29.07.2011
Gute Führung schützt vor Stress und Arbeitsausfall
Gesundheit: Nach dem Arbeitsschutzgesetz tragen Arbeitgeber und Führungskräfte Verantwortung für die Gesundheit und Sicherheit ihrer Mitarbeiter. Das beinhaltet auch eine Schutzfunktion. Viele Vorgesetzte seien nicht in der Lage, ihre Mitarbeiter vor den negativen Auswirkungen des wachsenden Veränderungstempos zu bewahren, meint BKK-Manager Alfons Schröer.
VDI nachrichten, Düsseldorf, 29. 7. 11, jul
Dass die Belastung der Mitarbeiter durch Stress zugenommen hat, räumen Personaler offen ein. Nur dagegen tun können sie nicht viel. Die Hilfsangebote an die Mitarbeiter beschränken sich zumeist auf das Erkennen von Stresssymptomen, auf ärztlich empfohlene Vorsorgemaßnahmen und Entspannungsübungen. So auch beim Elektronikhersteller Rohde & Schwarz in München.
„Stress vorzubeugen, ist ein Teil unseres Gesundheitsmanagements“, bestätigt HR-Mitarbeiterin Alev Troll. „Wir bieten dazu Vorträge, Sportangebote, Kurse zur Work-Life-Balance sowie diverse Entspannungstechniken wie beispielsweise Yoga an.“
Mitarbeiter und deren Angehörige können sich darüber hinaus an eine Sozialberaterin wenden, die unter anderem bei Fragen rund um Stress und psychische Belastungen berät – kostenlos.
Zu schämen braucht sich heute niemand mehr, dem die wachsende Unsicherheit und die ständigen Veränderungen im Arbeitsumfeld nervlich zu schaffen machen. „Das Thema ist heute stärker in den Medien präsent“, glaubt Adrienne Traut, Personalmanagerin bei MVV Energie in Mannheim, „deshalb sind die Mitarbeiter offener dafür geworden. Und dadurch werden auch mehr Unternehmen angeregt, es intern anzusprechen.“
Auch der Energieversorger macht sich Gedanken um die innere Balance seiner Mitarbeiter. Angeboten und stärker als früher nachgefragt werden Kurse zur progressiven Muskelentspannung, Seminare und Vorträge zum Stressmanagement und eine – selbstverständlich anonyme – Burn-out-Sprechstunde.
Zunehmend in den Blick der Unternehmen gerät der Stressfaktor schlechte Führung. BKK-Manager Alfons Schröer, im Nebenberuf Geschäftsführer des Vereins Unternehmen für Gesundheit e.V., spricht in diesem Zusammenhang von „psychotoxischen Chefs“. Damit meint er Vorgesetzte, die nicht in der Lage sind, ihre Mitarbeiter vor den negativen Auswirkungen des wachsenden Veränderungstempos zu schützen.
„Die Routinen der Mitarbeiter passen nicht zu der Geschwindigkeit, mit der die Menschen mit neuen Situationen konfrontiert werden“, sagt Schröer und fordert „gesundes“, also stressreduzierendes Führen. „Menschen sind dann gesund, wenn sie Sinn im Leben sehen und sich richtig einordnen können. Das wird immer schwerer. Es gehört zu guter Führung, den Mitarbeitern die Veränderungen aus der größeren Unternehmensumwelt zu vermitteln. Also können auch nur die Führungskräfte den Stress der Mitarbeiter verstärken und abschwächen.“
Bürokratische und hierarchische Strukturen begünstigen Stress, setzen der Kreativität und Motivation Grenzen und führen zu Frustrationen. „Anstatt übermäßig zu reglementieren und zu kontrollieren, sollten Spielräume angeboten werden, die eigenständiges Denken, Planen und Entscheiden ermöglichen“, verlangt Schröer. Vorträge, Beratungsangebote und Yoga-Kurse findet er zwar gut, hält es aber für zu kurz gegriffen. „Der Schlüssel liegt schlicht und ergreifend darin, dass man die Leute, die die Arbeit machen, an der Gestaltung der Arbeit beteiligen muss.“
Tatsächlich können Unternehmen, die ihren Mitarbeitern im Umgang mit Stress helfen wollen, noch viel mehr tun. Dazu gehören die regelmäßige Überprüfung des Aufgabenpensums und der Abbau von Überstunden. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, denn dauerhaftes Arbeiten unter Hochdruck senkt das Leistungsvermögen und führt zu Fehlern.
Gegen Stress und Überbelastung wirken auch flexible Arbeitszeiten, die auf die Zeitwünsche und die familiäre Situation der Beschäftigten eingehen, und mehr Gespräche zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Mehr und intensivere Kommunikation verbessere nicht nur die Leistungsmotivation, versichern Mediziner, sondern auch die Gesundheit der Arbeitnehmer.
Das Unternehmen Infraserv Höchst trainiert deshalb seine Führungskräfte nicht nur im Erkennen eigener, sondern auch fremder Anzeichen von Stress. „Wenn ich bei mir selbst Stresssymptome erkenne, kann ich es auch bei anderen“, begründet Martin Kern, Facharzt für Innere Medizin und Leiter Arbeits- und Gesundschutz bei dem Industriedienstleister, „jeder Mitarbeiter mit Personalverantwortung sollte eine entsprechende Schulung bekommen.“
Ebenso wichtig wie die Prävention seien die Bausteine Intervention und Rehabilitation. „Betroffene Mitarbeiter können sich entweder an unsere Betriebsärzte wenden oder an einen externen Partner.“ Im vertraulichen Gespräch würden dann geeignete Maßnahmen besprochen und eingeleitet. Die Personalabteilung erführe davon in der Regel nichts. Deshalb kann Kern auch nicht sagen, ob Ingenieure unter den stark oder weniger betroffenen Mitarbeitern seien. Nur so viel: „Die Statistik zeigt, dass der Krankheitsbereich Stress in den letzten Jahren leicht zunimmt.“
Wer darauf vertraut, dass sich der Stress im Laufe des Berufslebens von selbst abbaut, könnte eines Schlimmeren belehrt werden. Gerade ältere Arbeitnehmer leiden sehr unter psychischen Belastungen. Und das Arbeitsleben dauert künftig noch länger als bisher. „Neben vielen anderen Weiterbildungsmaßnahmen in Sachen Gesundheit, Ernährung und Bewegung bieten wir verschiedene Trainings an, mit deren Hilfe unsere Mitarbeiter den Risikofaktor Stress bewältigen lernen“, so Dieter Kroll, Personalvorstand von ThyssenKrupp Steel Europe. „Diese Seminare werden insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sehr gut angenommen. Denn vielen ist bewusst, dass sie sich angesichts einer längeren Lebensarbeitszeit für die eigene Gesundheit engagieren müssen.“
CHRISTINE DEMMER
Entspannt Steuern sparen
-Jedes Jahr kann ein Arbeitgeber jedem Beschäftigten bis zu 500 € spendieren, um sie steuer- und sozialversicherungsfrei für gesundheitsfördernde Maßnahmen einzusetzen.
-Verwenden können die Arbeitnehmer diesen Betrag für Maßnahmen, wie zur Rauchentwöhnung und zum Stressabbau.
-Gefördert werden nur Einzelprogramme, nicht der Beitrag im Fitnessstudio oder Verein.
-Kein Arbeitgeber ist jedoch verpflichtet, solche Unterstützung anzubieten. cd