17.02.2012

"Entsprechende Strukturen können nicht aus dem Boden gestampft werden"

Maschinenbau: Einen erheblichen Anteil an Deutschlands aktuellen Rekordexportzahlen hat der Maschinenbau. Generell ist die Branche gut für reife Volkswirtschaften geeignet. Das sagt Hans-Günther Vieweg vom Ifo-Institut in München. Der Experte für europäische Industrieforschung hat die Wettbewerbsfähigkeit der Branche untersucht. In „zyklischen Rückschlägen“ beim Wachstum sieht er keinen Grund zur Sorge. Bei den politischen Rahmenbedingungen identifiziert er allerdings Unsicherheiten hinsichtlich zusätzlicher Belastungen und Nachwuchsfragen.

VDI nachrichten, München, 17. 2. 12, ciu

VDI nachrichten: Herr Vieweg, Sie haben die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Maschinenbauindustrie im Vergleich zu den USA, Japan und China untersucht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Vieweg: Die Studie für die Europäische Kommission belegt, dass der Maschinenbau für entwickelte Volkswirtschaften eine wichtige Rolle spielt, um im globalen Wettbewerb erfolgreich zu sein. Nicht nur in der EU, sondern auch in Japan und in den USA liegt ein Schwerpunkt der industriellen Aktivitäten im Maschinenbau. Die hochgradig differenzierte Arbeitsteilung zwischen spezialisierten Unternehmen aus der Branche und aus vorgelagerten Industrien ist für reife Volkswirtschaften ein großer Wettbewerbsvorteil. Denn entsprechende industrielle Strukturen können nicht aus dem Boden gestampft werden. Sie verlangen eine organische Entwicklung.

Um die Ergebnisse besser verstehen zu können, welche Bereiche fassen Sie unter dem Begriff „Maschinenbau“ zusammen?

Der Maschinenbau ist der Kern der Investitionsgüterindustrie. Er stellt Maschinen und Ausrüstungen für Abnehmerbranchen des produzierenden Gewerbes und den Dienstleistungssektor her. Hierunter fallen Investitionsgüter für Produktionsprozesse in einzelnen Branchen, z. B. Baumaschinen und Textilmaschinen. Der Maschinenbau liefert darüber hinaus Geräte und Systeme für den immer wichtiger werdenden Bereich der inner- und überbetrieblichen Logistik. Komplette Kraftwerke sind ebenso im Lieferprogramm enthalten wie Maschinen für die Bearbeitung kleinster elektronischer Bauteile. Außer diesen Enderzeugnissen werden auch die notwendigen Schlüsselkomponenten von spezialisierten Herstellern produziert, die eine wesentliche Voraussetzung für die herausragenden Eigenschaften von Maschinen und Ausrüstungen europäischer Provenienz sind.

Der Maschinenbau wurde in letzter Zeit immer mehr als eine Art „old economy“ gesehen. Da überraschen die Ergebnisse Ihrer Studie.

Die Messsysteme der Ökonomen haben die Innovationskraft des Maschinenbaus nie ausreichend abgebildet. Der technische Fortschritt in der Branche basiert zu wesentlichen Teilen auf ingenieurwissenschaftlicher Arbeit, auf der Erarbeitung innovativer Prozesse für seine Kunden. Dieser Aufwand ist jedoch nur ein Teil der Ausgaben für Forschung & Entwicklung, die von Ökonomen zur Klassifikation von Hightechbranchen verwendet wenden. Eine wichtige Funktion des Maschinenbaus liegt zudem in der Diffusion von Hochtechnologien über die gesamte Breite seiner Kundenindustrien durch spezifische Entwicklungen. Dieses „Enabling“ unterstreicht die Bedeutung des Maschinenbaus im Branchenportfolio reifer Volkswirtschaften.

Was hat der Maschinenbau einer modernen Volkswirtschaft zu bieten?

Lassen Sie mich beim Enabling beginnen. Der Maschinenbau ist der Lieferant von prozesstechnischem Know-how. Seine Produktinnovationen tragen zur Steigerung der Produktivität in den Abnehmerindustrien bei, stärken deren Wettbewerbsfähigkeit und schaffen hierüber Wohlstand. Sein Beitrag zur Ressourceneffizienz, Reduzierung von Treibhausgasen und zu nachhaltigem Wirtschaften hat eine lange Tradition, die weiter zurückreicht als das politische „Ergrünen“ in den frühen Achtzigern.

