02.12.2011

Das Smart Grid kommt, aber es kommt zu langsam

Stromnetze: Wegen der politisch gewollten, ökonomisch aber schwierigen Energiewende muss das Stromnetz massiv ausgebaut werden. Auf dem VDI-Kongress "Smart Grids" Anfang dieser Woche in Düsseldorf diskutierten Experten aus Politik und Wirtschaft den Weg zum Energienetz der Zukunft. Den Beteiligten geht es oft zu langsam, denn die Prozesse sind noch nicht optimiert und eingespielt.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 2. 12. 11, swe

Das deutsche Stromnetz steht mit Ausfallzeiten von nur 14 min/Jahr im EU- und vor allem im weltweiten Vergleich gut da. Doch jetzt muss es weiter optimiert und ? wie das Telefonfestnetz ? mit integrierten digitalen Services versehen werden. Damit soll aus der bloßen Verteilinfrastruktur ein smartes Netz werden, in das neben klassisch erzeugten auch regenerative Energien eingespeist und Konzepte wie Elektromobilität verwirklicht werden können.

Bis 2022 soll nach dem Willen der Bundesregierung der Atomausstieg erfolgen. Gleichzeitig soll bis 2022 der CO2-Ausstoß um bis zu 40 % gegenüber 1990 gesenkt werden und bis 2050 der Energieverbrauch generell um 50 % gesenkt werden. Bis dahin, so Willi Fuchs, Direktor des VDI in Düsseldorf, müssen erneuerbare Energien und effiziente Stromnetze entwickelt und installiert werden. Passiere das nicht, finde die geforderte Energiewende nicht statt.

Keine leichte Aufgabe, so Katherina Reiche, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium (BMU) auf dem VDI-Kongress: "Wir müssen die Stromnetze neu denken, denn sie sind der Bottleneck, um die Energiewende realisieren zu können." Daher stünden Wirtschaft und Verbrauchern durchgreifende Veränderungen bevor.

Strom müsse in Zukunft effizienter genutzt werden, betonte Reiche, und das werde unsere Umwelt und unser Landschaftsbild verändern. "Dafür brauchen wir die Akzeptanz von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft," so die Staatssekretärin. Bereits heute sei der Anteil erneuerbarer Energien bei der Stromerzeugung auf 14 % gestiegen, im Jahr 2020 soll er bei 25 % liegen. Darum stecke die KfW-Bank jährlich 5 Mrd. € in die Offshore-Windenergietechnik, um die Zurückhaltung der Banken zu überbrücken.

Neben der Öffnung für regenerative Energien wie Wind, Photovoltaik, Erdwärme oder Biomasse müsse das Netz massiv umgebaut werden. Beim Höchstspannungsnetz seien 4200 km, bei den Verteilnetzen 200 000 km in moderner Netztechnik nötig.

Doch beim Netzausbau gebe es große Verzögerungen: "Nur wenige der Ausbauprojekte sind fertiggestellt, insgesamt haben wir einen Rückstand von bis zu zwei Jahren. Wir müssen beim Netzausbau schneller werden", fordert CDU-Politikerin Reiche.

Notwendig seien schnellere Genehmigungsverfahren, die Erprobung neuer Technologien und direkte Bürgerbeteiligung. Um die Rahmenbedingungen hierfür zu geben, solle 2012 die Anreizregulierung novelliert werden. Insgesamt, so Reiche, "kommen wir in die Zeit vor Fukushima nicht mehr zurück."

Daher müssten alle Beteiligten erneuerbare Energien nicht nur als handhabbar, sondern als eine Komponente begreifen, die Wachstum ermöglicht. So habe eine aktuelle Studie des Softwareanbieters SAP ergeben, dass intelligente Steuerung die Strom- Gesamtstromkosten mittelfristig um 13 % senken könne. Das ergäbe Einsparungen im zweistelligen Mrd.-€-Bereich.

Auch Hildegard Müller, Chefin des rund 1800 Unternehmen vertretenden Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin, dauert die Vorbereitung auf die Energiewende zu lange: "Die Unternehmen der Energiewirtschaft sind bereit, in Smart Grids zu investieren, aber wir werden durch den regulatorischen Rahmen daran gehindert", mahnte sie Handlungsbedarf bei BMU-Staatssekretärin Reiche an.

So herrsche schlicht Chaos, etwa beim § 19.2 Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), der die Frage der Netzentgelte regeln soll. Müller dazu: "Alle Beteiligten wissen nicht, wie sie kalkulieren sollen." Dabei sei klar: "Erneuerbare Energien sind erwachsen geworden und haben jetzt ein funktionierendes regulatorisches Umfeld bitter nötig. Bis spätestens 2015 brauchen wir Beschlüsse, die uns ein neues Marktdesign ermöglichen."

Wichtig sei es auch, so BDEW-Managerin Müller, die Bundesländer-Konzepte zu harmonisieren: "Es ist nicht an alle gedacht, wenn jeder nur an sich denkt."

Nach den Worten von Johannes Kindler, Vizepräsident der Bundesnetzagentur in Bonn, wird der Netzausbau in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts stattfinden - wenn alles optimal läuft. So kam auch der stellvertretende Oberregulierer nicht umhin, einzuräumen, dass von geplanten 1928 km aus Projekten nach dem Energieleitungsausbaugesetz bisher nur 214 fertiggestellt und 12 von 24 Projekten verzögert sind. Das, so Kindler, liege nicht jedoch am Geld, sondern an überkomplexen Planungs- und Genehmigungsverfahren, vor allem an Vorgaben aus der EU.

Holger Gassner bleibt gelassen pragmatisch. Der Leiter Politik und Märkte bei der Essener RWE Innogy, der Ökoenergie-Tochter des RWE-Konzerns, muss sich um neue Standbeine des Energieversorgers kümmern. Für ihn wird Windkraft, on- wie offshore, den Löwenanteil erneuerbarer Stromquellen ausmachen.

Allerdings komme es bei Wind- oder Sonnenenergie zu starken Schwankungen. So seien allein im ersten Halbjahr 2011 Variationen der verfügbaren Windkraftkapazitäten von 23 GW und der Photovoltaikleistung von 13 GW beobachtet worden. Beides erfordere eine wesentlich bessere Kooperation zwischen alternativen und klassischen Erzeugern.

Hierfür forciert das Unternehmen in jüngster Zeit den Ausbau der RWE-netzinternen Breitbandverkabelung, um die Daten bidirektional verteilen und austauschen zu können. Mit Investitionen von bis zu 10 Mio. € im Jahr 2011 will RWE den synergetischen Breitbandausbau im ländlichen Raum vorantreiben. Pilotprojekte finden derzeit in Laudert, Kisselbach und Wiebelsheim statt, weitere sind in den Verbandsgemeinden Kastellaun, Obere Kyll und Mendig, Nittel vorgesehen.

Gassner zufolge ist der "Smart Grid"-Netzausbau in der Bundesrepublik trotz der genannten Hindernisse im EU-Vergleich bereits am weitesten fortgeschritten. Wichtigstes Projekt im Energiesektor aus seiner Sicht ist das Nordsee-Offshore-Netz, der sogenannte EWEA-Rahmenplan. "Nur wenn das klappt," so Gassner, "werden Projekte wie Desertec und andere überhaupt erst machbar." KONRAD BUCK

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