27.01.2012
"Eliteförderung ist für Industrienation ein Muss"
Bildung: Ein Förderprogramm von Gesamtmetall und Fraunhofer wendet sich an hochbegabte Schüler aus den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Zunächst gilt die Hilfe nur für die Schulzeit, später soll sie auch das Studium betreffen.
VDI nachrichten, Berlin, 27. 1. 12, ws
Simone ist 14 Jahre alt, Gymnasiastin aus Aachen, und sie freut sich sichtlich. „Endlich kann ich die Arbeit von echten Mathematikern kennenlernen“, sagt sie. „Und ich werde mathematische Inhalte kennenlernen, die weit über den Schulstoff hinausgehen.“ Auch Konrad, 15, strahlt. „Ich werde in den Fachbereich Chemie hineinschauen, der mich sehr interessiert“, sagt der Gymnasiast aus Frankfurt an der Oder. „In der Schule ist wegen der Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre leider ein Praktikum weggefallen. Das kann ich so ausgleichen.“
Simone und Konrad sind zwei von 25 besonders begabten Schülerinnen und Schülern, die in den kommenden Jahren in den Genuss des Förderprogramms „Fraunhofer MINT-EC-Talents“ kommen werden, das zum ersten Mal aufgelegt wird. Mit dieser gemeinsamen Initiative möchten der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die Fraunhofer Gesellschaft heiß begehrte Nachwuchskräfte aus den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern (kurz: MINT) aufspüren und unterstützen – und nicht zuletzt auch für sich selbst als potenzielle künftige Arbeitgeber werben.
Der Kampf um die Köpfe ist hart und wird in den kommenden Jahren noch härter. Das bekommen die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie unmittelbar zu spüren. Dies ist einer der Gründe, warum aus dem Umfeld des Dachverbands vor einigen Jahren der Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen (MINT-EC) gegründet wurde. Dieser Verein hat inzwischen ein Netzwerk aus 147 Gymnasien mit naturwissenschaftlich-mathematischer Ausrichtung im gesamten Bundesgebiet geknüpft.
Aus diesem Pool von 100 000 Schülern sind in einem zweistufigen Auswahlverfahren die Schüler für das spezielle Förderprogramm ausgewählt worden. Derzeit sind sie alle in der zehnten Klasse und stehen damit unmittelbar vor Eintritt in die verkürzte Oberstufe.
Am vergangenen Wochenende trafen sich die sieben Schülerinnen und 18 Schüler des ersten Jahrgangs in Berlin. Bis zu ihrem Abitur werden sie an mehreren Fachworkshops teilnehmen, bei denen sie sich unter Anleitung von Experten mit speziellen Themenbereichen intensiv befassen werden. Mathematik und Chemie sind die Fächer des ersten Jahrgangs dieses Förderprogramms, künftig sollen auch andere Naturwissenschaften berücksichtigt werden.
Ein thematischer Schwerpunkt für die Mathematiker ist mathematisches Modellieren und Scientific Computing, während sich die Chemiker mit Fügetechnik befassen werden. Aber auch „weiche“ Fähigkeiten wie Kommunikation, Kreativitätstechniken und Fragen des Projektmanagements stehen auf dem erweiterten Lehrplan. Außerdem nehmen die Stipendiaten am Wettbewerb „Jugend forscht“ teil.
Das Programm soll künftig jährlich stattfinden. Die Veranstalter planen eine zweite Programmstufe, in der die Teilnehmer auch im Studium und sogar bis zur Promotion gefördert werden sollen. „Wir setzen nicht auf Schnellschüsse, sondern auf ein nachhaltiges und hochwertiges Engagement“, sagt Hauptgeschäftsführerin Gabriele Sons von Gesamtmetall.
Das „Fraunhofer MINT-EC-Talents“-Programm wendet sich an Hochbegabte. Die üblichen Einwände gegen die Begabtenförderung lassen die Veranstalter nicht gelten. „Eine gezielte Eliteförderung im naturwissenschaftlichen Bereich ist für eine Industrienation heute unverzichtbar“, so Burkhard Jungkamp, Bildungsstaatssekretär in Brandenburg, und von Hause aus Mathematiker. Jungkamp nahm als Vertreter der Kultusministerkonferenz an der Kick-off-Veranstaltung in Berlin teil – die KMK hat die Schirmherrschaft über das Programm übernommen.
Mit diesem begrüßenswerten Förderprogramm möchte Gesamtmetall einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Viel persönliches Engagement auch seitens der beteiligten Fraunhofer-Institute steckt in dem Projekt. Hauptfinanzier des MINT-EC-Programms ist Gesamtmetall – mit einem Betrag von 250 000 € pro Jahr. Eine Summe, die in ihrer Bescheidenheit nachdenklich macht. Was wäre wohl alles möglich, wenn im Bildungsbereich endlich mal nicht mehr gekleckert, sondern geklotzt werden würde?
JOHANNES WENDLAND
www.mint-ec.de