08.05.2009

"Deutschland braucht Breitband-Internet für alle - und zwar schnell"  

Standpunkt: Nach Ansicht von Friedrich Joussen, Chef von Vodafone Deutschland, drängt die Zeit. "Eine Wissens- und Wirtschaftsnation wie Deutschland benötigt eine moderne Kommunikationsinfrastruktur" - in Städten ebenso wie auf dem Land, erklärt er im nachfolgenden Beitrag. Er fordert daher wenige Tage vor einer wichtigen Abstimmung im Bundesrat eine "Allianz für Infrastruktur" aus Wirtschaft, Bund und Ländern. VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 5. 09, rb

Elektronisches Lernen, virtuelle soziale Netzwerke, Online-Shopping, Film- und Musik-Downloads - das Internet erobert immer größere Teile des Alltags. Die Erfolgsgeschichte des Web 2.0 basiert dabei auf der Breitband-Infrastruktur. Mit dem schnellen Internet schreitet die globale Vernetzung unaufhaltsam voran und bietet dabei enorme Chancen: für Bildung, Wissenstransfer, Wohlstand.

Digitale Kommunikationsnetze sind das Rückgrat der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Sie sind so wichtig wie Straßen, Autobahnen, Seehäfen und Flughäfen.

Datenkommunikation ist inzwischen einer der zentralen Standortfaktoren in einer globalisierten Wirtschaft. Nach Schätzungen der OECD soll die Breitbandtechnologie bis 2011 einen Anteil von 30 % zum Produktivitätszuwachs in den Industriestaaten beisteuern. Darum brauchen wir auch ein neues Verständnis für Infrastruktur im 21. Jahrhundert.

Eine Wissens- und Wirtschaftsnation wie Deutschland benötigt eine moderne Kommunikationsinfrastruktur. Die Versorgung auch ländlicher Gebiete mit Breitband-Internet spielt eine zentrale Rolle für die Attraktivität von Städten und Gemeinden als Wohnort und Standort für Unternehmen.

Die Realität sieht bislang jedoch anders aus: Mehr als 800 000 Haushalte müssen, so die Bundesregierung, mit Surfgeschwindigkeiten von maximal 0,1 Mbit/s auskommen. Zum Vergleich: Im Festnetz sind Übertragungsraten von 2 Mbit/s inzwischen die Norm.

Leider tat sich viel zu lange nichts. Mittlerweile ist Bewegung im Spiel. Der Breitbandausbau in Deutschland ist Teil des Konjunkturpakets II und von der Bundeskanzlerin zur Chefsache erklärt worden.

Konkret sieht das Konjunkturpaket II vor, dass in der ersten Phase bis spätestens Ende 2010 die nicht versorgten Gebiete leistungsfähige Anschlüsse erhalten und mit 1 Mbit/s surfen können. In der zweiten Phase werden 75 % der Haushalte über Glasfaseranschlüsse mit Übertragungsraten von mindestens 50 Mbit/s versorgt - das ist 20-mal schneller als eine normale DSL-Leitung.

Viele weiße Flecken werden jetzt schon mit Mobilfunklösungen erschlossen. Mit der heutigen Technik und den zur Verfügung stehenden Frequenzen bleiben aber immer noch unversorgte Gebiete auf der Breitbandkarte übrig.

Aber der Staat kann helfen: Mit der Digitalen Dividende ist das schnelle Internet für alle zum Greifen nah. Durch die Digitalisierung des terrestrischen Rundfunks sind Hörfunk- und TV-Frequenzen frei geworden.

Werden diese zum Teil für den Mobilfunk genutzt, könnten ländliche Regionen in kurzer Zeit mit Hochgeschwindigkeits-Internet versorgt werden.

Der Vorteil für Bund und Länder: Sie müssen nicht selbst investieren. Netzbetreiber wie Vodafone sind bereit, das unternehmerische Risiko beim Netzausbau zu tragen und für die Frequenzen zu bezahlen. Entsprechende Tests dazu sind bereits in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen in Vorbereitung.

Bei der Digitalen Dividende erwies sich der Föderalismus jedoch lange als lähmender Faktor, denn weniger der Bund, sondern die 16 Länder bestimmen über die Verwendung dieser ungenutzten TV-Frequenzen.

Doch schnelles Handeln ist jetzt gefragt: Die Länder haben die immense Bedeutung einer flächendeckenden Breitbandversorgung erkannt und stimmen hoffentlich einer Vergabe der brachliegenden Frequenzen im Bundesrat Mitte Mai zu.

Erfolgt die Zustimmung, will die Bundesnetzagentur die Frequenzen versteigern. Dabei sollte die Maximierung der Versteigerungserlöse nicht im Vordergrund stehen. Dies würde unverhältnismäßig Investitionsmittel aus den Unternehmen abziehen. Eine Versteigerung der Frequenzen könnte schon im Herbst dieses Jahres erfolgen.

Die Industrie wird sich bei Zuteilung einer Frequenz verpflichten, die Regionen schnellstmöglich per Funkanbindung zu erschließen. Entscheidend ist ein exakter Zeitplan, um das Ziel 2010 zu halten. Rahmenbedingungen der Politik und ein klarer Fahrplan der Industrie bilden die Eckpunkte.

Mit einem Glasfaserausbau in der Fläche lässt sich dann die zweite Phase im Breitbandziel der Bundesregierung erreichen. Allianzen der Anbieter und Investitionen durch den Staat bieten sich bei der sogenannten passiven Infrastruktur, den Erd- und Straßenarbeiten, an.

Öffentliche Investitionen schaffen gleiche Voraussetzungen für alle und machen die Fläche attraktiv für einen Wettbewerb der Anbieter bei der aktiven Infrastruktur, dem Bau und Betrieb von Netztechnik durch die Unternehmen - und zwar im Interesse der Verbraucher und des Marktes.

In Deutschland darf es keine Standorte erster, zweiter oder dritter Klasse geben. Kommunikationsunternehmen wie Vodafone sind bereit, ihren Beitrag zum Ausbau der Infrastruktur zu leisten. Doch nur in einer "Allianz für Infrastruktur" aus Wirtschaft, Bund und Ländern lassen sich die Ziele verwirklichen. Regulierung muss wieder - wie zum Start des Mobilfunks in den frühen Neunziger Jahren - gestaltend als Industriepolitik verstanden werden. Die weißen Flecken müssen weg. Deutschland braucht Breitband-Internet für alle - und zwar schnell. FRIEDRICH JOUSSEN


Friedrich Joussen

ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Vodafone Deutschland und Vorsitzender des Vorstandes der Arcor AG.

studierte Elektrotechnik an der RWTH Aachen.

trat 1988 bei Mannesmann ein, wo er später Geschäftsführer Marketing wurde. Nach der Übernahme durch Vodafone leitete er den Bereich Global Product Management und war bis 2005 als Chief Operating Officer tätig.

hält mehrere Patente und entwickelte die Twin-Card, die heute weltweit von Mobilfunkunternehmen eingesetzt wird. Er war u. a. maßgeblich an der Einführung von SMS im deutschen Mobilfunkmarkt verantwortlich. rb

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