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Sonntag, 17. Dezember 2017

Industrie

Unternehmen öffnen ihre Türen

Von Martin Ciupek | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Im Rahmen der MX-Tour erlaubten ausgezeichnete Unternehmen Einblicke in ihre Fertigung.

MX-Bu1
Foto: Marcus Krüger

Wie Jurymitglieder erhalten die Teilnehmer der MX-Tour Einblicke in Fertigungsabläufe und notieren ihre Eindrücke in Bewertungsbögen. In der Fendt-Produktion fiel der hohe Automatisierungsgrad auf.

Sich mit anderen zu vergleichen, um selbst besser zu werden, das erfordert Selbstvertrauen und ein gewisses Maß an Offenheit. Die Unternehmen Hilti, Holder und Agco bewiesen diese Offenheit. Der Hersteller von professionellen Baustellenwerkzeugen sowie die beiden Spezialisten für kommunale Fahrzeuge und Traktoren hatten sich 2016 dem Wettbewerb „Manufacturing Excellence“ (MX) gestellt. Dafür haben sie umfangreiche Fragebögen beantwortet und Assessoren ihre Werkstore geöffnet. Nun gaben die Preisträger interessierten Experten Einblicke in ihre Fabrikorganisation und stellten sich der Diskussion.

Das ist „Manufacturing Excellence“ (MX)

Das Konzept der wettbewerbsbegleitenden Unternehmenstouren hat sich inzwischen etabliert. „Die MX-Tour bietet Produktionsspezialisten die Möglichkeit, mit dem MX-Award prämierte Unternehmen live zu erleben“, verdeutlicht Sven Möller, der stellvertretende Vorsitzende der Manufacturing-Excellence-Initiative, den besonderen Ansatz. Anders als beim klassischen Benchmarking erhielten dabei nach den Assessoren auch Fachleute aus unbeteiligten Unternehmen Einblicke in die Produktionsabläufe der Preisträger. Am Ende ergäbe sich durch den Erfahrungsaustausch eine Win-Win-Situation für die Teilnehmer der Tour und die Teams der Kategoriesieger.

So war es auch in diesem Jahr. Von Stuttgart aus machte sich eine Gruppe von etwa 30 Personen auf den Weg nach Metzingen zum Hersteller von Weinbergtraktoren und Kommunalfahrzeugen Max Holder. Das Unternehmen hatte 2016 den Sonderpreis für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) erhalten. Zwischen 1986 und 2008 hatte es drei Insolvenzen erlebt. Doch seit der Übernahme durch einen Vorstand des Beratungsunternehmens Staufen AG geht es wieder bergauf. Es wurde investiert, Prozesse wurden klar definiert und Reklamationsquoten verringert.

Grundlage dafür ist ein gelebtes Shopfloor-Management, von dem sich die Teilnehmer einen Eindruck verschaffen konnten. Dabei viel auf, dass Holder statt Computeranzeigen Tafeln mit manuellen Kartensystemen nutzt, um seinen Wertschöpfungsprozess zu visualisieren. Beim abendlichen Workshop, in denen die Teilnehmer die Arbeit der MX-Award-Assessoren nachempfanden, wurde das allerdings nicht als Nachteil gewertet. Vielmehr hatten die Teilnehmer den Eindruck, dass das System für den Betrieb mit seinen 260 Beschäftigten eine sehr praktikable Lösung ist, weil es aufgrund flacher Hierarchien von allen Beteiligten intensiv genutzt wird.

Foto: Marcus Krüger

Workshop: Am Abend fassen die Teilnehmer ihre Eindrücke zusammen, vergleichen sie mit eigenen Erfahrungen und geben eine Bewertung für das besuchte Unternehmen ab.

