16.12.2011

Autoindustrie will Ingenieure zunehmend im Ausland rekrutieren

Automobil: Dank weltweiter Erfolge arbeitet die deutsche Autoindustrie 2011 an der Kapazitätsgrenze. Sie hat derzeit fast 730 000 Beschäftigte und gut 60 000 Zeitarbeiter engagiert. Ein Manko: Die Firmen finden in Deutschland nicht mehr genug Ingenieure.

VDI nachrichten, Berlin, 16. 12. 11, wop

"Unsere Mitgliedsunternehmen arbeiten seit Monaten an ihrer Kapazitätsgrenze," sagte Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), auf der Jahrespressekonferenz jüngst in Berlin. Grund ist der enorme Verkaufserfolg. "Das Jahr 2011 wird als eines der erfolgreichsten Automobiljahre in die Branchengeschichte eingehen", so Wissmann.

Wenn zum Jahreswechsel die Sektkorken knallen, werden über 5,9 Mio. Pkw in Deutschland von den Bändern der Automobilwerke gelaufen sein - Exportquote 77 %. Mehr denn je - und rund 1 Mio. Einheiten mehr als im Jahr 2009. Bei Auto- und Nutzfahrzeugherstellern wie bei ihren Zulieferern erreichte die durchschnittliche Auslastung der Fabriken zuletzt Werte um 90 %.

Die Auslandswerke der deutschen Hersteller steuerten laut VDA eine Produktion von 7 Mio. Pkw bei, was den bereits sehr positiven Vorjahreswert um 15 % übertrifft. Laut Wissmann sichert die Branche mit ihrer Strategie, direkt in den Auslandsmärkten zu produzieren, auch die Beschäftigung im Inland. "Weiterhin gilt die Faustformel: Drei neue Arbeitsplätze im Ausland schaffen oder sichern einen Arbeitsplatz im Inland", so der VDA-Präsident.

Die Unternehmen haben 2011 in Deutschland kräftig eingestellt. Auf 23 600 zusätzliche Stellen beziffert der VDA den Zuwachs, wobei die Autohersteller 10 000 Jobs schufen, Zulieferer 11 600 und die Firmen von Anhängern und Aufbauten rund 2000 neue Mitarbeiter einstellten. Insgesamt sind somit in der deutschen Automobilindustrie 730 000 Beschäftigte festangestellt; zusätzlich sind dort 60 000 Zeitarbeiter tätig.

Die gute Marktlage hat laut Wissmann dazu geführt, dass ein Teil der Zeitarbeiter unbefristete Verträge in den Firmen erhielt. Genaue Zahlen zu diesen Übernahmen konnte sein Verband nicht nennen. Auch die aktuelle Ingenieurquote unter den 730 000 Beschäftigten der Branche liegt dem VDA nicht vor. Wissmann berichtete, dass Hersteller und Zulieferer ihren hiesigen Ingenieurbedarf kaum noch decken können. Wegen des leer gefegten deutschen Markts "müssen wir den Nachwuchs an Ingenieuren zunehmend im Ausland rekrutieren", so Wissmann. "Nur aus dem Inland werden wir den Ingenieurnachwuchs nicht holen können." Die Automobilindustrie eröffnet ohnehin immer mehr F&E-Standorte im Ausland - in erster Linie, um ihre Produkte dort mit einheimischen Spezialisten an die lokalen Anforderungen anzupassen.

Die globale Strategie in Produktion und Entwicklung zahlt sich aus. Die weltweite Nachfrage nach Premiumautos der deutschen Marken ist ungebrochen und beschert der Branche 2011 den neuen Rekordumsatz von 358 Mrd. €. Davon entfallen 280 Mrd. € auf die Hersteller, rund 70 Mrd. € auf die Zulieferer und 8 Mrd. € auf die Anhänger- und Aufbautenfirmen.

Insgesamt wird der globale Pkw-Absatz dieses Jahr 65,4 Mio. Einheiten erreichen. Für 2012 prognostiziert der VDA ein Weltmarktvolumen von 68 Mio. Pkw. Wissmann schränkte bei dieser Prognose allerdings ein, dass sie von dem weiteren Verlauf der Finanzkrise abhänge.

Gerade in Westeuropa, wo der VDA im kommenden Jahr wie 2011 von 12,8 Mio. verkauften Einheiten ausgeht, seien bei weiterhin angespannten Finanzmärkten Rückgänge denkbar. "Die deutschen Unternehmen sind flexibel genug, um den eventuell schwächeren Westeuropamarkt international ausgleichen zu können", betonte der Verbandschef.

Obwohl in so wichtigen Märkten wie China und Indien deutliche Anzeichen für eine Abkühlung sprechen, sieht Wissmann darin keinen Grund zur Schwarzmalerei: "Das Wachstum beider Länder wird 2012 etwas geringer ausfallen als bisher - aber immer noch deutlich höher sein als das der Industriestaaten" - sie machen inzwischen ein Viertel des Pkw-Weltmarktes aus. China liegt gleichauf mit dem US-Markt, für beide prognostizierte der VDA für 2012 ein Absatzvolumen von 13,2 Mio. Pkw bzw. 13,4 Mio. Pkw.

Für die deutschen Hersteller und Zulieferer ist China inzwischen einer der wichtigsten Absatzmärkte. Dort rollt inzwischen auch über ein Viertel aller im Ausland gefertigten Pkw deutscher Marken vom Band. China ist damit schon heute für hiesige Autohersteller der wichtigste Produktionsstandort außerhalb Deutschlands.   P. TRECHOW/W. PESTER

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