29.04.2011

Für Spezialisten kann Leiharbeit ihr Schmuddelimage verlieren

Arbeitsmarkt: Wenn die Nachfrage nach Fachkräften steigt, könnten Leiharbeitsfirmen hoch qualifizierte Mitarbeiter an sich binden und teuer weiterverleihen. Diese Perspektive sieht der Ökonom Gerhard Bosch von der Universität Duisburg-Essen. Er verlangt die gleiche Bezahlung von Leih- und Stammkräften sowie mehr Transparenz in der Verleihbranche.

VDI nachrichten, Düsseldorf, 29. 4. 11, has

VDI nachrichten: Leiharbeit boomt in Deutschland: 873 000 Zeitarbeiter gab es Anfang des Jahres in Deutschland, 290 000 mehr als vor zwei Jahren. Ist Leiharbeit ein Trend der Zukunft?

Bosch: Das ist noch offen. Vieles hängt davon ab, wie Leiharbeit gestaltet wird im Verhältnis zu anderen Beschäftigungsformen.

Welche Entwicklungen zeichnen sich derzeit ab?

Es könnte zu einer Spaltung des Leiharbeitsmarktes kommen. Heute besteht das dominierende Geschäftsmodell darin, den Unternehmen risikofreie Beschäftigung mit niedrigen Löhnen anzubieten. Bleibt es bei diesem Modell, sehe ich große Expansionsmöglichkeiten. Gleichzeitig könnte Leiharbeit aber auch für gut qualifizierte Kräfte interessant werden.

Warum sollten hoch Qualifizierte zu Leiharbeitsfirmen gehen?

Wenn die Nachfrage nach Fachkräften steigt, könnten Leiharbeitsfirmen gut ausgebildete Mitarbeiter an sich binden und teuer an Unternehmen verleihen. Das gibt es in Deutschland schon heute. Angestellte Ärzte kündigen und gehen zu speziellen Leiharbeitsfirmen, von denen sie sich dann an Kliniken ausleihen lassen, aber zu einem deutlich höheren Gehalt. In Südafrika und in Großbritannien ist das bei Pflegepersonal in Kliniken schon ein Trend. Sie lassen sich von Leiharbeitsfirmen abwerben und gleich wieder zurückverleihen. Ob sich das in größerem Umfang in Deutschland durchsetzt, hängt davon ab, wie knapp bestimmte Arbeitskräfte sein werden.

Sie rechnen mit einer Zweiklassengesellschaft bei Leiharbeit?

Das ist nicht auszuschließen. Für Spezialisten könnte die Verleihung von gut Qualifizierten sogar zum Regelgeschäft werden. Wenn ein Industrieunternehmen ein Kraftwerk baut, braucht es vielleicht für zwei oder drei Jahre zusätzlich Ingenieure, Spezialisten, die es nachher nicht mehr braucht. Das wäre ein typisches Leiharbeitsgeschäft, das über spezialisierte Unternehmen gedeckt wird.

Damit wäre ein Vorteil von Leiharbeit verschwunden: die geringeren Kosten.

Der Lohnkostenvorteil würde dann zumindest kleiner. Wenn es sich um vorübergehende Tätigkeiten handelt, kann es für die Unternehmen dennoch sinnvoll sein, hoch Qualifizierte über Leiharbeit einzustellen, weil Rekrutierungs- und Entlassungskosten nicht anfallen. Bei längerfristigen Einsätzen habe ich meine Zweifel, ob sich das rechnet. Ich habe den Eindruck, dass die Gesamtkosten der Externalisierung nicht richtig erfasst werden. Diese Kosten sind hoch, wenn eine Leistung auf Dauer zugekauft wird und der Risikofall, den man mit Leiharbeit vermeiden will, gar nicht eintritt. Riskant wird es auf jeden Fall, wenn das Kerngeschäft über Leiharbeit ausgelagert wird.

Warum ist Leiharbeit so erfolgreich?

Die Unternehmen können derzeit davon ausgehen, dass sie immer genügend Leihkräfte bekommen. Wenn aber Arbeitskräfte knapper werden und die Leiharbeitsfirmen nicht mehr die gleiche Qualität liefern, müssen sich die Unternehmen wieder selbst stärker um Mitarbeiter kümmern und mehr für die Qualifikation tun.

Warum ist das Engagement der Verleiher in Sachen Qualifikation so gering?

Offenbar ist die Fluktuation so hoch, dass die Verleiher kein Interesse an Ausbildung haben. Hinzu kommt, dass sie selbst keinen Betrieb haben, in dem sie etwas anderes als Personaldienstleister ausbilden können. Um mehr auszubilden, müssten sie ein berufliches Ausbildungszentrum einrichten. Sie tragen also selbst nicht zur Stärkung des Fachkräftereservoirs bei und sind angewiesen auf berufliche Bildung, die durch andere Unternehmen oder den Staat durchgeführt wird.

Wie könnte die Ausbildung in der
Verleihbranche verbessert werden?

