07.10.2011

Chemieindustrie sucht Anerkennung

Chemie: Nach einer Umfrage unter Managern am EU-Sitz in Brüssel gilt Chemie als unverzichtbar. Dennoch glaubt die große Mehrheit, dass Bürger der Chemieindustrie misstrauen und Politiker dies stärker berücksichtigen sollen. Zudem fehle es an Visionen für „grüne“ Produkte, so der Tenor der Generalversammlung des EU-Chemieverbands vergangene Woche in Madrid.

VDI nachrichten, Madrid, 7. 10. 11, ber

Autos werden leichter, Fernsehgeräte energiesparender, Medikamente wirksamer. Mit anderen Worten: Chemie bringt Innovationen und verbessert die Lebensbedingungen. „Das wird in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen“, beklagte Ben van Beurden, Vize-Direktor bei Shell Chemicals, auf der Generalhauptversammlung des EU-Chemieindustrieverbands Cefic vergangene Woche in Madrid.

„Wir sind zwar die Industrie der Industrie“, ergänzte Michael Vassiliadis, Präsident der IG Bergbau, Chemie und Energie. In den Köpfen vieler Menschen steckten aber immer noch Erinnerungen an vergangene Katastrophen: „Umweltverbände haben daher ein einfaches Spiel.“

In EU-Institutionen hingegen ist der Ruf der Chemie besser. Das ergab eine Umfrage von Cefic bei Kommissionsbeamten, EU-Parlamentariern und Vertretern Ständiger Vertretungen der EU-Staaten.

„Das Ergebnis zeigt aber Licht und Schatten“, so van Beurden. Einerseits hielten fast alle Befragten Chemie für unverzichtbar, andererseits glaubten rund 80 % der Befragten, dass Bürger der Chemieindustrie und ihren Produkten misstrauten und Politiker darauf Rücksicht nehmen müssten.

Die Hälfte der befragten Parlamentarier hält Chemikalien gar für unsicher. Zudem hätten Umweltverbände inzwischen den gleichen Einfluss auf Politiker wie die Vertreter der Chemieindustrie. „Sie sind zwar weniger gut ausgestattet, aber besser organisiert“, so van Beurden.

„Wir müssen daher anders über uns sprechen“, so der Shell-Direktor. Chemie müsse sich als inspirierender Lösungsvermittler darstellen. Immerhin würden Chemikalien helfen Trinkwasser aufzubereiten und moderne Mobilität zu gewährleisten. „In der Biotechnologie haben wir großartige Produkte, auf die wir stolz verweisen können“, ergänzt Cefics Generaldirektor Hubert Mandery.

Hilfreich könnte auch die EU-Chemikalienverordnung Reach sein, so van Beurden: „Reach ist der Goldstandard für ‚product stewardship‘ (Produktverantwortung) in der Chemieindustrie.“ In der Öffentlichkeit werde jedoch wahrgenommen, dass Chemiefirmen scheinbar Daten zurückhalten. Es fehlten zudem öffentlich transportierbare Visionen wie die der Autoindustrie für schnelle, sichere und auch grüne Fahrzeuge, so Gewerkschaftler Vassiliadis. Zudem zeigten immer weniger Menschen Verständnis für die Industrie, da immer weniger dort beschäftigt seien, meint der Gewerkschaftler.

„Die chemische Industrie muss an konkreten Beispielen zeigen, welchen Beitrag sie leistet und welchen sie leisten kann“, fordert daher Gernot Klotz, Forschungs- und Entwicklungsfachmann bei Cefic.

Das sei kein Problem, behauptet Wolfgang Plischke, Vorstandsmitglied der Bayer AG, und nennt Beispiele aus der Prozesstechnik. So nutzt Bayer MaterialScience im Chemiepark Uerdingen inzwischen eine Technik, mit der Chlor, etwa für die PVC-Herstellung, mit 30 % weniger Energie erzeugt wird. „Würden alle Chlorhersteller weltweit diese Technik nutzen, könnte ein Kraftwerk mit 700-MW-Leistung stillgelegt werden“, so Plischke. Und in Caojing nahe Shanghai hat Bayer eine Anlage gebaut, mit der sich Toluol-2,4-diisocyanat (TDI) mit 60 % weniger Energie, 80 % weniger Lösemitteln und weniger Nebenprodukten herstellen lässt. TDI ist ein wichtiges Zwischenprodukt für die Herstellung von Polyurethan-Weichschaum.

Für die breite Anerkennung des verantwortlichen Handelns von Chemiefirmen sollen auch die Responsible-Care-Preise sorgen, die Cefic jedes Jahr vergibt.

Den Preis in der Kategorie „große Unternehmen“ erhielt Evonik Industries für ein Aufforstungsprojekt in Marokko. Mit einem Polyacrylsäurepolymer „konnten wir die Überlebensrate von Setzlingen des Arganbaums um bis zu 150 % steigern“, erklärt Annette zur Mühlen. Sie leitet bei Evonik den Geschäftsbereich Technische Superabsorber. Das Polymer „Stockosorb“ saugt Wasser auf, gibt es bei Trockenheit langsam ab und erhöht so die Bodenfeuchtigkeit. Zur Mühlen blickt nach vorne: Um das Klima zu schützen, werde es viele solche Wiederaufforstungsprojekte geben. Stockosorb könne deren Kosten senken.

Den Preis für KMU erhielt die finnische Firma Akkuser, die Batterien bei Raumtemperatur pulverisiert. Über technische Details spricht Direktor Jarmo Pudas ungern. Doch er betont: „Damit umgehen wir den energieaufwendigen Schmelzprozess in Metallhütten.“ Akkuser verarbeitet mehr als 90 % aller in Finnland gesammelten Batterien.

Im weltweiten Vergleich sei die europäische Chemieindustrie noch gut aufgestellt, sagt Cefic-Experte Klotz. „Unser Vorteil gegenüber Brasilien, Indien und China – und teilweise auch den USA – ist, dass wir gelernt haben, komplexe Themen gemeinsam anzugehen“, lobt er Kooperationen großer und kleiner Firmen. Doch er fordert einen neuen Politikansatz für Innovationen. Um etwa Elektroautos zu entwickeln, könne die Politik Innovation auch von der Materialseite her fördern. „Dieses gilt vor allem für große Fragen wie den Aufbau einer Low-Carbon-Economy“, so Klotz. RALPH AHRENS

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