27.01.2012
"Entwickler brauchen Freiheit für kreative Lösungen"
Telekommunikation: Die Adva AG Optical Networking entwickelt Lösungen für die schnelle Datenübertragung – und das äußerst erfolgreich. Das liegt nicht zuletzt am Führungsstil der Unternehmensleitung, die Wert auf die Mitarbeiterkultur legt. Christoph Glingener, einer der vier Vorstände, verkörpert eine neue Chefgeneration. Berührungsängste kennt er nicht, im Gegenteil: Er sucht das Gespräch mit den Mitarbeitern und verschafft ihnen Freiräume.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 27. 1. 12, rb
Ein Gesprächstermin mit dem Technik-Vorstand? Kein Problem, den bekommen Pressevertreter recht schnell und noch schneller die Mitarbeiter von Adva. Christoph Glingener ist kein Mensch, der für sein Selbstwertgefühl ein Sekretariat benötigt, das dem Fragenden zu verstehen gibt, wie wichtig der Chef und wie unbedeutend man selbst ist. Seine Tür steht jedem offen, der mit ihm sprechen will. Hierarchien sind dem großgewachsenen Mann nicht wichtig, und so ist es für ihn selbstverständlich, dass er sich mit allen Kollegen duzt.
Auf Glamour legen die vier Adva-Vorstände keinen großen Wert, öffentlichkeitswirksame Auftritte sind ihre Sache nicht. Und während ehemalige Garagenfirmen wie Apple oder Google mit repräsentativen Firmensitzen ihren wirtschaftlichen Erfolg demonstrieren – durchaus mit fantasievollen Bezeichnungen wie Googleplex oder Spaceship Campus –, bleibt man beim Telekommunikationsausrüster Adva bodenständig und belegt einige Etagen in einem Bürobau, der ohne architektonischen Schnickschnack auskommt.
Sicher, Geräte wie iPhone und iPad begeistern die Öffentlichkeit, und wenn jemand schnell eine Information benötigt, dann wählt er ohne groß nachzudenken die weltbekannte Suchmaschine. Nicht vergessen sollte man dabei: Der Wert der „Gadgets“ steht und fällt mit realen Leitungen: Im Internet surfen, Filme im Streaming angucken, Musik herunterladen, Videokonferenzen abhalten, Projektdaten gemeinsam bearbeiten, große Datenmengen an leistungsfähige Rechenzentren schicken – ohne schnelle Netze mit geeigneter Übertragungstechnik wäre das nicht möglich.
Genau daran arbeitet Adva. Zu den Innovationen des Mittelständlers gehört die Kombination von glasfaserbasierter optischer Technologie und „Ethernet”, einer Technik, die für schnellen Austausch von Datenpaketen sorgt und ursprünglich nur für lokale Netzwerke gedacht war. Dank einer intelligenten Software läuft der Datentransfer automatisiert.
Auf die Adva-Mitarbeiter wartet noch jede Menge Arbeit. Denn die Web-2.0-Welt verspricht neuartige Virtualisierungstechnologien, Daten-, Sprach- und Videoanwendungen und gemeinsam genutzte Plattformen. All diese Applikationen benötigen eine größere Bandbreite und hohe Übertragungsgeschwindigkeiten. Das gute alte Kupferkabel kann schwerlich mithalten. Ein Ausbau der Glasfaserinfrastruktur ist unerlässlich, ohne diese Datenautobahnen würden die digitalen Vehikel wie Sportwagen auf engen Landstraßen herumholpern.
Mit optischen Technologien kennt sich Christoph Glingener aus, bereits für seine Promotion zum Thema Hochfrequenztechnik hat er sich damit beschäftigt. „Für die optische Datenübertragung interessierte sich damals kaum jemand“, erinnert sich der 43-Jährige.
Glücklicherweise gab es mit Siemens ein Unternehmen, das entgegen dem allgemeinen Trend auf Übertragungstechnologien per Glasfaserkabel setzte und ein großes Forschungslabor in München betrieb. Ende der 1990er-Jahre sammelte der Ingenieur dort erste Industrieerfahrung.
Mit dem sogenannten optischen Wellenlängenmultiplexing (WDM), einem Verfahren, mit dem die Kapazität eines Lichtwellenleiternetzes besser ausgenutzt wird, erreichten seine Kollegen und er Datenraten von mehreren Gbit/s. Andere Unternehmen schafften damals höchstens 10 Mbit/s.
Glingeners Karriereweg führte vom Forschungs- über den Team- zum Abteilungsleiter, zudem übernahm er die technologische Verantwortung für alle optischen Produkte. In dem großen Industrieunternehmen lernte er, wie man Ideen in gute Produkte überführt. Einfachheit, Differenzierung (Zitat Glingener: „Ich muss nicht etwas entwickeln, das für die ganze Welt passt“) und Automation im Sinne von „Plug&Play“ – das ist das, was er unter Innovation versteht.
2001 wechselte der Experte für optische Netze zu Marconi. Einer der Gründe war sicher sein Unternehmergeist. „Mein erstes Unternehmen habe ich mit 14 Jahren gegründet. Schwerpunkt waren Verstärker und Soundsysteme. Damit habe ich Discos ausgestattet“, lächelt der Musikliebhaber.
Marconi, der Kommunikationsausrüster mit Sitz in London, bot ihm die Chance, ein virtuelles Start-up aufzubauen und dabei die Vorteile eines Großunternehmens mit seiner Beschaffung und etablierten Vertriebsstrukturen zu nutzen. So konnte er seinen unternehmerischen Drang ausleben und sich mit einem Team seiner Wahl auf die Produktentwicklung konzentrieren.
