09.12.2011

Entschleunigung als Training für die Seele

Coaching: Ständige Erreichbarkeit, wachsender Zeitdruck: Viele Menschen sehnen sich nach Entschleunigung. Die Stille bekommt einen neuen Reiz. Bislang oft verschmähte Reiseziele locken immer mehr Stressgeplagte an. Und auch Coaches stellen sich auf geänderte Bedürfnisse ihrer Klienten ein.

VDI nachrichten, München, 9. 12. 11, cer

Der Unternehmensgründer, der jeden Samstag im Wald Tiere beobachtet, oder der Professor, der von seinem Audi in eine "Ente" umsteigt: Möglichkeiten, die Zeit im Alltag ein bisschen anzuhalten, gibt es viele. Doch nur wenigen gelingt es, in der zunehmend beschleunigten Welt ihr Tempo zu drosseln. Immer häufiger beklagen Arbeitnehmer, dem wachsenden Druck im Job nicht mehr gewachsen zu sein.

Diese Gefühle sind nicht eingebildet, sondern z. B. der Veränderung der Rahmenbedingungen geschuldet, sagt der Hamburger Management-Coach Jörn Ehrlich. "Unsere Gesellschaft gibt den Beschleunigungsmodus vor und beeinflusst somit die Lebensgestaltung und Wertvorstellung des Einzelnen", sagt Ehrlich. "Zum Beispiel haben sich der früher geltende Zeittakt einer geregelten Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr aufgelöst. Die gesellschaftlich vereinbarten Ruheräume werden immer kleiner - man kann am Samstag bis 22 Uhr einkaufen, und durch das Smartphone gibt es keinen wirklichen Feierabend und kein klar geregeltes Wochenende mehr." Seinen eigenen Bedürfnissen nachzuspüren oder Probleme in der Tiefe zu durchdenken - diesen Raum nehmen sich viele Menschen nicht mehr.

"Die Menschen sind im übertragenen Sinne ,außer sich? und verlieren sich vor lauter Ablenkungen selbst aus den Augen", fasst es Coach Ursula Hinkel zusammen. "Ich sehe das Problem, dass viele nicht mehr anhalten können - die Muster ähneln meines Erachtens denen einer Sucht." So erinnert sie sich an eine junge Frau in ihrer Praxis, "die es nicht geschafft hat, fünf Minuten ruhig zu sitzen, ohne ständig auf ihr Handy zu schauen". Doch Hinkel weiß auch, dass "man sich nur bis zu einem gewissen Punkt ständig beschleunigen kann - irgendwann ist man am Limit".

Wie dieses Limit aussieht, ist individuell verschieden, sagt Jörn Ehrlich. "Zunächst gibt es nur wenige Menschen, die sagen, mein Leben ist zu schnell - so arbeitet die Psyche nicht. Stattdessen passt sie sich an die Verhältnisse an und arrangiert sich solange wie möglich. Leider führt diese Unkenntnis über kurz oder lang dazu, dass der Mensch erschöpft und krank wird." Wenn Klienten, die von einem Unternehmen zu V.I.E.L.-Coaching und Training geschickt wurden, dann vor ihm sitzen, äußern sie sich über Probleme mit dem Team, Druck in Projekten oder Schwierigkeiten, ihre Führungsansprüche durchzusetzen. "Dahinter stecken aber meist die Ansprüche der Shareholder oder immer kürzere Innovationszyklen, die realistisch eingeschätzt zum Teil nicht umsetzbar sind", erklärt Ehrlich. "So entstehen Zeitdruck und eine Spannung, die viele Menschen inzwischen nachdenklich stimmt." Spannung und Unzufriedenheit entstehen außerdem, wenn "die Schere zu groß wird zwischen dem, was ich als Privatperson von meinem Leben erwarte und dem, was ich im Beruf vorfinde", so Ehrlich.

Auch die "Bewusstlosigkeit", wie Lutz Hertel diesen Zustand nennt, trage zu der Beschleunigung des Einzelnen bei. "Die vielen kleinen Dinge, die man ohne Bewusstsein aneinanderreiht, ergeben schließlich ein Zuviel", weiß der Diplom-Psychologe und Vorsitzende des Deutschen Wellnessverbands. Dieses Zuviel schlägt sich offenbar auch auf den Krankenstand in den Unternehmen nieder. Laut Untersuchung des BKK-Bundesverbands steigen die Fehlzeiten der Arbeitnehmer kontinuierlich an, vor allem der Anteil der psychischen Erkrankungen als Grund für das Fernbleiben vom Arbeitsplatz steigt. Zwar habe sich im Zuge der aktuellen Burnout-Diskussion die Wahrnehmung der Risiken in den Unternehmen und auch bei den Beschäftigten verändert, "allerdings noch nicht die Umsetzung", sagt Hertel.

Der Experte für Gesundheitsmanagement sieht den Schlüssel für die Entschleunigung in der eigenen Lebensphilosophie: "Sie können sich dafür entscheiden, den Wahnsinn weiter mitzumachen, oder Sie können aussteigen - das heißt aber auch, dass Sie die Kontrolle und die Verantwortung für Ihr Leben übernehmen müssen", so Hertel. "Dazu gehört vor allem, nicht nur den Körper regelmäßig zu trainieren, sondern auch die Seele."

Etwas an den eingeschliffenen Mustern zu verändern sei jedoch für viele so schwierig, weil sie dann heraus müssten aus ihrer "Komfortzone", so Hinkel. Zudem machten viele Klienten bei einem Ausdruck wie "Work-Life-Balance" gleich dicht und seien innerlich gar nicht mehr offen für Veränderungen. Jörn Ehrlich hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Um etwas bei einem Klienten zu verändern, muss ich unter anderem auf die Wahrnehmungsgewohnheiten, seine Glaubenssätze und seine Werthaltungen schauen, diese bewusst machen und gegebenenfalls einer Überprüfung unterziehen."

Erfolgscoach Brigitte Jülich aus Dortmund hat vor einigen Jahren das Kloster als ideale Umgebung für Seminare entdeckt. Seit 2005 bietet sie Klosterreisen für kleine Gruppen an. Brigitte Jülich hat auf den Reisen beobachtet, dass die Mitglieder ihrer fünf- bis siebenköpfigen Gruppen müder geworden sind, als noch vor ein paar Jahren. "Die Komplexität im Leben ist angestiegen, viele erkennen dabei ihre Grenzen nicht mehr." Inzwischen hat sie deshalb ihre Seminarinhalte reduziert und dosiert die Inhalte nun über den Tag verteilt.

Nicht nur Coaching-Interessierte zieht es in die Einsamkeit der Klöster. "Viele Großunternehmen suchen inzwischen bewusst reduzierte Tagungsorte, an denen Nachhaltigkeit und Wertigkeit eine große Rolle spielen", erzählt Horst Ermert, Geschäftsführer der VCH (Verband Christlicher Hoteliers e.V.) Hotels Deutschland GmbH. Reduziert, das heißt für die angeschlossenen Partnerhotels, die zu 70 % der Kirche zugehören, etwa kein Telefon oder Fernsehgerät auf dem Zimmer. "Alle Häuser haben einen Raum der Stille, der nicht religionsgebunden ist", erklärt Ermert. "Wir spüren, dass die Nachfrage steigt", berichtet Ermert. So würden inzwischen Häuser bevorzugt an Zielen gebucht, die sonst nicht so einfach zu vermitteln seien.

  SIMONE FASSE

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