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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Industrie

Virtuelle Realität für reale Anwendungen

Von Simone Fasse | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Automobilkonzerne heben immersive Technologien wie Virtual Reality (VR) auf ein neues Level – aus der Spezialistendisziplin wird eine Anwendung in der Breite.

VR-BU
Foto: Foto [M]: Volkswagen AG/VDIn

Virtuelle Realität: Die Arbeit im virtuellen Raum ist bei Volkswagen bereits heute real. Andere Branchen ziehen nach.

Von Wolfsburg aus sich mit tschechischen Kollegen in einem virtuellen Raum treffen und mit ihnen interaktiv an einem gemeinsamen Projekt arbeiten – das soll im Volkswagen-Konzern schon bald durch modernste VR-Technologie zur Normalität werden. Dafür startet VW nach einer Testphase als erster Automobilhersteller den breiten Rollout dieser Technologie mit dem System der VR-Brille HTC Vive.

Im „Volkswagen Digital Reality Hub“, der gemeinsam mit dem Start-up Innoactive entwickelt wurde, sollen schon bald alle im Konzern existierenden VR-Anwendungen, Teilnehmer und Tools rund um Produktion und Logistik auf einer Plattform gebündelt werden. Diese Plattform wurde kürzlich auf der Messe „Digility“ in Köln dem Fachpublikum vorgestellt und live vor Ort demonstriert. Virtuell an Workshops an weit entfernter Standorte teilnehmen, die Unterstützung von Experten anderer Marken einholen, das sind nur einige der möglichen Szenarien.

Doch nicht nur VW war in die Rheinmetropole gekommen, auch Audi, Daimler und Vertreter anderer Branchen wie Siemens oder Nvidia zeigten, wie sie immersive Technologien im Unternehmenskontext einsetzen. Sie alle machten klar: VR hat eine neue Ebene bei Geschäftsanwendungen erreicht.

Vor allem Automobilkonzerne setzen schon seit Jahren virtuelle Technologien ein, um beispielsweise Fahrzeuge im Entwicklungsprozess zu simulieren. „Das Virtual Reality Center bei Mercedes-Benz gibt es bereits seit 1999“, bestätigt Bianca Jürgens, VR Solution Scout bei Daimler in Sindelfingen. Die VR-Technologie habe einen festen Platz in den Entwicklungsabteilungen erobert und gewinne in diesem Bereich zunehmend an Bedeutung. „Unsere Ingenieure stehen von mehreren Seiten unter Druck“, beschreibt Jürgens die Situation. „Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer, die Komplexität wächst, die Budgets schrumpfen.“ Die Antwort auf diese Herausforderungen sieht Jürgens in der VR. Denn die Arbeit in der virtuellen Umgebung spare Zeit und Geld, etwa durch schnellere Prototypenerstellung und vereinfachte Testläufe. Auch der für die Technologie benötigte Raum werde immer kleiner. 360-Grad-Projektionen in Räumen (Caves) könnten nun durch Holodeck-Ansichten in VR-Brillen ersetzt werden, beschreibt Jürgens einen weiteren Vorteil der VR-Technologie. Einfacher werde auch die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern. „Entscheidungen können schneller und am konkreten Objekt getroffen werden“, sagt die Expertin.

Diese Vorteile sieht auch Volkswagen und will deshalb die VR-Technologie über alle Produktionsstandorte und Unternehmensmarken hinweg einsetzen. Unter dem Dach der Konzernlogistik und der digitalen Fabrik entwirft das Team „Digital Realities“ derzeit verschiedene VR-Anwendungen für die Produktion und Logistik von Audi, Seat, Skoda und VW. Genutzt wird dabei das System der VR-Brille HTC Vive.

HTC hat vor rund einem Jahr die VR-Brille Vive zunächst auf den Spielemarkt gebracht, bietet inzwischen aber auch eine Variante für Geschäftskunden an. Diese kommt beispielsweise bei CAD-Anwendungen, bei Sicherheitstrainings oder als Simulationsumgebung für Architekten zum Einsatz.

Hervé Fontaine, bei HTC Vive verantwortlich für Geschäftskunden, kündigte in Köln neue Partnerschaften und Funktionen an. So soll es Ende 2017 eine Stand-alone-VR-Lösung geben, die ohne PC-Anbindung oder Kabel auskommt. Denn hier liegen derzeit noch die Schwächen der Technologie – nicht jeder kommt mit der Ausrüstung sofort zurecht, die Kabel stören die Bewegungsfreiheit, die Brille wird häufig als unangenehm empfunden, die Grafik als „ausbaufähig“ kritisiert.

„Für eine gute Nutzererfahrung ist die realitätsgetreue Abbildung der Welten und Objekte in VR und AR, also der Augmented Reality, nicht ausschlaggebend“, weiß Digitalstrategin Alissia Iljaitsch von IQ Gemini. „Viel wichtiger ist, dass die jeweilige Umgebung glaubhaft ist und die Nutzer im Idealfall Feedback auf ihren Input in der virtuellen Welt erhalten.“ Und auch die Schnittstellen in die VR-Welt dürften künftig komfortabler für die Anwender werden. Wie Hervé Fontaine von HTC Vive und Dominic Eskofier von Nvidia erwarten viele Experten, dass die sperrigen Brillen von Eye-Tracking-Lösungen abgelöst werden. „VR wird die neue Computing Platform“, ist Eskofier überzeugt.

Bequemer ist die Microsoft Hololens, die den Nutzer in eine „Mixed Reality“-Umgebung versetzt, die VR und AR miteinander verbindet. Im Konstruktionsbereich beispielsweise können Ingenieure die Bauteile – etwa eine virtuelle Turbine – vor sich im Raum schweben lassen, um Details gemeinsam aus der Nähe zu begutachten.

In einem anderen Zusammenhang hat Siemens die VR-Technologie für sich entdeckt. Der Konzern will mit ihrer Unterstützung Bewerber ansprechen. Dazu sollen die mehr als 350 000 Siemens-Beschäftigten weltweit sogenannte Cardboards bekommen. In einer dazugehörigen App sollen Mitarbeiter aus aller Welt vorgestellt werden – ihre Geschichten sollen die Menschen hinter den Technologien zeigen und dem Konzern für mögliche Bewerber ein neues Gesicht geben.ciu

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