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Dienstag, 12. Dezember 2017

Fassaden

Wohnraum zwischen drinnen und draußen

Von Fabian Kurmann | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder präsentieren 2010 ihr Studienprojekt zur Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden an der Technischen Uni München: Professor Gerhard Hausladen ist ungewöhnlich still. Normalerweise stellt er immer Zwischenfragen, bei diesem Vortrag hört er wortlos zu.

Portrait Flissade
Foto: Flissade GmbH

Drei Positionen der Flissade: oben komplett geschlossen, darunter komplett offen oder unten als Loggia.

Das Thema ist ein wandelbarer Raum – im Sommer Loggia, im Winter Wohnfläche. Schiebetüren, die sich nicht nur geradeaus, sondern auch um die Ecke schieben lassen, sollen die Verwandlung möglich machen.

Nach dem Vortrag rät Hausladen seinen beiden Studenten, das Thema auch außerhalb der Vorlesung weiterzuverfolgen, denn so etwas gebe es noch nicht. „Wir waren noch mitten im Studium und wurden direkt an den Patentanwalt vermittelt“, erinnert sich Daniel Hoheneder. Von da an läuft die Weiterentwicklung des Konzepts parallel zum Studium.

Die Frage, wo sie nach dem Abschluss arbeiten werden, müssen sich die beiden Münchner nicht stellen. Sie gründen ein Start-up: Flissade.

„Wir standen ohne Fassadenbau-Know-how, mit einem gerade erteilten deutschen Patent und frisch abgeschlossenem Studium da und wollten das Ganze auf die Beine stellen“, sagt Hoheneder. Das Gründernetzwerk der Uni berät die beiden und hilft ihnen, ein Gründerstipendium sowie einen Entwicklungspartner aus der Industrie mit dem notwendigem Fachwissen und Erfahrung an Land zu ziehen. Mittlerweile hat Flissade Patente in 23 europäischen Staaten, China und Japan.

Die Münchner wollen die bisher unveränderbare Zuordnung von Räumen zum Innen- oder Außenraum einer Wohnung aufheben. „Wenn man im Winter Wohnfläche und im Sommer eine Freifläche haben will, dann muss die Primärfassade beweglich sein“, sagt der Gründer. Entlang einer Schiene in Form eines Vierecks mit runden Ecken lassen sich die gläsernen Fassadenelemente der Flissade in drei mögliche Positionen bringen.

Foto: Flissade GmbH

Die Architekten Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder wollen mit ihrer flexiblen Fassade die Trennung zwischen Innen- und Außenräumen aufheben.

Stehen sie ganz außen, ist die Außenfläche minimal, die Sonne kann direkt in die Wohnung scheinen. „Das spart direkt Heizkosten“, sagt Hoheneder. Stehen die Elemente an den Seitenwänden, ist die Wohnung komplett nach außen hin geöffnet. Die dritte Position, als zurückversetzte Fassade zur Wohnung hin, schafft eine abgetrennte Loggia. Das „Dach“, das durch die zurückgestellte Fassade entsteht, verschattet die Wohnung im Sommer.

In der ersten und dritten Position soll die Fassade als vollwertige Klimahülle wirken und somit einen wandelbaren Raum schaffen. Die Elemente lassen sich ohne Hilfsmittel von Hand bewegen. Der Boden mit 15 cm Aufbauhöhe ist laut Hoheneder ein vollwertiges Flachdach, das nach allen Anforderungen – bis hin zum hohen Passivhausstandard – gedämmt und auch für Hochhäuser geeignet ist. Ein weiterer Clou ist die barrierefreie Schwelle zum Rest der Wohnung – ebenfalls eine Eigenentwicklung. „Die Kosten der Lösung mit der Flissade liegt beim Doppelten einer gut ausgeführten Loggia“, sagt der Gründer.

Ein Einsatzgebiet für die mobile Fassade wären hochwertige, kompakte Wohnungen in urbanen Gebieten, etwa Einzimmerapartments, die heute meistens um die 25 m2 groß sind. „Wir können bis zu 14 % mehr Wohnraum auf einer gegebenen Fläche schaffen“, sagt Hoheneder. Während eine Loggia in Deutschland nur zur Hälfte auf die Grundfläche der Wohnung angerechnet werde, gewinnen Investoren laut Hoheneder durch die flexible Fassade die andere Hälfte als verkaufbare Fläche hinzu. In Städten wie München mit Wohnungspreisen zwischen 4000 €/m2 und 8000 €/m2 lässt sich damit gutes Geld verdienen. Der Mieter gewinnt an Komfort: Im Sommer hat er mit der Loggia eine Freifläche zum Entspannen und im Winter kann er den Platz als Wohnraum nutzen.

Ein weiteres Einsatzgebiet stellt laut dem Gründer die Umnutzung von Bürohochhäusern zu luxuriösen Wohnhochhäusern dar, die meisten der akquirierten Projekte des Start-ups sind momentan aber Neubauten.

Für eine Sanierung seien vor allem Gebäude in Skelettbauweise geeignet, also solche, bei denen die statischen Kräfte auf einzelne Stützen und Säulen wirken und nicht auf ganze Wände. Möglichkeiten gebe es aber bei den meisten Vorhaben.

Realisierte Projekte gibt es bisher noch nicht, die ersten sollen laut Hoheneder diesen Herbst starten. Ein funktionierender Prototyp steht in einem Showroom in der bayerischen Hauptstadt.

Die Gründer haben ein Planungswerkzeug entwickelt, das auch für den digitalen Planungsprozess mit Building Information Modeling, kurz BIM, die notwendigen Daten bereitstellt. Eine Schnittstelle zur Fertigung und eine Zertifizierung der Produktionspartner sollen eine schnelle Umsetzung von individuellen Entwürfen sicherstellen. Flissade setzt bei der Produktion auf einen hohen Vorfertigungsgrad der Elemente für hohe Verarbeitungs- und Terminqualität.

Für den Typ Fassade, den sich Lisbeth Fischbacher und ihr Kollege überlegt haben, gibt es allerdings noch keine Regularien in Deutschland. Es gibt hierzulande nur Innen- oder Außenräume. Ein Zwischending, so wie das Raumelement der Münchner, ist bisher nicht erfasst. „Dass es noch keine Regularien gibt, ist eine Begleiterscheinung von allem Neuen“, sagt Hoheneder gelassen. Solange keine allgemeinen Regeln bestehen, hole man eben eine Ausnahmegenehmigung für den Einzelfall ein.

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