten und deren Anwendungen. Deshalb warnt er davor, Informationen Softwareunternehmen kostenlos zur Verfügung zu stellen.

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