Der beste Mechanismus wäre eine Umlage von 2 % der Bruttolohnsumme wie in Frankreich. Die geht in einen Branchenfonds, der in verleihfreien Zeiten Weiterbildung bezahlt. Auch in anderen Ländern gibt es solche Fonds, z. B. in Belgien und den Niederlanden. Die Kommission „Finanzierung lebenslangen Lernens“, die von der Bundesregierung eingesetzt worden ist, hat für die Leiharbeitsbranche einen Fonds vorgeschlagen und 2003 darüber einen Bericht vorgelegt. Der Vorschlag wurde aber niemals diskutiert.

Verleiher sagen, sie integrierten ehemals Arbeitslose in den Arbeitsmarkt.

Das ist kein starkes Argument, denn wer eine feste Stelle hat, wechselt kaum zu einem Leiharbeitsunternehmen. Die Branche hat keine anderen Bewerber als Arbeitslose. Und die gehen oft nur in die Leiharbeit, weil sie von den Arbeitsagenturen unter Druck gesetzt werden. Eine Branche, die nur Arbeitslose rekrutiert und nicht Arbeitnehmer, die aus anderen Unternehmen wechseln, ist eine Branche mit schlechten Arbeitsbedingungen.

Sollte Leiharbeit verboten werden?

Nein, aber wir brauchen mehr Transparenz und eine stärkere Regulierung.

Zur Transparenz: Was fehlt?

Die Branche ist in starkem Maße politisch reguliert, aber ich habe den Eindruck, dass Politiker kaum etwas über sie wissen. Wir brauchen dringend bessere Informationen über diesen Sektor. Die Informationspolitik darf aber nicht den Verbänden überlassen bleiben. Politiker müssen sich aus unabhängigen Informationsquellen eine Meinung bilden können. Dazu gehören auch Informationen über die Verleihdauer, über verleihfreie Zeiten und den Übergang in Beschäftigung.

Wie sollte die Branche reguliert werden?

Equal Pay, also die gleiche Bezahlung von Leih- und Stammkräften, ist für mich der Kern. Gleiche Bezahlung gilt aber nur für Ausleihe. In verleihfreien Zeiten muss, als untere Auffanglinie, ein Mindestlohn gezahlt werden. Der sollte im Westen bei mindestens 8,50 €, im Osten bei 7,50 € in der Stunde liegen.

Gleiche Bezahlung macht Leiharbeit unattraktiv, weil sie teurer wird.

Auch das hängt wieder davon ab, wie lange das Beschäftigungsverhältnis dauert. Bei kurzen Einsätzen ist sie weiterhin attraktiv, bei längeren weniger. Nach meinem Eindruck aus Gesprächen mit Vertretern der Branche herrscht die Überzeugung vor, dass Equal Pay kommen wird. Das ist europäischer Standard. Equal Pay schadet der Branche auch nicht. Es kommt dann zu einer Marktbereinigung: Schlechte Unternehmen werden ausscheiden, andere werden sich als Qualitätsanbieter profilieren. Sie übernehmen weitere Personaldienstleistungen, z. B. Rekrutierung und Qualifizierung. Die Branche verschwindet nicht mit Equal Pay.

Arbeitgeber rechtfertigen die niedrigere Bezahlung von Leihkräften mit deren geringerer Produktivität. Leisten Leiharbeiter weniger als Stammpersonal?

Das kann man nicht generell sagen. Es kann sein, dass Leihkräfte teilweise weniger produktiv sind, weil sie mal hier und mal da eingesetzt werden oder lange arbeitslos waren. Für Mitarbeiter mit weniger betrieblicher Erfahrung gibt es aber auch in normalen Arbeitsverhältnissen Regelungen, z. B. Einstiegslöhne. In normalen, einfachen Tätigkeiten ist die Produktivität von Leihkräften nicht niedriger als die der Stammbelegschaft, die der Spezialisten aus Verleihfirmen schon gar nicht.

In Art. 23, 2 der UN-Menschenrechtskonvention wird gefordert, dass für gleiche Arbeit auch der gleiche Lohn gezahlt werden muss. Warum gilt das nicht für Leiharbeit?

Das ist ein hehrer Grundsatz, von dem in der Praxis leider nicht viel zu sehen ist. Equal pay gilt nur für einen Betrieb, niemals für eine gesamte Volkswirtschaft. Nur in Skandinavien wurde mit einer solidarischen Lohnpolitik versucht, den Lohnabstand bei gleicher Tätigkeit über die gesamte Wirtschaft zu verringern. In Deutschland ist das weitestgehende Instrument für gleiche Bezahlung der Flächentarifvertrag.  H. STEIGER


Gerhard Bosch 

-ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

-Bosch, Jahrgang 1947, hat an der Universität Köln Volkswirtschaft und Soziologie studiert und an den Universitäten Dortmund, Osnabrück und Bielefeld gearbeitet.

-Von 1992 bis 2006 war er Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik in Gelsenkirchen.

-Bosch ist Mitglied des Aufsichtsrates von Mannesmann-Vallourec.

-Seine Forschungsgebiete sind Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik sowie Arbeitszeit und Personalpolitik. has

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