10.02.2012
Freizeit wird zum Statussymbol
Arbeitswelten: Wie werden wir in Zukunft arbeiten und leben? In einer Studie untersucht das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), wie sich das gesellschaftliche Leben in den kommenden zwei Jahrzehnten entwickeln könnte. Eine Zwischenbilanz stellten die Wissenschaftler im Rahmen des Zukunftsforums 2012 in Stuttgart vor.
VDI nachrichten, Stuttgart, 10. 2. 12, ws
Laut Wilhelm Bauer, dem Direktor des IAO, werden vor allem drei Themenbereiche zukünftige Veränderungen in der Arbeitswelt bestimmen. „Motor sind die sich wandelnden Lebensformen in Beruf und Freizeit, die Integration umweltrelevanter Faktoren in Produktion und Technik sowie die weitere Vernetzung von Information und Kommunikation“, fasste er die ersten Ergebnisse einer Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) zusammen, die sich mit der Gesellschaftsentwicklung in den nächsten zehn bis 15 Jahren beschäftigte. Bauer: „Um zu einem komplexen Bild zu gelangen, ist es wichtig, Einzelkomponenten einer ganzheitlichen Betrachtung zu unterziehen.“
Seit November 2011 haben sich rund 130 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zu dem sich abzeichnenden gesellschaftlichen Wandel geäußert. Bis Ende dieses Jahres soll die Befragung abgeschlossen sein. Bereits jetzt zeigt sich, dass in der Arbeitswelt und im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie die größten Veränderungen zu erwarten sind.
Der Bedarf an flexibler Arbeitszeit wird bis 2025 massiv ansteigen. Als Hauptargument wird der Wunsch nach einer besseren Betreuung älterer Familienangehöriger angeführt. Bürotätigkeiten werden demnach stärker in die heimischen vier Wände aber auch in Arbeitscenter verlagert. „Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die vom eigenen Home Office aus arbeiten, selbstständiger und deshalb auch agiler sind“, erklärte Wilhelm Bauer.
Doch die Verschiebung des Arbeitsplatzes in die Privatsphäre kann gravierende Folgen haben. Skeptiker befürchten schon jetzt eine noch stärkere Überlappung von Berufs- und Privatsphäre. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit wird deshalb von rund 70 % der Befragten als Statussymbol der Zukunft bewertet.
Überhaupt scheint sich ein Trend anzubahnen, der finanzielle Argumente als berufliches Entscheidungskriterium auf die hinteren Ränge verweist. Schon heute würden Menschen zum Teil mehr Wert auf ein angenehmes Arbeitsumfeld legen als auf ein hohes Gehalt. Wilhelm Bauer ist überzeugt: „Unterm Strich bedeuten diese Entwicklungen mehr Flexibilität, Individualität und Selbstbestimmung für den Einzelnen“.
Die digitale Vernetzung spielt dabei eine große Rolle. Telefonkonferenzen und Videobesprechungen ersetzen immer häufiger aufwendige Meetings vor Ort. Bis 2025 – so die Prognose – hat sich die Informations- und Kommunikationstechnologie so weit konsolidiert, dass komplexe Zusammenhänge an großflächigen, berührungssensitiven und digitalen Oberflächen, visualisiert und bearbeitet werden können. 66 % der Befragten sind der Ansicht, dass dann auch der Zeitpunkt gekommen sein wird, an dem jeder sein ganz individuelles Dienstleistungsprofil auf Basis vorhandener Netzinformationen abrufen kann.
Der dritte Schwerpunkt der IAO-Studie beschäftigt sich mit dem Thema „Nachhaltigkeit“. Die Befragung zeigte, dass zwar Einsicht in die Notwendigkeiten des Umweltschutzes besteht, doch bis zur Umsetzung es noch ein Weilchen dauern wird. Der Vorschlag, bis 2025 alle neuen Verwaltungsgebäude energieautark oder zumindest – im Verbund mit anderen – energieneutral zu konzipieren, stieß bei 30 % der Experten auf Zustimmung. Nur 27 % waren der Ansicht, dass bis zu diesem Zeitpunkt alles, was im Bürobereich an Energie und Rohstoffen verbraucht und was recycelt wird, unterm Strich eine ressourcen- und klimaneutrale Bilanz ergeben müsse.
Klaus Töpfer, ehemals Umweltbundesminister und Vorsitzender der Jury des Kyocera-Umweltpreises, wies darauf hin, dass ein Kriterienkatalog für Unternehmen, was Nachhaltigkeit anbelangt, zwar bestehe. Auf Grundlage dessen könnten Lieferketten zurückverfolgt werden. „Doch eine durchgängige Wertung bis hinauf zum Aktienmarkt gibt es nicht“, sagte er und auf das Beispiel China verweisend: „Würde man das verbrauchte Naturkapital dort mitberücksichtigen, wäre die Wachstumsrate des Landes nur noch halb so hoch.“
MONIKA ETSPÜLER