17.02.2012
Alle zusammen und doch jeder allein
Arbeitsgestaltung: Es ist armselig: im Schlafanzug vorm Rechner zu sitzen, über Konzepten zu brüten und erst am Feierabend mit Freunden ins Gespräch zu kommen. Freiberufler, die zu Hause arbeiten und so empfinden, sehen einen Ausweg aus ihrer Trostlosigkeit häufig im Coworking.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 17. 2. 12, ws
Coworking, diese Arbeitsform lebt nach dem Prinzip „alle zusammen – jeder für sich“. Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen und Interessen treffen in den „Coworking Spaces“ aufeinander und unterstützen sich gegenseitig bei ihren Projekten – mit Ideen oder einfach durch ein offenes Ohr. Freier Austausch, Netzwerken und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen sind im Gegensatz zu vielen Bürogemeinschaften nicht nettes Beiwerk, sondern der Kerngedanke des Coworking.
Das Konzept passt bestens in die heutige Arbeitswelt, in der es immer weniger Konstanten gibt. Zeit, Ort und Beschäftigungsart – alles schwammige Größen. Für Freiberufler ist das im Prinzip eine feine Sache: Sie können entscheiden, wann, wo und mit wem sie ihren Beruf ausüben. „Diese vielen Freiheitsgrade sind aber auch mit ständigen Entscheidungen verbunden – und das kann anstrengend sein“, sagt Ralph Bruder vom Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt. „Durch Coworking bekommt das selbstbestimmte Arbeiten eine Struktur, die entlastend wirken kann.“
Ein weiterer Vorteil ist die Ausstattung, die Coworking Spaces oft bieten: Hierzu gehören neben Stuhl und Schreibtisch z. B. Internet, Telefon, Drucker und Kopierer auf hohem technischem Niveau. Die veralteten Geräte im Home-Office können hier selten mithalten. In den Tages- oder Monatstarifen der Coworking Spaces sind in der Regel auch die Kosten für Strom, Wasser, Heizung und Reinigung enthalten.
Ebenfalls inklusive: die Gesellschaft mit anderen Coworkern. Der Großteil von ihnen ist im Bereich der Kreativwirtschaft und der Neuen Medien tätig, unter ihnen Web-Entwickler, Programmierer oder Grafikdesigner. Das hat eine weltweite Studie des Online-Magazins Deskmag ergeben, das sich speziell mit Coworking befasst. Architekten haben demnach einen Anteil von etwa 3 %.
Auch die Kölner Regionalgruppe von „Ingenieure ohne Grenzen“ weiß die Vorteile der Arbeitsform zu schätzen: Die Mitglieder des Vereins treffen sich für ihre Sitzungen und Workshops in den Räumen von Coworking Cologne. „Wenn wir uns kurzfristig treffen möchten, genügt ein Anruf, und wir können vorbeikommen“, sagt René Kögler von der Regionalgruppe Köln. Für den ehrenamtlichen Verein ist die Nutzung in diesem Fall kostenlos. Gelegentlich werden auch Coworker, die dort arbeiten, auf die Aktivitäten des Vereins aufmerksam. Eine gute Basis, um eines Tages gemeinsame Projekte anzustoßen.
„Der Ingenieurberuf ist durch eine stärkere Notwendigkeit zur Kooperation mit anderen Disziplinen gekennzeichnet. Sei es durch die Abstimmung mit Juristen zu Fragen des Urheberschutzes, durch die Zusammenarbeit mit Kreativen bei der Entwicklung innovativer Produkte oder durch den Austausch mit Marketingexperten bei der Vermarktung guter Ideen“, sagt Ralph Bruder.
Wie leicht solch eine Zusammenarbeit zustande kommen kann, weiß Tobias Meier: Er ist Diplom-Ingenieur für Stadt- und Regionalplanung und arbeitet einmal pro Woche im Düsseldorfer Coworking Space GarageBilk. Zu seinem Kerngeschäft gehört die Planung und Begleitung von Bürgerbeteiligungsprozessen im Auftrag von kommunalen Einrichtungen oder Planungsbüros. Eine Tätigkeit mit starkem sozialwissenschaftlichen Bezug. „Aber auch andere Fachrichtungen spielen eine Rolle“, sagt der 28-Jährige. „Vor Kurzem habe ich für ein Projekt Dokumente und Vorlagen angepasst. Es war praktisch, dass neben mir im Coworking Space ein Grafiker saß, der mir ein paar Tipps geben konnte.“ Die Atmosphäre ist für den Freiberufler auch ein Pluspunkt: „In Gesellschaft mit anderen bin ich motiviert zu arbeiten – und habe gleichzeitig das Gefühl zu Hause zu sein“, sagt Meier.
„Aufträge werden bei uns häufig hin- und hergeschoben“, sagt Yvonne Firdaus, die die GarageBilk seit einem Jahr betreibt. Zu den 14 Arbeitsplätzen sind vor Kurzem fünf Büros für Einzelpersonen und Zweierteams hinzugekommen. Außerdem ein Konferenzraum, den auch Firmen von außerhalb nutzen können: Denn fern von den betriebseigenen Räumlichkeiten haben kreative Ideen leichter eine Chance. Wer praktisch arbeiten will, nutzt statt Laptop das FabLab (fabrication laboratory) der GarageBilk: eine Werkstatt, die neben allerlei Bastelmaterial auch einen 3-D-Drucker bereitstellt. Ingenieure können sich hier austoben und ihre Pläne in Form von Modellen verwirklichen. Auch Schulklassen finden Gelegenheit, um kreativ zu werden.
Kurzum: So vielfältig Coworking Spaces sind, so offen sind sie auch für jeden, der sie nutzen mag – solange er nicht im Schlafanzug vorbeikommt. ELENA WINTER