08.02.2013
Digitalisierung revolutioniert die Arbeitswelt
Management: 30 Jahre nach der Eroberung der Geschäftsprozesse durch den Computer, 20 Jahre nach dem Einzug des Internets ins Alltagsleben und zehn Jahre nach Erfindung des internetfähigen Mobiltelefons wäre die Digitalisierung an sich ein alter Hut. Würden die Unternehmen nicht erst jetzt mit neuen Geschäftsmodellen durchstarten und damit auch die Arbeitswelt revolutionieren. Aber jede Revolution hat bekanntlich auch ihre Schattenseiten.
VDI nachrichten, Värnamo, 8. 2. 13, ws
Der Instant Messenger lässt die E-Mail alt aussehen, Bewerbungen bitte nur noch auf dem Bildschirm, IT-Attacken sind lukrativer als Banküberfälle, und zum Flashmob telefoniert man sich einfach zusammen. Wir haben die Digitalisierung voll im Griff. Oder ist es nicht eher umgekehrt: Die Informationstechnik hat uns voll im Griff?
Die meisten wissen, was man mit Computer und Internet machen kann. Aber was machen diese Techniken mit uns, denjenigen, die sie beherrschen sollen? Klaus Ruth, Soziologe am Institut für Technik und Bildung an der Universität Bremen, war lange in Japan und weiß, wie Menschen hier und dort zusammenarbeiten. „Die Arbeitskultur wird von vielen Dingen beeinflusst“, erklärt er, etwa von Traditionen, von gesellschaftlichen Ritualen und von der Art und Weise, wie Unternehmen in einen Staat eingebettet sind.
„Auch die Digitalisierung hat einen Einfluss darauf, wie Menschen im Job sein sollen und wie sie miteinander umgehen“, sagt der Bremer Wissenschaftler. „In Japan hat das Vordringen der Computer die traditionelle Arbeitskultur nicht beseitigt. Eher wurde das Internet von der Kultur aufgesogen.“
In Deutschland sei das anders. „Hier wird die hergebrachte Arbeitskultur durch das Internet herausgefordert“, sagt Ruth. „Man kann sagen: Die Arbeit mit dem Netz verändert die Kultur der Zusammenarbeit.“
Aber wie? Klar ist: Die Digitalisierung liefert massenhaft Informationen in Echtzeit, nützliche und überflüssige, solche, die das Hirn anreichern und solche, die es vermüllen. Und solche, für die sich Unternehmen brennend interessieren: Daten, die sich zu Geld machen lassen. „Wenn man Informationen hat, dann will und muss man damit auch etwas machen“, so Michael Schulte, Deutschlandchef von Capgemini, und lobt die „Digirati“, Firmen vor allem aus der Hightech- und Telekommunikationsbranche, die sich an die Spitze der Digitalisierung gesetzt hätten.
Sie seien die Gewinner, so die Kernaussage einer Studie der Unternehmensberatung. Wer sich nicht schon auf den Weg gemacht hat, verliere den Anschluss (es sei denn, er engagiert professionelle Beschleunigungshelfer). „Mit der Verbreitung der IT, dem Aufkommen der sozialen Netzwerke und durch drastische Preissenkungen beispielsweise bei der Speichertechnologie hat die Entwicklung in den letzten zwei, drei Jahren enorm angezogen“, beschreibt Schulte die neue Stufe der Digitalisierung. „Die Menschen sind gefordert, sich noch dynamischer zu verhalten.“
In einigen Firmen laste auf den Mitarbeitern, deren Tätigkeiten über Smartphones und Lesegeräte immer enger an das Internet angebunden wird, „ein immenser Leistungsdruck“, weiß der Berater und tröstet: „Der lässt sich aber durch die intensive Nutzung von Smartphones und Tablets auch außerhalb der Arbeitsstätte und Arbeitszeiten besser bewältigen.“
Vorausgesetzt, die Menschen bewegten sich in den virtuellen Welten hochgradig flexibel, würden schneller entscheiden und kundennäher agieren. Was Gefahren für beide mit sich bringt: Mitarbeiter riskieren schleichende Überlastung und Burn-out, Arbeitgeber Kontrollverluste bei den Firmendaten.
Denn wer den Laptop im Wohnzimmer und sein privates Smart Phone für Arbeitszwecke nutzt, demonstriert damit zwar maximale Beweglichkeit, öffnet gleichzeitig aber Sicherheitslücken: „In Studien haben wir gesehen, dass ein großer Teil der Digitalisierung unbemerkt durch die Unternehmen läuft“, erklärt Björn Niehaves, Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. „Viele Menschen nutzen ihre privaten Geräte oft ohne ausdrückliche Erlaubnis des Unternehmens. Sie fragen geschäftliche E-Mails über ihre private Mobiltelefone ab oder legen Firmendaten in Internet-Speichern wie Dropbox ab. Der Arbeitgeber weiß oft gar nicht, an welchen Stellen seine Daten liegen und wer unter Umständen auf sie zugreifen kann.“
Die sogenannte Schatten-IT stelle die Firmen vor ein massives Sicherheitsproblem. „In vielen Firmen bewegen sich die Mitarbeiter in einer rechtlichen Grauzone. Der Leistungsdruck zwingt die Mitarbeiter dazu, neue Technologien zur ihrer eigenen Produktivitätssteigerung einzusetzen. Die rechtlichen Risiken schultern sie jedoch oft alleine.“
Die Digitalisierung hat aber noch mehr im Gepäck, was Arbeitnehmern die Freude am ständigen Online-sein trüben könnte. „Geschwindigkeit, Volumen und das Spektrum der in den Unternehmen verfügbaren Daten steigen, ebenso die Analysefähigkeit der Unternehmen“ rekapituliert Rouven Fuchs, Senior Manager bei der Beratungsgesellschaft Accenture. „Das hat Auswirkungen auf die Arbeit im Tagesgeschäft und die Anforderungen an die Mitarbeiter. Die IT übernimmt immer mehr Standardentscheidungen. Überall dort aber, wo Menschen gefragt sind, müssen sie beweglicher werden.“
Agiler im Kopf, meint Rouven Fuchs damit, schnell und fit genug, um die Taktvorgaben der IT mithalten zu können. Der Mensch, nicht die Technik, ist künftig das Nadelöhr. „Wenn es ein Unternehmen nicht schafft, seine Prozesse, seine Organisationsstruktur und die Fähigkeiten und Rollen seiner Mitarbeiter im Einklang mit der IT weiterzuentwickeln, dann hat es am Ende nichts gewonnen.“
So viel Sprengkraft möchte Jeanette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) der Digitalisierung nicht zugestehen. „Der Einzug des Digitalen reproduziert alte Strukturen, bevor es neue schafft“, versichert die Politologin, die in der Enquete-Kommission des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“ mitarbeitet.
Alte Hierarchien lösten sich im Internet nicht einfach auf, sagt Hofmann, sondern lebten virtuell weiter. Beispielhaft beschreibt sie ein Phänomen, das sie oft bei Behörden erlebt habe: „Dank ständiger Erreichbarkeit kann sich heute jeder Mitarbeiter per Mail oder Telefon direkt äußern – er darf es aber nicht.“
Woraus Jeanette Hofmann schließt: „Die alten Befehlsketten werden durch das Digitale reproduziert.“ Vielleicht auch die neuen Anforderungen an die Arbeitnehmer. Ein heller Kopf kam schon immer gut an. CHRISTINE DEMMER