Der Maschinenbau bietet Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen nicht nur in F&E, sondern auch in der Produktion. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Qualifikationsniveau kräftig gestiegen. Dieser Trend setzt sich fort. Somit kommt der Maschinenbau dem zunehmenden Wunsch nach abwechslungsreicher, interessanter Arbeit entgegen.

Der Außenhandel mit Maschinenbauerzeugnissen weist nicht nur für Europa, sondern auch für die USA und Japan Handelsüberschüsse aus, während der Handel mit anderen Industrieerzeugnissen für alle drei Volkswirtschaften ein Defizit aufweist, das sich tendenziell ausweitet. Der Maschinenbau trägt wesentlich zur Reduzierung dieses Defizits bei. Für Europa ist der Handelsüberschuss des Maschinenbaus gegen den allgemeinen Trend gestiegen. 2010 betrug er 119 Mrd. €, während das Handelsdefizit ohne den Maschinenbau 275 Mrd. € erreicht hatte.

Unter der Finanzkrise hatte auch der Maschinenbau gelitten. Wie sehen Sie seine Zukunft?

Die Nachfrage nach Maschinenbauerzeugnissen ist wie bei anderen Investitionsgüterbranchen stark zyklisch. Die rasche Erholung und der Wiederanstieg der Produktion 2010 und 2011 signalisiert eine weltweit robuste Investitionsneigung, die dem Maschinenbau ein hohes Wachstumspotenzial bietet. Allerdings müssen die Unternehmen weiter daran arbeiten, ihren Marktzugang in Übersee auszubauen. Zyklische Rückschläge sind auf dem Wachstumspfad nicht auszuschließen, sollten aber das Vertrauen in die langfristigen Perspektiven nicht trüben.

Wie steht der europäische Maschinenbau im Wettbewerb da?

Der europäische Maschinenbau ist führender Anbieter auf dem Weltmarkt. Seine Wertschöpfung erreichte 2010 einen Wert von Mrd. 157,5 € und übertraf die Werte der Konkurrenz aus den USA und Japan um 53 % bzw. 138 %. Einzig der Maschinenbau Chinas hat zuletzt wertmäßig das Niveau Europas erreicht. Mit Blick auf die Qualität, den technischen Stand und die Systemkompetenz verbietet sich ein Vergleich in der Breite.

Der europäische Maschinenbau ist gleichfalls führender Anbieter im internationalen Handel mit einem Anteil von 37 %. 2000 waren es nur 34 %. Die USA und Japan folgen mit 17 % und 16 %. Der europäische Maschinenbau hat seine Stellung auf den Weltmärkten im letzten Jahrzehnt ausbauen können. Dies ist bemerkenswert, da China in diesem Zeitraum seinen Anteil von 3 % auf 12 % ausgeweitet hat. Die USA und Japan haben dagegen Anteilsverluste hinnehmen müssen.

Gilt diese positive Einschätzung für alle Bereiche gleichermaßen?

Zurzeit noch. Der Maschinenbau ist vertikal integriert und benötigt für seine Produktion Erzeugnisse aus vorgelagerten vielfach energieintensiven Branchen. Aufgrund hoher Energiekosten und der Unsicherheiten über weitergehende Belastungen im Rahmen der europäischen und nationalen Energiepolitiken ist daher eine zunehmende Investitionszurückhaltung in energieintensiven Branchen festzustellen. Dies birgt die Gefahr, dass das gegenwärtig noch wettbewerbsfähige Cluster der Metall- und Elektroindustrie mit dem Maschinenbau im Zentrum an Stärke verliert. Populistischen Forderungen, energieintensiven Branchen, die schon aus Wettbewerbsgründen zu einer hohen Energieeffizienz gezwungen sind, zusätzlich die Kosten der Energiewende aufzubürden, darf zum Wohle der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Maschinenbaus nicht nachgegeben werden.

Die Unternehmen werden ja nicht müde, auf diese Gefahr hinzuweisen. Wie reagiert die Politik?