Unterschiedliche Einschätzungen gab es dagegen beim Gesamteindruck der veraltet erscheinenden Fertigungshalle. Hier hatte die bunt gemischte Truppe aus Männern und Frauen, älteren und jüngeren Produktionsspezialisten viel abzuwägen. Dazu kamen unterschiedliche Sichtweisen, die sich aus der jeweiligen Position (vom Teamleiter für Prozessmanagement bis zum Geschäftsführer) sowie aus unterschiedlichen Branchenperspektiven ergaben. So wurde es als Chance bewertet, dass der Fahrzeugbauer bereits den Umzug in ein neues Werk plant, der 2018 erfolgen soll.

Ein Kontrastprogramm hinsichtlich der Fabrikausstattung bot am zweiten Tag der Tour der Liechtensteiner Bohrhammerhersteller und Befestigungsspezialist Hilti an seinem Hauptsitz in Schaan. Das Werk hat für Hilti eine Leitfunktion im Konzernverbund. Das wurde vor Ort auch deutlich: Helle Böden und Decken sowie gut nachvollziehbare Fertigungsabläufe wurden hier als Stärken des MX-Award-Gewinners in der Kategorie Prozessinnovation identifiziert. Die Produktionssteuerung und die Arbeitsprozesse wurden insgesamt als gut strukturiert empfunden.

Anders als bei Holder werden in dem Hilti-Werk Wertschöpfungsprozesse in IT-Systemen erfasst und anwendungsgerecht visualisiert. Dennoch hatten die Besucher den Eindruck, dass die daraus resultierenden Abläufe nicht so intensiv gelebt werden, wie bei dem deutlich kleineren Betrieb. Es wurde daher z. B. hinterfragt, ob Mitarbeiter durch zu viele Informationen eher überfordert als unterstützt würden. Werksleiter Armin Küper stellte sich mit seinem Team den Fragen und machte deutlich, warum ihm der Besuch der MX-Jury sowie der Tourteilnehmer mehr Wert ist als ein Preis, den man irgendwo ausstellen kann. Es gehe ihm um das Feedback, welches zur kontinuierlichen Verbesserung der Wertschöpfungsprozesse bei Hilti genutzt werde.

Kaum etwas zu beanstanden hatten die Teilnehmer beim letzten Besuch der Tour, die ins Werk des zum Agco-Konzern gehörenden Traktorenherstellers Fendt nach Marktoberdorf führte. Hier wurde deutlich, warum die Jury das Unternehmen 2016 als Sieger in der Kategorie Informationstechnologie ausgezeichnet hatte. Die Besucher lobten insbesondere das Visualisierungskonzept, welches über große Anzeigen Echtzeitinformationen zum Soll-/Ist-Vergleich der Produktion an einzelnen Arbeitsstationen liefert.

Besonders beeindruckte das flexible Fertigungskonzept, bei dem die Arbeitstakte so geplant werden, dass auf einer Produktionslinie unterschiedliche Modelle hintereinander gefertigt werden können, von den größten Traktoren der Baureihe Fendt 1000 Vario bis hin zum kleinsten Schmalspurschlepper. Darüber hinaus lobten die Besucher den hohen Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad mit autonom durch das Werk fahrenden Montageplattformen sowie die Sauberkeit in der Produktion.

Was sonst noch auffiel: Für engagierten weiblichen Nachwuchs scheint im Bereich der Fabrikplanung gesorgt zu sein. Gleich mehrere junge Frauen aus dem Teilnehmerfeld brachten sich sehr engagiert in die Diskussionen ein. Sie zeigten vor allem ein gutes Gespür für zwischenmenschliche Hindernisse in Veränderungsprozessen. Alle Teilnehmer nutzen die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Für manche gab es eine zusätzliche Motivation. Denn ihre Unternehmen haben sich für den MX Award 2017 beworben und müssen sich der kritischen Untersuchung der Jury stellen. Drei Firmen, die ihre Mitarbeiter auf die Tour geschickt hatten, werden nach Auswertung der Selbstbewertungsbögen nun in ihren Werken besucht und können sich Hoffnung auf einen der Preise im Jahr 2017 machen.

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