09.12.2011
„Der Lieferant ist verantwortlich für korrekten Gebrauch der Chemikalien“
Umwelt: Kann man einen Chemikalieneinsatz durch Serviceleistung verringern und so die Umwelt schonen? Petra Schwager beweist, wie das geht – mithilfe des Chemikalienleasings. Sie ist Leiterin des Globalen Chemikalienleasing-Programms in der Umweltmanagementabteilung der Unido, der Industrieentwicklungsorganisation der Vereinten Nationen, und hilft Unternehmen, Produkte effizienter herzustellen und dabei weniger Wasser, Rohstoff und Energie zu verbrauchen.
VDI nachrichten, Wien, 9. 12. 11, ber
VDI nachrichten: Was genau ist Chemikalienleasing?
Schwager: Es ist ein innovatives Geschäftsmodell, das die Umwelt schützt.
Also das „Ausleihen von Chemikalien“?
Nein. Der Name führt ein wenig in die Irre. Als Anwender einer Chemikalie müssen Sie wissen, was Sie davon erwarten. Möchten Sie ein Auto lackieren oder ein Metallteil reinigen? Der Lieferant oder Hersteller verkauft dann nicht mehr diese Chemikalie, sondern den Service.
Erklären Sie das bitte an einem Beispiel!
Eine Firma stellt Metallteile her und kauft Reinigungsmittel, um diese zu reinigen. Der Lieferant des Mittels verdient um so mehr, je mehr er davon verkauft. Das ist das klassische Geschäftsmodell. Wir drehen das um und sagen: „Wir zahlen nicht mehr für das Reinigungsmaterial, sondern für gereinigte Metallteile.“
Und dann?
Im neuen Modell zahlt der Anwender dem Lieferanten pro Stück gereinigtem Metallteil. Natürlich setzt der Lieferant dann die Mittel so effizient und sparsam wie möglich ein, senkt so deren Verbrauch und erhöht so seinen Gewinn. Aber auch für den Anwender lohnt es sich. Er zahlt insgesamt weniger für die sauberen Metallteile inklusive Service.
Und die Umwelt?
Die wird weniger belastet. Denn ein sparsamer und effizienterer Einsatz von Chemikalien führt dazu, dass weniger Wasser oder weniger Energie benötigt wird.
Wie eng müssen Lieferant und Anwender zusammenarbeiten?
Sehr eng. Der Lieferant ist verantwortlich dafür, dass seine Chemikalie beim Anwender richtig eingesetzt wird. Dazu muss er deren Mitarbeiter schulen. Andererseits müssen diese Mitarbeiter genau dokumentieren, wie viel Reini¬gungsmittel sie eingesetzt haben.
Müssen die Firmen einander vertrauen?
Ja. Vertrauen ist wichtig. Doch entlang der Wertschöpfungskette zusammenzuarbeiten ist, glaube ich, die Zukunft. Hier verfolgen wir den gleichen Ansatz wie bei Reach. Das bringt einen weiteren Vorteil: Unsere Erfahrung zeigt, dass Chemikalienleasing zu langfristiger Zusammenarbeit führt. Wir finden das gut, da man nur mit Vertrauen gemeinsam etwas Neues entwickeln kann.
Wie hilft die Unido?
Wir haben ein „toolkit“, also einen Leitfaden veröffentlicht, der beschreibt, worauf Firmen achten müssen. Es gibt auch fünf Nachhaltigkeitskriterien, die etwa die Wirtschaftlichkeit, Anwendungssicherheit und Umweltfragen abdecken. Zudem helfen unsere Cleaner-Production-Zentren. Sie bringen Geschäftspartner zusammen und begleiten die Umsetzung. Wichtig ist etwa festzulegen, wann ein Anwender aussteigen kann. Ein kritischer Punkt kann sein, dass manch ein Anwender Angst hat, nur an einem Chemikalienlieferanten gebunden sind. Derzeit arbeiten zehn unserer 48 Cleaner-Production-Zentren im Chemikalienleasing. Wir wollen dieses Angebot aber weltweit ausbauen.
Ist Chemikalienleasing nicht das Gleiche wie Outsourcing?
Nein. Der Hersteller des Reinigungsmittels gibt ja sein Wissen weiter, so kommt es zu keinem Verlust an Arbeitsplätzen beim Anwender.
Wenn es so erfolgreich ist, warum ist es dann kein Selbstläufer...
… weil es ein komplettes Umdenken erfordert. Versuchen Sie einmal einem Chemikalienlieferanten oder Verkaufsleiter beizubringen, dass sein Gewinn nicht von der Menge Chemikalien, die er verkauft, abhängt, sondern von der Serviceleistung. Diese Firma kann so aber neue Märkte erschließen. Denn ich glaube, die Zeiten, wo Sie nur einen Liter Farbe oder Reinigungsmittel verkaufen und sonst nichts, sind vorbei. Sie müssen heute Innovation und Service anbieten.
Was macht Sie dennoch so optimistisch?
Ich arbeite jetzt sechs Jahre am Chemikalienleasing und entdecke immer wieder Beispiele, die ohne unser Tun entstanden sind. Als wir im Sommer in Brasilien waren, besuchten wir das dortige Peugeot-Werk in der Nähe von Rio, das Chemikalienleasing bereits in zwei Bereichen anwendet – nämlich bei Lackierung und Beschichtung. Wenn ich so was sehe, freue ich mich natürlich. Außerdem haben wir mit Peugeot vereinbart, in der Wasseraufbereitung ebenfalls Chemikalienleasing zu testen.
Wann wird Chemikalienleasing business-as-usual?
Das weiß ich nicht – hoffentlich bald! Das Geschäftsmodell löst aber nicht alle Probleme. Der Lieferant muss Know-how einbringen, das dem Anwender fehlt. Andererseits ist es für Anwender schwieriger, dieses Geschäftsmodell in Bereichen anzuwenden, die zu ihrem Kern-Know-how gehören.
RALPH H . AHRENS
Petra Schwager
-leitet seit 2004 das Globale Chemikalienleasing-Programm in der Industrieentwicklungsorganisation der Vereinten Nationen
- hat zuvor von 1996 bis 2010 in 15 Ländern „National Cleaner Production“-Zentren aufgebaut
-studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien sowie Umweltmanagement in London. rha