Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Freitag, 15. Dezember 2017

Wasserkraft

Wasser nutzen, die Fische schonen

Von Ralf Roman Rossberg | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Eine neue Anlage in Baierbrunn will Ökologie und Ökonomie besser in Einklang bringen.

w - Wasserkraft BU
Foto: Ralf Roman Rossberg

„Wasser marsch“ im neuen Laufwasserkraftwerk Baierbrunn, das mit einer Flachturbine und zwei Fischtreppen der Ökologie besonderen Tribut zollt.

Südlich von München an der Isar in Bayern ist das neue Wasserkraftwerk Baierbrunn in Betrieb gegangen – ein überaus seltenes Ereignis im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie, Energiegewinnung und Beeinträchtigung der Fischbestände. Doch „Fischschutz und Wasserkraft müssen kein Widerspruch sein“, so Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf, die das Werk eröffnete. Ihr Ziel: eine „barrierefreie“ Isar vom Sylvensteinspeicher bis zur Mündung in die Donau.

„Wir wollen eine freie und durchgängige Isar bis 2021, damit sie wieder zur blauen Lebensader Bayerns wird“, sagte Scharf. Die neue Anlage sei ein Schritt dorthin.

Auch die Forschung will die Ministerin weiter vorantreiben; so sei das neue Wasserkraftwerk Teil eines Forschungsprojekts der TU München, mit dem noch weitere Möglichkeiten für fischökologische Verbesserungen an Wasserkraftwerken gefunden werden sollen.

Das Kraftwerk mit einer vlh-Turbine (very low head) fügt sich zwischen ein vorhandenes Querbauwerk und zwei „Fischstraßen“ ein: einer „Rauen Rampe“ und einem Raugerinne-Beckenpass.

Die Raue Rampe ist eine mit Wasserbausteinen besetzte schiefe Ebene: „Die ausgeklügelte Struktur und die terrassenförmige Anordnung machen es möglich, dass Fische den Höhenunterschied von rund 4 m überwinden können“, so Klaus Engels, Direktor Wasserkraft Deutschland bei Uniper Kraftwerke.

Der schmalere Raugerinne-Beckenpass enthält terrassenförmig angeordnete Becken, die den Fischen ebenfalls die Überwindung des Höhenunterschieds ermöglichen. Damit sie den Abzweig unterhalb des Kraftwerks finden und nicht im tiefen Wasser bleiben – und dann vor der Turbine nicht weiterkommen –, wird eine „Lockströmung“ erzeugt.

Die dazu nötige bauliche Gestaltung im Wasser haben Fischereisachverständige erarbeitet. Über die Raue Rampe fließen mindestens 4,2 m3/s, durch den Beckenpass 0,3 m3/s an Wasser. Das Landesamt für Umwelt und die TU München begleiten das Projekt an der über 2 Mio. € teuren Anlage drei Jahre lang mit einem „fischökologischen Monitoring“. Das Kraftwerk hat 6 Mio. € gekostet.

Auch andernorts hat die Durchgängigkeit der Fließgewässer hohen Stellenwert. So ist erst im Mai an der mittleren Donau die mit fast 3 Mio. € bisher aufwendigste technisch-natürliche Fischaufstiegsanlage im deutschen Abschnitt der Donau fertig geworden.

Als dort ab 1967 die Bahnkraftwerke Bertoldsheim, Bittenbrunn, Bergheim, Ingolstadt und Vohburg gebaut wurden, dachte noch niemand an die Fische. Erst 1993 wurde bei Vohburg für Wasserlebewesen Durchgängigkeit gewährleistet.

Die Bemühungen stellen auch die Fischer zufrieden: „Hier an der Donau haben wir mit Ingolstadt und jetzt Bertoldsheim gute Beispiele für Fischaufstiegsanlagen, bei der die Kombination von Natur und Technik besonders schön gelungen ist“, lobte Albert Göttle, Präsident des Bayerischen Landesfischereiverbands, bei der Eröffnung.

Ein letzter Baustein fehlt noch am Kraftwerk Bittenbrunn bei Neuburg wegen anderweitiger Bauarbeiten: „Wenn sie zu Ende sind, stellen wir das fertig; dann ist die Bahnstrom-Kraftwerkskette der Donau-Wasserkraft (DWK) komplett für Fische durchgängig“, versichert der Aufsichtsratsvorsitzende Albrecht Schleich.

Beachtung findet das neue Kraftwerk Baierbrunn besonders, weil es die Nutzung der Wasserkraft wieder in den Fokus rückt: „Im Wasserland Bayern hat die Wasserkraft eine lange Tradition. Das neue Kraftwerk verbindet optimal die Anforderungen der Gewässerökologie mit denen einer modernen Energieanlage“, so Scharf, die Baierbrunn ein „Leuchtturmprojekt“ nennt.

Dass Kleinkraftwerke heute mehr denn je Sinn machen, unterstrich Reimund Gotzel, Chef des Netzbetreibers Bayernwerk. „Die Zukunft gehört der dezentralen entkarbonisierten Erzeugung.“ Heute speisten ins Bayernwerknetz bereits 265 000 Photovoltaikanlagen Energie ein – mit ständig steigender Tendenz. Die Stärke der Wasserkraft liege in ihrer zuverlässigen Verfügbarkeit.

Das Kraftwerk Baierbrunn ist das zweite in Deutschland, in dem die vlh-Turbine eingesetzt ist. Die Bauart eignet sich für geringe nutzbare Höhen und damit für die zahlreichen bisher energiewirtschaftlich ungenutzten Querbauwerke; an Einsatzorten gibt es also noch großes Potenzial. Als besonders „fischfreundlich“ gilt die vlh-Turbine wegen ihrer geringen Drehzahl; abwärts können Fische sie unbeschadet passieren.

Die Entwicklung stammt von MJ2-Technologies S.A.R.L. im südfranzösischen La Cavalerie, die erste in Deutschland läuft seit 2015 in Sulzberg/Au bei Kempten (s. VDI nachrichten, 45/2015).

In der nahe gelegenen Stadt Millau ging 2007 auch die weltweit erste vlh-Turbine in Betrieb. In Sulzberg läuft inzwischen eine zweite; Baierbrunn hat damit die dritte in Deutschland erhalten.

stellenangebote

mehr