03.02.2012

Gewerkschaften bereit für ökologische Wende

Nachhaltigkeit: Immer mehr Menschen weltweit wollen gut leben. Gleichzeitig steigen Preise für Energie und Rohstoffe. Die Lösung wäre die ressourceneffiziente Gesellschaft. Doch technischer Erfindungsreichtum reiche nicht, meint der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Zur nachhaltigen ökologischen Wende gehöre auch gute Arbeit.

VDI nachrichten, Leverkusen, 3. 2. 12, ber

„Gute Arbeit heißt für Beschäftigte soziale Sicherheit, gerechte Bezahlung und Mitbestimmung im Betrieb“, sagte Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des nordrhein-westfälische Landesverband des DGB. Wie sich diese Aspekte mit dem notwendigen ökologischen Umbau vereinbaren lassen, diskutiert die Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen DGB-Landesverband während der Veranstaltungsreihe „Gute Arbeit und ökologischer Wandel“.

Thema der ersten Fachtagung war die Nachhaltigkeit in der Chemischen Industrie. Die Tagung fand im Entsorgungszentrum Leverkusen-Bürrig des Chemieparkbetreibers Currenta statt.

Die ökologische Wende berge Chancen und Risiken für die Beschäftigten, erklärte Reiner Hoffmann. Der NRW-Landesbezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), ist sich aber sicher, dass in Nordrhein-Westfalen die Chancen überwiegen. Hier gebe es eine innovative Industriestruktur und die Chemie werde – „ohne Schönfärberei betreiben zu wollen“ – als Problemlöser anerkannt.

Allerdings gehe es in der Chemiebranche heute eher um Beschäftigungssicherung denn um neue Arbeitsplätze. Hoffmann verwies auf eine Vereinbarung zwischen dem Chemiekonzern Bayer und dessen Betriebsrat, nach der bis 2015 alle Arbeitsplätze gesichert sind.

Solange Chemiefirmen wie Bayer vor allem in Deutschland forschten, ist Hoffmann um die Zukunft nicht bange. Er weiß allerdings auch, dass das Unternehmen heute überwiegend außerhalb des Landes investiert.

Ganz wichtig für die Zukunft der deutschen Chemie sind für Hoffmann engagierte Mitarbeiter wie bei Currenta. Der Chemieparkbetreiber hat 2008 sein Klimaschutzprogramm A++ beschlossen. Mit effizienterer Nutzung von Energie will die Firma bis 2012 für rund 15 % Energieeinsparungen sorgen und durch diese Maßnahmen rund 200 000 t weniger CO2 emittieren.

So wurde die Abluftverbrennungsanlage im Chemiepark Dormagen mit neuen Brennern, neuen Öfen und neuer Verfahrenstechnik ausgerüstet und die Abwärme wird jetzt effizienter zur Dampferzeugung genutzt. Das Ergebnis: Die jährlichen CO2-Emissionen sanken um 30 000 t.

Das Unternehmen setzt außerdem auf die Mitarbeiter und startete die Aktion „Energiefüchse gesucht“. Das sei ein riesiger Erfolg gewesen, erläuterte Theo Bonkhofer, Leiter von Currentas Klimaschutzprogramm. Die Mitarbeiter lieferten mehr als 350 Ideen mit einem Einsparpotenzial von 15 000 t CO2 pro Jahr.

Zwei Beispiele: Filter, mit denen entsalztes Wasser gewonnen wird, müssen regelmäßig regeneriert werden. Bislang wurden sie in einer Kreislaufwäsche so lange aufbewahrt, bis sie wieder genutzt wurden. Jetzt wird die Wäsche unterbrochen, wenn der Filter bereits regeneriert ist. Ab und an spart auch einfaches Ausschalten Energie. So liefen bei manchen Aggregaten die Systeme zur Kühlung oder Ölversorgung auch dann weiter, wenn die Turbinen, die Transformatoren oder Gleichrichter längere Zeit stillstanden.

Bis Ende 2011 konnte Currenta mit vielen solcher größeren oder kleineren Maßnahmen Emissionen von jährlich 159 000 t CO2 einsparen. Dennoch verfehlt der Chemiepark sein eigenes Ziel immer noch um gut 20 %. „Wir wollen jetzt einen Endspurt hinlegen“, versprach Bonkhofer.

Die Diskussionskultur mit den Mitarbeitern wird von Josef Tumbrinck, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Landesverbandes des Naturschutzbund Deutschlands (Nabu), anerkannt. „Hiervon können viele Firmen lernen.“ Er betonte aber auch, dass weitere CO2-Einsparungen notwendig seien, und sucht nach Wegen, wie dies ohne große Strukturbrüche im Industrieland Nordrhein-Westfalen zu erreichen ist.

Tumbrinck hat zwar keine Lösungen parat, meint aber, die Diskussion darüber solle sofort beginnen. „Je weiter man Lösungen auf später verschiebt, desto größer werden Strukturbrüche und um so mehr Arbeitsplätze werden bedroht.“ Zudem sollten sich alle Akteure daran beteiligen können.

Breit angelegte Diskussionen hätten sich bewährt, behauptete Tumbrinck mit Blick auf den Bau eines neuen Kraftwerks im Krefelder Hafen. Der Energieversorger Trianel wollte ein Steinkohlekraftwerk bauen, stieß aber auf Proteste der Bürger und der Lokalpolitik. Nach intensiven Diskussionen änderte Trianel seine Pläne und baut jetzt ein Gas- und Dampfkombikraftwerk, das ebenfalls ausreichend Dampf für Currentas Chemiepark in Krefeld-Uerdingen bereit stellt.

Aktivitäten wie bei Currenta förderten ein Umdenken im Umgang mit den Ressourcen, meinte Christa Liedtke. Sie leitet am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie die Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“. Es werde jedoch nicht reichen, den gegenwärtigen Trend der Verdopplung des Ressourcenverbrauchs bis 2030 weltweit umzukehren, sagte Liedtke.

Allein in Deutschland verbraucht jeder Mensch jedes Jahr rund 70 t an Ressourcen. „Wir müssen unseren Verbrauch mindestens auf 10 t senken“, forderte Liedtke. Sie erwartet weitreichende Veränderungen in Wirtschaft und Wertschöpfungsketten. „Modellrechnungen zeigen, dass diese Veränderungen mit positiven Beschäftigungseffekten in Deutschland verbunden sein können.“

Liedtke geht davon aus, dass sich künftig mit ökointelligenten Produkten und Dienstleistungen Geld verdienen lasse. Für Unternehmen bedeute dies, ressourceneffizientere Techniken einzusetzen und andere Geschäftsmodelle einzuführen.

Um diesen Übergang möglichst ohne Strukturbrüche zu gestalten, brauche es Experimente. Liedtke verwies auf das europäische Forschungsnetzwerk LivingLab. Firmen, Wissenschaftler und Verbraucher entwickeln und erproben hier Dienstleistungssysteme, die ein ressourceneffizienteres Leben ermöglichen.

Wo letztlich während der ökologischen Wende in Deutschland und anderswo Arbeitsplätze wegfallen und wo neue entstehen, lässt sich indes nicht vorhersagen. Für Hoffmann aber ist klar: Die deutsche Chemieindustrie brauche weiterhin qualifizierte Beschäftigte, die an guten Arbeitsplätzen diesen Wandel mitgestalten können. Gewinnen würden jene Unternehmen, die nicht auf billigste Mitarbeiter setzen, sondern auf Fachkräfte, die mitbestimmen. RALPH H. AHRENS

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