03.02.2012
Energieeffizienz - die neue Betriebskultur
Energieberatung: Energieeffizienz bringt eine gefragte Kaste von Spezialisten hervor, in deren Sog neue Netzwerke, Schulungen und Zertifizierungen entstehen.
VDI nachrichten, Hannover, 3. 2. 12, ws
Energiesparen ist wie Heilfasten: Es braucht den Willen zu einer neuen Verhaltenskultur. Denn Verschlankung gelingt nur, wenn sie ganzheitlich angegangen wird, Energieverbrauch und Optimierungspotenziale in allen Bereichen und Produktionsabläufen identifiziert, Kosten und Nutzen abgeglichen, ökologische Vorgaben berücksichtigt werden und das Vorgehen im Betrieb transparent kommuniziert wird.
Ein Kraftakt, der Expertenwissen besonders von jenen Unternehmen fordert, die auf ein zertifiziertes Energie-Managementsystem und Ausgleich bei der Energiesteuer zielen. Dafür beschäftigten Großbetriebe ganze Mitarbeiterstäbe. Schließlich geht es um sehr viel Geld, entspricht der Energieverbrauch eines Werks wie Daimler in Untertürckheim dem einer mittelgroßen deutschen Stadt. KMU allerdings fehlt oft die Kapazität, um Energieeffizienz mit eigenen Beschäftigten erfolgreich zu steigern.
Dafür stehen externe Profis bereit, beratende Ingenieurbüros oder Umwelt- und Energiedienstleister wie Ökotec. Initialberatung für KMU bietet auch das Bundeswirtschaftsministerium im Vorfeld einer Investitionshilfe zur Energieeinsparung. Wie komplex das Expertenwissen der neuen Spezialisten ist, betont Ökotec-Geschäftsführer Roland Berger: „Bei unseren Energiesparprojekten verbinden wir ökonomische Aspekte der Kostenreduzierung mit ökologischen Aspekten der Energie- und damit der CO2-Einsparung.“
Dieses externe Know-how zapfen nicht nur kleine Betriebe an, sondern auch weltweit agierende Unternehmen wie die Maschinenbauer Stöber in Pforzheim oder Arburg in Loß.
„Die externe Begutachtung, etwa im Rahmen eines Energie-Audits, kann durch den Blick von außen wertvolle Hinweise für Einsparpotenziale liefern“, erklärt Katja Rische, Referentin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI.
An Standardberatungen, die grundsätzlich Aufgabe von Ingenieurbüros sind, beteiligt sich das ISI nur im Rahmen der 30-Pilot-Netzwerke. Das unter Federführung des ISI laufende Projekt wird fünf Jahre lang vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU gefördert. Jeweils zehn bis 15 Unternehmen, die zwischen 150 000 € und 50 Mio. € jährlich für Energie ausgeben, können sich zu einem lernenden Netzwerk zusammenschließen. Bereits nach drei bis vier Jahren senkten die beteiligten Unternehmen ihre Jahresenergiekosten um durchschnittlich 8 %, berichtet das ISI.
Inzwischen haben sich einige Energieeffizienz-Netze oder -Initiativen etabliert. Den Charme der 30-Pilot-Netzwerke sieht Arne Höllen vom Verband Beratender Ingenieure VBI in der heterogenen Zusammensetzung. „Da lernen Metallverarbeiter von Türenfabrikanten und jeder öffnet jedem neue Perspektiven.“ Und: Die Initiatoren werden intensiv begleitet, interessierte Moderatoren und beratende Ingenieure durch die Leen GmbH bestens geschult. Leen vermittelt grundlegende Methoden zum Vorgehen, zur Berechnung von Einsparpotenzialen, zur Erstellung eines verständlichen Initialberatungsberichts und zur Kommunikation. Ein erfolgreicher Abschluss wird zertifiziert und ist Voraussetzung für die Mitarbeit an den 30 geförderten Netzwerken. Schulungen aber gibt es nicht nur für Netzwerker.
Das Thema Energieeffizienz hat einen republikweiten Studien- und Weiterbildungshype ausgelöst. Auch der Energieberater – bisher kein geschützter Titel – wird akademisiert oder zumindest nach entsprechenden Fernlehrgängen zertifiziert. Die TU Darmstadt etwa hat in Kooperation mit den EW Medien und Kongressen das Qualitätslabel „Energieberater TU Darmstadt“ für ihre Lehrgangsabsolventen (Gebäude-)Energieberatung eingeführt. Der TÜV Süd hat ein Schulungsprogramm Energiemanagement-Fachkraft, -Beauftragte oder -Auditor aufgelegt.
„Aktuelle Weiterbildungsprogramme für Energieberater konzentrieren sich häufig auf den Bereich der Gebäude sowie der Energiebereitstellung“, erklärt Rische.
Sinnvoll sei es, die (Querschnitts-)Themenfelder auszuweiten und eine solide Bildung zu verlangen. Weitsicht und soziale Kompetenzen inklusive. Denn eine zu enge Ausrichtung könne den Blick auf das ganzheitliche Einsparpotenzial verstellen. Und sozialen Analphabeten misslingt, die wichtigste Botschaft zu kommunizieren: Energieeffizienz ist die neue Betriebskultur. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Energieeffizienz ist nicht alles
-Zum Komplex des effizienten und nachhaltigen Produzierens gehört neben Energie- auch Ressourceneffizienz, die Entwicklung von Strategien, z. B. Verfahren ressourcenschonender und nachhaltiger zu gestalten. Dazu bietet das VDI-Zentrum für Ressourceneffizienz Beratung, Förderung, technisches Know-how und Weiterbildung. rkb
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