26.08.2011
Großteil der Pedelecs im Markt ist sicher
ELEKTROMOBILITÄT: Die Stiftung Warentest wirft Zweifel an der Sicherheit von Pedelecs auf: In Tests stießen die Prüfer auf instabile Rahmen und unzureichende Bremsen. Experten sehen allerdings kein generelles Qualitätsproblem. Probleme träten in erster Linie im Billigsegment und bei Nachrüstungen auf.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 26. 8. 11, kip
„Wir haben bis heute über 200 Pedelec-Modelle getestet. Dabei hat sich keine Marke als pauschal minderwertig oder unsicher erwiesen“, erklärte André Gläser, Leiter der Zertifizierungsstelle bei der Velotech.de GmbH in Schweinfurt. Für Pauschalurteile sei der Markt zu heterogen.
Seit zwei Jahrzehnten lotet das akkreditierte Prüfinstitut im Auftrag von Herstellern und Importeuren Belastungsgrenzen von Fahrrädern, ihren Komponenten und Baugruppen aus. In letzter Zeit kamen immer mehr Pedelecs und E-Bikes auf seine 27 unterschiedlichen Prüfstände.
Für Gläser konzentrieren sich die Qualitätsprobleme vor allem auf Billigangebote. Deren Hersteller würden teils Rahmen, Bremsen und Gabeln verbauen, die den zusätzlich auftretenden Belastungen nicht gewachsen seien.
Doch auch bei Markenmodellen in allen Preisklassen gebe es laut Gläser noch Verbesserungsbedarf – gerade im Bereich der Elektronik, der Akkus ihrer Ladegeräte. Dort sei darüber hinaus eine bessere Aufklärung der Händler wie auch der Kunden zum Umgang mit den Energiespeichern wünschenswert.
„Ein generelles Qualitäts- und Sicherheitsproblem von Pedelecs sehen wir aber nicht“, so Gläser. Damit relativierte er die Negativschlagzeilen, in die die Branche jüngst durch negative Testergebnisse der Stiftung Warentest geraten ist.
Die Tester waren bei aktuellen Pedelec-Modellen auf Rahmenbrüche, gerissene Ketten, völlig unzureichende Bremsen und Elektronikschäden gestoßen – und hatten damit eine entsprechende Kritik der Unfallforschung der Versicherer (UDV) bestätigt. Auch die UDV hatte Rahmenkonstruktionen und Bremsanlagen von Pedelecs bemängelt.
Bei Käufern dürfte das einige Verunsicherung auslösen. Zumal auch Gläser keine einfachen Kaufempfehlungen anbieten kann. Beispiel Rahmen: „Es gibt gute Rahmen aus Stahl, Aluminium und kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Doch wir stoßen jeweils auch auf instabile Konstruktionen“, berichtete er. Bei Bremsen ist es ähnlich. „Tendenziell ist man mit hydraulischen Scheiben- oder Felgenbremsen auf der sicheren Seite“, so der Ingenieur. Doch auch Seilzugbremsen mit guten Belägen böten Sicherheit, wobei der Verschleiß aber gegenüber Fahrrädern zunehme. Dagegen warnt er vor Rücktrittbremsen: „Spätestens ab 120 kg Gesamtgewicht sind sie ungeeignet.“
Während Laien bei der Wahl der Bremsen, Beläge und Rahmen auf den Rat und die Erfahrung ihrer Händler angewiesen sind, sollten sie diesen Rat beim Thema Nachrüstung mit Vorsicht genießen.
„Die Margen der Händler beim Nachrüsten sind sehr hoch“, erklärte Gläser, „doch kaum einer ist sich der rechtlichen Konsequenzen bewusst.“ Der Nachrüster werde durch den Umbau juristisch zum Gesamthersteller mit voller 10-jähriger Produkthaftung für das gesamte Rad und müsse für jeden Umbau die CE-Konformität inklusive Untersuchungen zur elektromagnetischen Verträglichkeit und Nachweise zur Akkusicherheit nachweisen. „Das ist schon allein aus finanziellen Gründen unmöglich“, warnte der Experte.
Neben den juristischen Fallstricken droht laut Gläser Ungemach durch mangelnde Betriebsfestigkeit: „Weder wissen die Händler etwas über die bisherige Belastung von Rahmen und Gabel oder etwaige Vorschäden, noch sind die Komponenten auf die höheren Kräfte und Momente ausgelegt.“
Velotech habe etwa an Gabeln mit Radnabenmotoren Antriebsmomente von 60 Nm gemessen. Belastungen, die bei normalen Fahrrädern nicht auftreten. Zwar lassen sie sich mit Drehmomentstützen abfangen. Doch längst nicht jeder Händler baut diese ein. „Vielmehr wird teils per Feile Platz für die Nabenmotoren geschaffen – und die Struktur so zusätzlich geschwächt“, warnte Gläser.
Aus genannten Gründen rät Velotech generell von Nachrüstungen ab. Bei Tüftlern, die im Internet unter www.pedelecforum.de Umbautipps austauschen, stößt diese Position auf Widerspruch. Dort argumentieren E-Radler u. a., dass das Mehrgewicht der Nachrüstsätze im Bereich der Schwankungen zwischen leichten und schweren Fahrern liege und längst nicht das Niveau von Reisegepäck, Einkäufen oder von Kleinkindern auf Kindersitzen erreiche.
Auch dürften die Antriebsmomente eines 250-W-Motors und die höheren Bremsbelastungen fortschrittliche Fahrräder kaum an Grenzen bringen, heißt es im Forum. Denn wo ein Pedelec-Antrieb ab 20 km/h schrittweise abgeregelt und bei 25 km/h ganz abgestellt werde, sei bei Bergabfahrten mit viel höheren Geschwindigkeiten zu rechnen.
Gläser kennt diese Argumente. „Das Mehrgewicht ist tatsächlich kein Problem“, sagte er. Und auch bei den Spitzengeschwindigkeiten hätten die Foristen recht. Doch das mittlere Tempo und mit ihm die Gesamtenergie stiegen mit den E-Antrieben deutlich. Liege es bei Fahrrädern in etwa zwischen 6 km/h und 12 km/h, steige es bei Pedelecs auf 15 km/h bis 25 km/h und bei S-Pedelecs sogar auf 25 km/h bis 35 km/h. Mit höherem Tempo nehmen jedoch die auftretenden Lasten um ein Drittel zu. Es wird härter und öfter beschleunigt und gebremst, wobei es im Alltag häufig vorkommt, dass Antriebsmomente der Nabenmotoren und Bremsmomente gegeneinander wirken.
Zudem verändert sich die Art der Belastung. Während Fahrbahnstöße bei Fahrrädern 70 % der Belastungen ausmachen, und auf Bremsungen 20 % und den Antrieb 10 % entfallen, verschiebt sich dieses Verhältnis bei Pedelecs. Dort machen Brems- und Antriebsmomente jeweils 25 % der Belastungen aus – und das auf weit höherem Gesamtenergieniveau.
„Es liegt auf der Hand, dass es dadurch wesentlich schneller zur Materialermüdung kommt“, so Gläser. Darum gebe kaum ein Fahrrad- und Komponentenhersteller seine Produkte für Nachrüstungen frei. Bei der Entwicklung von Pedelecs würden sie Rahmen, Gabeln, Bremsen an die zu erwartenden Belastungen anpassen – und die Betriebsfestigkeit dann zusammen mit Velotech oder anderen Prüfinstituten sicherstellen. PETER TRECHOW