06.01.2012

Ein Fünftel der Energieeinsparung basiert auf Berechnungsmethode

Energie: Der Energieverbrauch in Deutschland ist 2011 gegenüber 2010 um knapp 5 % gesunken. Doch einen Teil dieser Energieeinsparung – nämlich rund ein Fünftel – gibt es nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen nur auf dem Papier. Und dieser Effekt werde durch den Kernenergieausstieg in Zukunft sogar wachsen.

VDI nachrichten, Berlin, 6. 1. 12, swe

Wegen des milden Wetters haben die Deutschen im Jahr 2011 deutlich weniger Energie verbraucht als im Jahr zuvor. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) ist der Energieverbrauch in Deutschland um 4,8 % gesunken (s. Kasten).

Hauptursache sei das gute Wetter, weswegen die Deutschen in diesem Jahr seltener geheizt hätten. Der Absatz von leichtem Heizöl sei um 15 % zurückgegangen, der von schwerem Heizöl um 3 %. Rechne man diese Temperatureffekte heraus, ergebe sich eine Energieeinsparung von bloß 1 %.

Den klimapolitischen Zielen der Bundesregierung zufolge will sie bis 2020 die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 40 % verringern, der Ökostromanteil soll auf 35 % steigen und die Energieeffizienz soll sich im Vergleich verdoppeln.

Ein brisantes Thema also, wenn die AGEB im Zusammenhang mit dem Vorlegen der Energieverbrauchszahlen schreibt, dass ein Teil der letztjährigen und der in Zukunft zu erwartenden Steigerungen der Energieeffizienz nur statistische Effekte sind.

Hauptursache, so die AGEB, sei der bis 2022 geplante komplette Ausstieg aus der Kernkraft bei der Stromerzeugung. Der Effekt ergebe sich aus der Berechnungsmethode des Primärenergieverbrauchs. In diesem Jahr ließe sich ein Fünftel der Energieeinsparungen auf diesen Effekt zurückführen. In den kommenden Jahren dürfte dieser statistische Effekt die Energiesparbilanz noch stärker schönen. Durch das Abschalten der Kernkraftwerke bis 2022 werde Deutschland zwischen 2,9 % und 7,3 % der Energie sparen – selbst dann, wenn die tatsächlich produzierte Strommenge gleich bliebe.

Die AGEB verwies auf eine internationale Absprache zur Berechnung des Energieverbrauchs. So werde bei Kernkraftwerken ein energetischer Wirkungsgrad von 33 % für die Stromerzeugung angenommen. Das bedeute, dass für 1 kWh tatsächlich produziertem Strom aus Kernkraftwerken das Dreifache an eingesetzter Primärenergie angegeben werde.

Eine andere Konvention greift bei der Berechnung der Stromerzeugung aus Photovoltaik, Wasser und Wind: Hier werden 100 % Wirkungsgrad angesetzt. Würden also Kernreaktoren durch Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke ersetzt, sinkt somit rechnerisch automatisch der Energieverbrauch.

Auch bei einem Umstieg auf Gas- oder Kohlekraftwerke sei dieser Effekt zu beobachten, wie die Statistiker der AGEB erklärten. Würde auf Erdgaskraftwerke umgestellt, betrage bei deren Wirkungsgrad von im Schnitt 60 % die Minderung im Primärenergieverbrauch 4,8 %. Bei Kohlekraftwerken ergebe sich bei 45 % Wirkungsgrad 2,9 %.

Die Ursache liegt in der Festschreibung des sogenannten Wirkungsgradprinzips in der internationalen Energiebilanzierung, wie sie die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris und das Statistische Amt der Europäischen Union Eurostat vornehmen. Diese gilt seit 1995 auch in Deutschland.

Für die fossilen Energieträger wie auch nachwachsende Rohstoffe lassen sich natürliche Heizwerte angeben. Aus ihnen lässt sich in Kombination mit den realen Kraftwerkswirkungsgraden die Energieeffizienz der Primärenergienutzung angeben.

Doch weder Kernkraft oder Photovoltaik, Wasser und Wind noch der Stromhandelsbilanz lässt sich ein Heizwert zuweisen. Also werden für sie in den Energiebilanzen als repräsentativ erachtete, physikalische Wirkungsgrade zugrunde gelegt. Die 33 % Wirkungsgrad für Kernkraftwerke rühren laut AGEB daher, dass diese als Dampfkraftwerke betrachtet und hierfür die Wirkungsgrade älterer Kohlekraftwerke herangezogen würden. „Die rechnerische Erhöhung tritt ein, weil je Einheit Wirtschaftsleistung rechnerisch weniger Primärenergie eingesetzt wird. Die Stromintensität bleibt hingegen unverändert“, so die AGEB.

Die Bundesregierung kann also wohl dank der Berechnungsvorschriften ihre Energiesparziele zumindest teilweise offiziell leichter erreichen, nämlich wenn es um die offizielle Zahl für die gesamtwirtschaftliche Energieeffizienz geht. Und das Thema Energieeffizienz ist zurzeit ein brisanter Zankapfel in der Bundesregierung zwischen dem liberalen Wirtschaftsminister Philipp Rösler und seinem konservativen Kontrahenten, Umweltminister Norbert Röttgen.

Denn Deutschland stagniert bei der Energieeffizienz. Anstatt sie im Durchschnitt um 2 %/Jahr zu erhöhen, wie das Energiekonzept der Regierung es vorsieht, stagniert der Wert im Jahr 2010. Schon zuvor lag er im Durchschnitt pro Jahr lediglich bei etwa 0,8 %. Das berichtete der Berliner „Tagesspiegel“ am Dienstag unter Berufung auf die AGEB.

Und Besserung ist nicht in Sicht. Denn Rösler wendet sich strikt gegen Vorgaben. Wie etwa eine jährliche Energieeinsparung von 1,5 %, wie sie EU-Energiekommissar Günther Oettinger in seinem Vorschlag für eine EU-Effizienz-Richtlinie vorsieht. swe


Energiebilanz Deutschland 2011 

-Der Energieverbrauch in Deutschland ist 2011 mit 13 411 PJ (Petajoule) um 4,8 % gegenüber 2010 gesunken.

-Wichtigster Energieträger ist das Mineralöl, das 2011 33,8 % des Primärenergiebedarfs deckte. Es folgt mit 20,6 % Erdgas, 12,6 % Steinkohle und Braunkohle mit 11,7 %. Erneuerbare Energien trugen 10,8 % bei, die Kernkraft 8,8 %. 1,7 % entfallen auf den Stromaustauschsaldo und die restlichen Energieträger.

-Die Stromimporte haben 2011 zugenommen, die Exporte abgenommen. Deutschland bleibt aber mit einem Überschuss von 5 TWh (Terawattstunden) Stromexporteur. swe

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, vorläufige Angaben

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