Dieses Zukunftsrisiko ist für die Politik gegenwärtig noch nicht in vollem Ausmaß zu erkennen, da Produktionsstätten bisher nur in Ausnahmefällen hier abgebaut und andernorts wieder aufgebaut wurden. Dies liegt aber nicht an im internationalen Wettbewerb akzeptablen Rahmenbedingungen, sondern an den „sunk costs“. Die Investitionen der Vergangenheit sind bei einer Verlagerung auf den Schlag obsolet. Die Entscheidungen für Neuinvestitionen werden dagegen in Abhängigkeit lokaler Rahmenbedingungen getroffen, sodass sich über Jahre kumulativ ein Verlagerungsdruck aufbaut.

Gibt es dafür konkrete Beispiele?

Eklatant ist das Problem beispielsweise bei neuen Werkstoffen, für die Standortentscheidungen zum Aufbau von Kapazitäten anstehen. Ein konkretes Beispiel sind kohlenstofffaserverstärkte Verbundstoffe, kurz CFK, die im Flugzeugbau schon breiten Einsatz gefunden haben und die künftig den Leichtbau im Automobilbau beflügeln könnten. Es steht zu befürchten, dass – obwohl Europa in diesem Technikbereich eine weltweit herausragende Stellung einnimmt – zunehmend Standortentscheidungen für Übersee getroffen werden, wenn die Politik den Bedürfnissen energieintensiver Branchen nicht Rechnung trägt. Die Konkurrenzfähigkeit des Maschinenbaus würde darunter leiden.

Ziel Ihrer Studie war es unter anderem herauszufinden, wie der europäische Maschinenbau wettbewerbsfähiger werden könnte. Was müssten die Unternehmen tun, um ihre Zukunft zu sichern?

Eine große Chance bietet die Fokussierung auf Dienstleistungen. Hier besitzt Europa komparative Vorteile durch eine Tradition des interdisziplinären Arbeitens. Die Maschinenbauer müssen sich vermehrt die Frage nach den Bedürfnissen der Kunden stellen, um Komplettlösungen anbieten zu können. Beispielsweise ist das Contracting ein sehr weitgehendes Angebot an die Kunden: Sie kaufen nicht ein technisches System, sondern die damit erzielte Dienstleistung, etwa die für den Produktionsprozess notwendige Druckluft anstatt der hierfür notwendigen Kompressoren.

Darüber hinaus könnten sie Dienstleistungen über den gesamten Lebenszyklus einer Maschine oder eines Fertigungssystems entwickeln, die von der Wartung, das technische Upgraden über die Reparatur bis hin zum Recycling reichen. Dies könnte sogar neue Impulse für den Innovationsprozess von Maschinenbauern bringen.

Welche Rahmenbedingungen müsste die Politik schaffen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?

Es müsste vor allem die Ausbildung deutlich verbessert werden. Ich lasse den gesamten Bereich der Technologiepolitik heraus, da dies ein eigenständiges Thema ist.

Im Maschinenbau geht es nicht nur um Qualifikationen im akademischen Bereich. Die Leistungserstellung im Maschinenbau, wie in vielen anderen Industriebranchen, lebt vom Zusammenspiel unterschiedlicher Qualifikationsniveaus, der Verbindung von Grundlagenforschung mit der ingenieurwissenschaftlichen Umsetzung in innovative Produkte und deren Herstellung durch qualifizierte Industriearbeiter. Entsprechende Initiativen sind auch geeignet, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Es müssen Anreize für die Ausbildung in technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen gegeben werden. Die gegenwärtige Fehlallokation von Humanressourcen in der akademischen Ausbildung ist angesichts der demografischen Entwicklung nicht tragbar. Die aktuelle, sich weiter verschärfende Situation schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der Branche und führt zu einer Verlagerung von werthaltigen Prozessen, selbst von Forschung & Entwicklung. Jugendliche, die sich den besonderen Herausforderungen der sogenannten MINT-Fächer – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – stellen, sollte eine besondere Förderung zugutekommen.

Wie erklären Sie die unterschiedlichen Entwicklungen in den USA, Japan und Europa?

Europa hat im Vergleich mit den USA und Japan im Maschinenbau ein sehr breites Produktspektrum. Europäische Unternehmen sind stärker systemorientiert und das Angebot von Komplettlösungen spielt für spezifische Anwendungen eine größere Rolle. Damit steht der europäische Maschinenbau weniger in der Konkurrenz von Schwellenländern, die mit der Produktion von Maschinen – aber nicht von Komplettlösungen – auf den Weltmarkt drängen. Hinzu kommt, dass sich das Angebot der europäischen Maschinenbauer mit dem Bedarf sich industrialisierender Schwellenländer trifft.