Als die britische Traditionsfirma 2006 vom schwedischen Konkurrenten Ericsson übernommen und umgekrempelt wurde, wechselte Glingener zu Adva. Den Ausschlag gab für ihn die internationale Ausrichtung des Mittelständlers.
Als Erstes hat er Forschung und Entwicklung eng mit der Produktentwicklung verzahnt. Da Adva kontinuierlich gewachsen ist, „gab es zu dem Zeitpunkt viele Standorte, aber wenig gemeinsame Prozesse und unterschiedliche Werkzeuge“. Also setzte er sich ins Flugzeug, besuchte die regionalen Büros und brachte die Führungskräfte zusammen, um Veränderungen anzustoßen.
Als Verantwortlicher für die Produktstrategie möchte er, dass die Kunden Lösungen erhalten, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Standardprodukte kommen nicht infrage. So kann es sein, dass die Entwickler „ein Feature 30- bis 40-mal ändern, bis es passt“. Natürlich will sich die Firma mit dieser Geschäftsstrategie von den Wettbewerbern absetzen – und auch Gewinne machen.
Bei allem Erfolg vergessen die Chefs nicht, wer das Unternehmen trägt: „Unsere Mitarbeiter sind das größte Kapital“, betont Glingener. Dem Ingenieur ist hierbei noch etwas anderes wichtig: „Entwickler brauchen Freiheit, um kreative Lösungen zu finden, und Führungskräfte, die ihnen diese gewähren“ – so wie sie ihm gewährt wurde.
Dabei kommt ihm zugute, dass er den Dialog sucht, mit den Kollegen kommuniziert. Das hilft ihm bei seinem Anliegen, hineinzuhorchen ins Unternehmen, um zu erfahren, „was läuft nicht gut, was können wir verbessern“. Glingener sieht sich als Teamspieler. Das bedeutet auch, „wenn jemand einen Fehler macht, finden wir gemeinsam eine Lösung“. Bestätigung, dass dieser Führungsstil ankommt, erhält er von anderer Seite. „Er strahlt Vertrauen aus. Er will einem Gutes“, sagt ein Kollege, der ihn lange kennt.
Arbeit ist das eine, doch auch der Spaß sollte nicht zu kurz kommen. Deshalb freut sich der Hobbygitarrist, dass die Mitarbeiter gemeinsam Musik machen. Das fördert das Miteinander und die Kreativität. Wer sich die Videos der Adva-Leute auf Youtube anschaut, merkt, mit welcher Begeisterung sie sich für den internationalen Adva-Bandcontest bewerben. Jedes Jahr prämiert die Unternehmensleitung die beste Show, und die Gewinner dürfen live vor der versammelten Führungsriege auftreten.
Ebenso unbeschwert können die Beteiligten in ihre berufliche Zukunft blicken. Für den Bereich Übertragungstechnik wird ein Wachstum im zweistelligen Bereich prognostiziert. Von der Wirtschafts- und Finanzkrise ist Adva nicht betroffen. Christoph Glingener hat allen Grund, optimistisch zu sein. Denn „telefonieren, Daten bearbeiten, E-Mails oder SMS verschicken, das tun die Menschen trotz Krise“.
EVDOXIA TSAKIRIDOU
www.advaoptical.com
Der musikalische Kommunikationsexperte Dr. Christoph Glingener
– wurde 1968 in Sundern im Sauerland geboren.
– verantwortet die Forschung und Entwicklung an sämtlichen Standorten in Europa, USA und China und leitet die Teams für Produktmanagement und Technologie.
– ist Borussia-Dortmund-Anhänger, und wer diesen Umstand darauf zurückführt, dass er 1989 in Dortmund Elektrotechnik studiert hat, ist auf der richtigen Spur.
– hat von 1994 bis 1998 an der Uni Dortmund mit dem Thema: Optische Netzwerke – WDM-Systeme promoviert. Wavelength Division Multiplexing ist ein optisches Frequenzmultiplexverfahren.
– startete seine berufliche Karriere 1998 bei Siemens, ging 2001 zu Marconi, und wechselte 2006 zu Adva, dort ist er seit 2007 Technik-Vorstand.
– spielt Horn und Bassgitarre, mag mit Ausnahme von Techno und Hiphop fast jede Musikrichtung.
– widmet sich in jeder freien Minute seinem Bauernhof an der Nordsee, das heißt, er macht den Umbau, seine Frau kümmert sich um die Pferde. et
Das TecDAX-Unternehmen: Adva AG Optical Networking
- wurde 1994 in München-Martinsried und Meiningen (Thüringen) gegründet, u.a. vom heutigen CEO Brian Protiva. Der Name Adva ist ein Kürzel von Add Value.
- bietet Übertragungstechnik für Telekommunikationsnetze und ist weltweit vertreten. Zu den Entwicklungsstandorten gehören Shenzhen (China), Oslo (Norwegen), Gdansk (Polen), in den USA Richardson (Texas) und Norcross (Georgia). Seit 2011 ist Adva auch in Griechenland and Israel aktiv.
- ist nach eigenen Angaben sowohl Marktführer bei Ethernet-Zugangslösungen als auch Ausrüster von optischen Transportlösungen für Metronetze.
- erwirtschaftet 40 % des Jahresumsatzes mit Infrastruktur- und 30 % mit Ethernet-Zugangsbetreibern, die restlichen 30 % entfallen auf Übertragungstechnik für Unternehmenskunden.
- Zu den Kunden zählen weltweit rund 250 Netzbetreiber und mehr als 10 000 Unternehmen.
- Im Geschäftsjahr 2010 lagen die Umsatzerlöse bei 292 Mio. €, eine Steigerung von über 25 % im Vergleich zum Vorjahr.
- Adva wächst kontinuierlich: Seit der Gründung ist die Zahl der Mitarbeiter von vier auf insgesamt 1275 (Stand: September 2011) gestiegen. et