Was ist in den USA dagegen anders?

Die USA haben einen Großteil ihrer industriellen Basis verloren. Das Land verfügt zwar über außergewöhnliche naturwissenschaftliche Spitzenleistungen, das Qualifikationsniveau in der Breite der Bevölkerung ist allerdings nur mäßig. Dies macht die Umsetzung von Erkenntnissen aus der Hochtechnologie in innovative Produkte schwer. Während dies für die Herstellung von Massenerzeugnissen der Informations- und Kommunikationstechnik, für die es weltweit geeignete Produktionsstätten gibt, weniger ein Problem ist, wiegt dieser Nachteil im Maschinenbau jedoch schwer. Denn für ihn ist auch im Zeitalter der Globalisierung aufgrund einer vorherrschenden Kleinserien- und Einzelfertigung – aber auch aufgrund der Qualifikationsanforderungen in der Produktion – eine räumliche Nähe von Entwicklung und Fertigung zumeist von Vorteil.

Sind die Japaner besser aufgestellt?

Ja. Japan leidet zwar mit seinen heimischen Produktionsstätten besonders unter dem starken Yen. Dennoch bleibt der japanische Maschinenbau technologisch der wichtigste Konkurrent für Europa, wozu auch die technologische Stärke Japans in vorgelagerten Branchen beiträgt. Der japanische Maschinenbau hatte schon Mitte der Achtzigerjahre in internationale Netzwerke investiert, er entwickelt und produziert in wichtigen Absatzmärkten. Seine Wettbewerbsposition ist besser, als sie durch den internationalen Handel allein widergespiegelt wird.

Der asiatische Markt gewinnt zunehmend an Bedeutung. Können die europäischen Hersteller von dem Wachstum in China profitieren?

Ja. Gemessen an den chinesischen Importen von Maschinenbauerzeugnissen haben die Europäer ein überproportionales Wachstum erzielt. Der europäische Maschinenbau hat stärker als seine Konkurrenten von der chinesischen Nachfrage profitiert.

Trotz des Beitritts Chinas zur Welthandelsorganisation WTO ist der chinesische Markt schwierig. Europäische Hersteller werden meist in Joint Ventures gezwungen und der Schutz geistigen Eigentums ist trotz der Verpflichtungen, die China eingegangen ist, nicht gewährleistet. Dennoch haben europäische Maschinenbauer in China investiert, um auch in Zukunft von dem weltweit am stärksten wachsenden Markt zu profitieren.

Welche Rolle spielen die dynamisch wachsenden Märkte in Übersee für die Zukunft des europäischen Maschinenbaus?

Sie sind für den Erfolg der Branche entscheidend. Der europäische Maschinenbau hat auf allen wichtigen Auslandsmärkten seine Stellung im letzten Jahrzehnt verbessern können. Er hat gute Voraussetzungen geschaffen, um vom weltweit hohen Wachstumspotenzial auch in Zukunft profitieren zu können. Diese Impulse aus Übersee müssen genutzt werden, um die längerfristig schwachen Perspektiven in Europa kompensieren zu können, die sich infolge der Finanz- und Staatsschuldenkrise eingetrübt haben.

Was bedeutet die wachsende Konkurrenz aus den Schwellenländern in Übersee für die neuen Mitgliedsländer der EU?

Die neuen Mitgliedsstaaten haben über viele Jahre von der im europäischen Vergleich guten Preiswettbewerbsfähigkeit profitiert. Im Zusammenhang mit der zunehmenden internationalen Arbeitsteilung müssen diese Länder, die zum Teil über gute Rahmenbedingungen für den Maschinenbau verfügen, sich neu positionieren und technische Stärken ausbauen. China ist hier der Benchmark mit einem Maschinenbau, der eine vergleichbar hohe Produktivität wie in den neuen Mitgliedsstaaten aufweist, aber aufgrund wesentlich niedrigerer Arbeitskosten eine günstigere Preisposition besitzt. HANS SCHÜRMANN


Hans-G. Vieweg 

-Hans-Günther Vieweg ist Jahrgang 1946.

-Er ist seit 1979 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

- Seit 2005 ist er stellvertretender Bereichsleiter „Internationale Branchenstudien“.

-Der Industrieökonom ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen. SH

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